Zeitung Heute : Weltweit auf Suche

Auch im Internet gibt es mittlerweile ein großes antiquarisches Angebot – nicht immer zur Freude der Händler

Cornelia Kubitz

Manchmal reichen ein paar Mausklicks und eine jahrelange Suche geht zu Ende. Noch vor wenigen Jahren war das kaum vorstellbar. Wer ein vergriffenes oder altes Buch finden wollte, musste Antiquariate durchkämmen oder auswärtige Händler anschreiben. Heute bieten antiquarische Internetplattformen Millionen von Büchern aus der ganzen Welt an. Doch der Einzug des neuen Mediums in die Gefilde des bedruckten Papiers ist in der Branche zu einem heiß diskutierten Thema geworden: Während die einen diese Vorteile preisen, wähnen die anderen einen regelrechten Kulturverfall.

Für Büchersammler, die wissen, was sie wollen, gestaltet sich die Suche im Internet meist schnell und unkompliziert. Häufig kann man gleich mehrere Suchergebnisse miteinander vergleichen: Thomas Manns Zauberberg zum Beispiel gibt es als seltene Erstausgabe von 1924 für 410 Euro oder als preisgünstige Bertelsmannausgabe für gerade einmal neun Euro. Allerdings unterscheiden sich auch für ein und dieselbe Ausgabe die Preise enorm, denn die Qualitätsunterschiede sind manchmal beträchtlich – und nicht ausreichend beschrieben. Denn etliche Händler sparen sich diesen Teil ihrer Arbeit gern ein.

Für Laien kommen noch weitere Probleme hinzu: Die Buchbeschreibungen der Antiquare sind nicht immer nachvollziehbar. Zudem bieten viele Privatleute ihre Bücher mit ganz subjektiven Beschreibungen an. Abrufbare Verzeichnisse mit den Standardabkürzungen können da eine Hilfestellung geben. Doch wer sich ohne die fachkundige Beratung eines Antiquars zurecht finden will, muss sich mitunter durch einen wilden Informationsdschungel schlagen.

Aber nicht nur für Käufer, auch für die Verkäufer hat der Internethandel verschiedene Facetten. Je mehr Exemplare eines Werkes vorhanden sind, desto eher sinkt ihr Preis im Internet. Einerseits macht diese neue Transparenz vielen Antiquaren zu schaffen, weil die Preise in den Geschäften verdorben werden. Andererseits bringt ihnen gerade das Internet einen größeren Interessentenkreis als das Ladengeschäft. Und so steigen auch entgegen der allgemeinen Buchhandelskrise die Verkaufszahlen im Onlinehandel. Jedes zehnte gebrauchte Buch wird mittlerweile online gekauft. Mehr als die Hälfte der deutschsprachigen Antiquariate sind in den Internetplattformen vertreten.

Zwischen Angebot und Nachfrage

Im ZVAB, dem Zentralen Verzeichnis antiquarischer Bücher, bieten derzeit 1256 Antiquariate aus 20 Ländern, davon 130 allein aus Berlin, über 7,1 Millionen Bücher an. „Antiquare sind im Grunde die einzigen richtigen Buchhändler“, stellt Anja Nietz vom ZVAB fest. „Sie sind nicht wie die Sortimentsbuchhändler an den festen Buchpreis gebunden, sondern handeln mit ihrer Ware je nach Angebot und Nachfrage.“ So können vergriffene Science-Fiction-Taschenbuchromane von Heyne heute 100 Euro kosten. Für Neuerscheinungen wie zum Beispiel Martin Walsers Tod eines Kritikers braucht man mitunter nur zwölf Euro zu bezahlen.

Das wiederum verdirbt den Buchhändlern die Freude. Als neuen Service vermitteln deshalb jetzt auch einige Buchhandlungen antiquarische Bücher, die sie über das Buchhändlerprogramm Antiquaria aus dem Internet beziehen. Der Buchhändler bestellt dabei für den Kunden im Buchladen den gewünschten Titel für einen festgelegten Aufpreis.

