Zeitung Heute : Weltweit operierend

Wenig Geld und Mängel bei der medizinischen Versorgung – die Truppe ist sauer

Sven Lemkemeyer

Der Wehrbeauftragte des Bundestags spricht in seinem Jahresbericht von Frustration und Demotivation bei der Bundeswehr. Womit hängt das zusammen – und was sind die Folgen?


Sie sind in Afghanistan und im Kosovo, nehmen an internationalen Missionen in Bosnien, im Mittelmeer und am Horn von Afrika teil und höchstwahrscheinlich dürfen sich die Soldaten der Bundeswehr darauf einrichten, demnächst dabei zu helfen, die Wahlen in Kongo zu sichern.

Immer mehr Anforderungen bei immer weniger Geld – der Frust in der Truppe ist nicht mehr zu leugnen. Dies ist die wichtigste Erkenntnis des Wehrbeauftragten Reinhold Robbe (SPD), der am Dienstag seinen ersten Jahresbericht vorlegte. Robbe, seit zehn Monaten im Amt, erreichten 2005 rund 5600 Eingaben. Das sind zwar zehn Prozent weniger als 2004. In den ersten Monaten dieses Jahres sei die Zahl aber wieder um 20 Prozent gestiegen, betonte Robbe in Berlin. „Aus dem Rückgang der Eingaben im Jahr 2005 auf eine Beruhigung in der Truppe zu schließen, ist verfehlt“, sagte der Wehrbeauftragte.

Viele Soldaten seien wegen der Finanzlage verbittert, erklärte Robbe. Die jüngsten Einschnitte beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld, die geplante Versteuerung von Übergangsgeldern und Änderungen beim Verpflegungsgeld sind die Gründe für den großen Unmut unter den Soldatinnen und Soldaten. Robbes eindringlicher Appell: „Die Bundeswehr ist keine Kuh, die man melken kann.“

Er forderte in diesem Zusammenhang auch, die Besoldung in Ost und West schneller anzugleichen. Die unterschiedliche Bezahlung demotiviere ganz eindeutig die Soldaten, die dort eingesetzt würden. Aus Sicht des Wehrbeauftragten verständlich, denn es gebe keine Begründung für das Gefälle: „Mir fällt dazu auch nichts ein“, sagte Robbe. Der Vergleich mit den Beamten sei jedenfalls nicht gerechtfertigt, denn ein Soldat setzte im Notfall sein Leben aufs Spiel.

Enttäuscht sind viele Soldaten auch darüber, dass Beförderungen ausbleiben, weil gerade bei Mannschaftsdienstgraden und Unteroffizieren die Planstellen fehlen – und sie somit auch nicht mehr Sold bekommen.

Schon seit längerem beklagt die Truppe die Folgen der vielen Auslandseinsätze – derzeit sind 6659 deutsche Soldatinnen und Soldaten an weltweiten Operationen beteiligt. Ging es bisher meistens um zu kurze Abstände zwischen einzelnen Einsätzen oder die psychische Belastung, macht sich die starke Fokussierung auf die internationalen Missionen jetzt auch in einem anderen Punkt an den Heimatstandorten bemerkbar: Dort leidet die medizinische Versorgung der Bundeswehrsoldaten, weil viele Sanitätsbereiche aus Spargründen geschlossen oder zusammengelegt würden, erläuterte Robbe. In den Bundeswehrkrankenhäusern gibt es laut Robbe zum Teil „besorgniserregende Personalengpässe“ bei Ärzten und Assistenzpersonal. Dies bestätigte auch der Chef des Deutschen Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz. Der Sanitätsdienst gebe zwar sein Bestes, um in den Einsätzen zu funktionieren. Die Kapazitäten reichten aber nicht aus, um überall eine ausreichende Versorgung sicherzustellen, sagte Gertz dem Tagesspiegel.

www. wehrbeauftragter.de

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