Zeitung Heute : Weltpolitischer Sprengsatz

Die USA wollen neue Atomsprengköpfe bauen. Könnte damit wieder ein weltweites Wettrüsten beginnen?

Matthias B. Krause[New York]

Schon der Name versucht, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen: „Reliable Replacement Warhead“ – das bedeutet zuverlässiger Austausch-Sprengkopf – taufte die US-Regierung eine Entwicklung, mit der sie ihr Arsenal von Atomsprengköpfen ersetzen will, das noch aus den Zeiten des Kalten Krieges stammt. „Hier geht es nicht darum, ein neues Wettrüsten zu starten“, versichert der Chef der National Nuclear Security Administration, Thomas D’Agostino. Vielmehr müssten die alternden Sprengköpfe ausgetauscht werden, weil sie sich nicht mehr warten ließen. Ab 2012 sollen die neuen Sprengköpfe zum Einsatz kommen, die seien dann widerstandsfähiger und zuverlässiger, weil die Gefahr geringer sei, dass sie versehentlich detonierten.

Argumente, die die Kritiker im In- und Ausland nicht besänftigen. Russland, das bereits Einspruch gegen die Ausweitung des amerikanischen Raketenschutzschildes in Europa eingelegt hat, fühlt sich ebenso bedroht wie China. Für die aktuellen Abrüstungsverhandlungen mit dem Iran und Nordkorea sendeten die USA nun das falsche Signal, glauben sie. „Es besteht die dringende Notwendigkeit, die Zahl dieser Waffen zu reduzieren, nicht zu erhöhen“, sagt auch der Direktor der Arms Control Association in Washington, Daryl Kimball. „Diese Pläne alarmieren die Chinesen, die Russen und andere und werden dazu führen, dass auch sie ihre Raketen modernisieren.“

Selbst im US-Kongress regt sich nun Widerstand. Die demokratische Senatorin Dianne Feinstein beispielsweise lehnt George W. Bushs Raketenpläne ab. „Meine Sorge ist, dass in dem Augenblick, in dem man einen verbesserten Sprengkopf zum existierenden Arsenal hinzufügt, man praktisch eine neue Atomwaffe schafft“, sagt sie. Feinstein zweifelt zudem an der Behauptung der Militärs, die existierenden Sprengköpfe hätten das Ende ihrer Lebensdauer erreicht.

Die US-Regierung hatte am Freitag verkündet, dass das Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien den Zuschlag für die Entwicklung und den Bau der neuen Sprengköpfe erhalten habe. Der Entwurf der Kalifornier habe unter anderem den Vorteil, dass zum Bau der neuen Sprengköpfe nur bereits getestete Bestandteile benutzt würden. Der Kongress hatte bei der Vergabe entsprechender Forschungsgelder zur Auflage gemacht, dass keine neuen Atomtests notwendig werden. Die USA waren 1992 dem Abkommen für ein weltweites Verbot von Atomwaffentests beigetreten, ratifiziert haben sie den Vertrag jedoch bis heute nicht.

Die neuen Sprengköpfe sollen zunächst jene mit der Bezeichnung W-76 ersetzen, die in den frühen 70er Jahren entwickelt worden waren. Sie werden unter anderem auf den amerikanischen Atom-UBooten eingesetzt, jeder einzelne hat die siebenfache Sprengkraft der HiroshimaBombe. Von den 6000 abschussbereiten US-Atomsprengköpfen sind nach Expertenschätzungen rund 1500 vom Typ W-76. Derzeit gibt die US-Regierung jedes Jahr fünf Milliarden Dollar aus, um ihr Atomwaffenarsenal zu warten. Sie will die Zahl der aktiven Atomsprengköpfe bis 2012 von 6000 auf 2000 reduzieren. Damit die Entwicklung und Produktion des „Reliable Replacement Warhead“ beginnen kann, müssen Kongress und Präsident das Programm noch absegnen, das allein im ersten Jahr 116 Millionen Dollar kosten soll.

„Das wäre der erste Schritt, um Atomsprengköpfe auf einer regelmäßigen Basis zu entwickeln und zu bauen – ähnlich wie wir es im Kalten Krieg hatten“, sagte Lisbeth Gronland von der Union of Concerned Scientists der „Washington Post“. John Isaac, Direktor des Center of Arms Control and Nonproliferation, bezweifelt die Notwendigkeit für neue Waffen: „Basierend auf 50 Jahren Forschung und über 1000 unterirdischen Nukleartests ist das US-Atomwaffenarsenal für mindestens ein weiteres halbes Jahrhundert als sicher und zuverlässig befunden worden.“

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