Ob der Käufer mit dem Zustand des gebrauchten Buches zufrieden ist, stellt sich natürlich erst bei der Ankunft des guten Stücks heraus. Allerdings kann man das bestellte Stück innerhalb von zehn bis vierzehn Tagen wieder zurücksenden.

Für manche Händler hat das neue Geschäft mit den alten Büchern sogar eine Art politische Dimension. „Das Internet bewirkt eine Demokratisierung des Antiquariatswesens“, meint beispielsweise Gerhard Kütbach vom Antiquariat „Die Geisterschmiede“ in Prenzlauer Berg. „Nur wer das nötige Geld hatte, konnte früher gedruckte Kataloge an seine Kunden verschicken.“ Online hätten auch die kleinen Antiquariate die Möglichkeit, ihre Sammlungen anzubieten.

Ein Schatz an Erfahrungen

Sein Kollege Wolfgang Braecklein betont darüber hinaus die Rolle des Antiquars. Der Händler aus Berlin-Friedenau pflegt noch die Form gedruckter Kataloge und nutzt das ZVAB nur als „ein kleines Standbein“. Seine wertvollen Drucke aus dem 17. bis 19. Jahrhundert finden eher auf traditionellem Wege Abnehmer. Braecklein handelt seit über 26 Jahren mit antiquarischen bibliophilen Büchern und weiß, wie wichtig die Persönlichkeit des Antiquars ist. Das ist wie bei einem guten Lehrer in der Schule, meint er. Der vermittelt nicht nur den geplanten Lehrstoff, sondern beeinflusst die „Schüler“ mehr oder weniger bewusst durch seinen persönlichen Erfahrungsschatz. Braecklein bedauert vor allem die kurzatmige Suche im Internet: „Die Menschen glauben, dass sie im Internet eine erschöpfende Antwort bekommen.“

Ähnliche Zweifel hegt Bernd Prätorius, einer der Messeveranstalter der Liber Berlin. „Der Antiquar ist einer, der alte Bücher anbietet, sie pflegt, sie gegebenenfalls reparieren lässt und sie in bestimmte Zusammenhänge stellt“, sagt er über den Beruf eines Antiquars. Durch das Internet, „ein wunderbares Instrument für Büchersuchende“, entstehe jedoch eine „gewisse kulturelle Verkommenheit“. Dort gehe es dann oft nur noch ums Verkaufen.

Darüber hinaus seien viele Werke, die früher als Seltenheit gehandelt wurden, auf einmal kaum noch etwas wert. Andere erhielten durch ihre Einmaligkeit im Internet einen höheren Stellenwert. Dadurch befinde sich die gesamte Branche im Umbruch, meint Prätorius. Er nimmt an, dass in den nächsten Jahren die Raritäten aus den großen Verzeichnissen verschwinden. Die Antiquare würden wieder eine direkte Kundenbindung suchen.

Trotz allen Komforts wird das Internet allein schon qua seines Wesens das Stöbern in den Regalen nie ersetzen können, meinen die Antiquare einhellig: Auf dem Bildschirm werde man nie den Geruch alten Papiers wahrnehmen, nicht die Kerben in einem Einband ertasten oder dessen Knarren beim Öffnen des Buches hören. Dieses sinnliche Erlebnis gehöre in eine andere Welt, in die man manchmal nur kurz reinschauen wollte und aus der man dann nach Stunden mit einer Tasche voller Bücher wieder herauskomme. Verführt und inspiriert.

Internetadressen für Sammler:

www.abebooks.de , www.alibris.com , www.amazon.de , www.antiqbook.nl , www.antbo.de , www.biblioBase.org , www.booklooker.de , www.chapitre.com , www.zeusmann.de , www.zvab.de , www.sfb.at (umfassende Meta-Plattform der oben genannten antiquarischen Verzeichnisse, jedoch nicht immer treffsicher), www.ILAB-LILA.com , www.extrabooks.de , www.buchanzeigen.de , www.antikbuch24.de .

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