Weltwirtschaft : Schlussverkauf an den Börsen Von Ursula Weidenfeld

Normalerweise ist ein Konjunkturpaket im Wert von 145 Milliarden Dollar Anlass genug für die amerikanische Börse, mit einem satten Plus zu reagieren. Wenn der Staat Schecks an seine Bürger verteilt, ist das in Amerika immer noch ein Grund gewesen, einkaufen zu gehen. Das hat meist gereicht, um der Konjunktur den nötigen Schubs nach oben zu verpassen. Diesmal aber glauben die Börsianer nicht an diese Wirkung. Die amerikanischen Unternehmen verloren am Freitag an Wert, asiatische und europäische Börsen brachen am Montag regelrecht ein. Minus sechs Prozent beim Dax am späten Nachmittag – schlimmer waren die Verluste in diesem Jahrtausend nur am 11. September 2001, als Terroristen das World Trade Center in New York angriffen.

Ist das schon der große Börsen- Crash? Noch nicht. Aber die Verkäufe trugen Züge von Panik. Eine Fortsetzung der Abwertung in den nächsten Wochen ist nicht ausgeschlossen. Viele Argumente, die bisher auf der Habenseite der Weltwirtschaft gebucht wurden und die miserablen Nachrichten von der amerikanischen Immobilienkrise überwogen, werden schwächer. So galt es bisher als ausgemacht, dass Europa, Japan, vor allem aber Asien Amerika als Konjunkturlokomotive ablösen könnten. Doch auch in diesen Weltregionen lässt das Wirtschaftswachstum jetzt nach. Da China zudem noch zum größten Kreditgeber der amerikanischen Wirtschaft geworden ist, ist die Situation doppelt riskant. In Europa werden die großen Banken wohl noch Milliardenwerte abschreiben müssen. Die Commerzbank gab zu, dass es weitere Verluste mit Immobilienpapieren gegeben hat. Am 7. Februar muss die Deutsche Bank Farbe bekennen. Die West LB ist nach IKB und Sachsen LB die dritte öffentlich-rechtliche Bank, die auf Staatshilfe angewiesen ist, um überleben zu können. Bei den europäischen Großbanken ist die Lage ebenfalls angespannt.

Nicht einmal die Entschlossenheit der Notenbanken, dem Markt mit niedrigeren Zinsen und Liquidität auf die Beine zu helfen, zündet. Selbst wenn sich das noch ändern und die Konjunktur in den USA drehen sollte: An der Tatsache, dass Amerika jahrzehntelang über seine Verhältnisse gelebt hat und irgendwann dafür bezahlen muss, ändert das nichts. Die US-Notenbank hat zwar alle Krisen seit 1987 durch niedrigere Zinsen fix bereinigen können, den Aufschwung aber bekam sie nicht in den Griff. Die Auswirkungen der Asienkrise 1997 waren nach wenigen Monaten vergessen und wichen der Spekulation in Internetwerte. Als das im Jahr 2000 platzte, nahm die Notenbank den Marktteilnehmern wieder einen Teil des Risikos ab, erst recht nach den Terroranschlägen des 11. September 2001. Die Folge: Billiges Geld wurde massiv in Immobilienwerte gepumpt, Beteiligungsgesellschaften und Hedgefonds nutzen die niedrigen Zinsen für Einkaufstouren in aller Welt.

Auch jetzt haben die Notenbanker keinen Zweifel daran gelassen, dass sie alles unternehmen werden, um das Abgleiten der Weltwirtschaft in die Rezession zu verhindern. Auch jetzt werden sie alles daransetzen, Banken zu retten, die sich verspekuliert haben. Vielleicht ist das sogar richtig. Dennoch: Solange institutionelle und private Anleger die Erwartung haben können, dass die Allgemeinheit ihnen einen Teil des Risikos abnimmt, werden sie in der Tendenz zu hohe Risiken eingehen – vor allem dann, wenn sie wie Investmentbanker durch hohe Bonuszahlungen dazu animiert werden. Insgesamt hat vor allem die US-Notenbank es in den vergangenen zehn Jahren zwar geschafft, die Weltwirtschaft zügig aus rezessiven Phasen zu befreien. Sie hat aber nicht dafür gesorgt, dass die Kapitalbesitzer im Aufschwung diese Hilfe zurückgezahlt haben, indem sie beispielsweise angemessen hohe Zinsen hätten hinnehmen müssen. Es gab immer viele, manchmal auch gute Gründe, die Konjunktur gerade jetzt nicht zu bremsen. In der Gesamtheit aber hat das mit dazu geführt, dass sich die Risiken für die Weltwirtschaft über die vergangenen zehn Jahre hinweg nicht vermindert, sondern zusammengeballt haben. Für die Weltwirtschaft sind das keine beruhigenden Nachrichten – auch nicht, wenn es jetzt keinen Crash gibt.

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