Zeitung Heute : Wem nicht mehr zu helfen ist

Steffen Hudemann Rainer Woratschka

Der Tatverdächtige im Fall Mitja war wegen sexuellen Missbrauchs mehrfach vorbestraft. Welche Möglichkeiten hat der Rechtsstaat, um die Gesellschaft vor Wiederholungstätern zu schützen?


An Einfallsreichtum mangelt es nicht im Umgang mit Sexualstraftätern. Die Bemühungen wirken bisweilen bizarr. In den USA haben Therapeuten etwa den Versuch einer Konditionierung unternommen. Sie spielten inhaftierten Triebtätern Pornofilme vor – und immer wenn sich bei den Betroffenen etwas regte, erhielten diese einen Stromschlag an die Genitalien. Auch die Kastration wurde schon als Mittel gegen Sexualstraftaten probiert. Geholfen hat keine dieser Maßnahmen.

Nach dem Mord an dem neunjährigen Mitja aus Leipzig stellt sich die Frage, wie der Staat mit Sexualstraftätern umgehen soll, für die eine Sicherungsverwahrung nicht in Betracht kommt. Im Fall Mitja war der mutmaßliche Täter vorbestraft. 1998 war er wegen des versuchten Kindesmissbrauchs zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung und anschließender Führungsaufsicht verurteilt worden. Und wie am Dienstag bekannt wurde, saß K. bereits in den 80er Jahren in der DDR wegen Sexualdelikten mehrere Jahre in Haft.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Sexualmörder schon früh wegen anderer Delikte auffallen. Um kriminelle Karrieren solcher Täter zu verstehen, hat die Kriminologische Zentralstelle in Wiesbaden die Vorgeschichte von später zu Sicherungsverwahrung verurteilten Sexualstraftätern ausgewertet. Der Großteil war vorbestraft. Jedoch war nur ein Drittel zuvor wegen Sexualdelikten aufgefallen, 41 Prozent dagegen wegen Eigentums- oder Vermögensdelikten. Der spätere Sexualmörder kann also schon als Spanner oder Grapscher in Erscheinung getreten sein, vielleicht auch nur als Ladendieb oder aber gar nicht. Selbst wenn man alle Sexualtäter für immer einsperren würde, was rechtlich wie praktisch unmöglich ist, wären zwei Drittel der potenziellen Täter weiterhin frei. Und nicht jeder Sexualstraftäter wird rückfällig. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Triebtäter erneut ein Sexualdelikt begeht, liegt bei etwa 20 Prozent. Das Risiko ist höher, wenn der Täter bestimmte Schwellen bereits überschritten hat. Etwa wenn er Gewalt angewandt oder sich an fremden Kindern vergangen hat.

Im Umgang mit pädophilen Straftätern gehe man „bereits bis an die Grenzen des verfassungsrechtlich Möglichen – und dies zu Recht“, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Richterbundes, Christoph Frank. Ein Restrisiko bleibe in einer freien Gesellschaft immer. Man könne „nicht jeden Pädophilen, der zunächst nur durch weniger schwere Taten auffällt, lebenslang wegsperren“. Der Strafrahmen reiche aus. Um das Rückfallrisiko zu senken, hat der Bund 2003 das Strafvollzugsgesetz geändert. Seitdem muss sich jeder, der wegen eines Sexualdelikts zu mehr als zwei Jahren Haft verurteilt wurde, einer Sozialtherapie unterziehen. Wer in der Haft Therapieangebote nicht wahrnehme, dürfe nicht vorzeitig entlassen werden, sagt Frank. „Aber man kann und sollte die prognostischen Möglichkeiten noch verbessern.“

Experten haben aber Zweifel am Sinn von therapeutischen Maßnahmen. „Eine Therapie kann nur erfolgreich sein, wenn der Täter sich ihr freiwillig unterzieht. Eine unfreiwillige Therapie gibt es nicht“, sagt der Kriminologe und frühere niedersächsische Justizminister Hans-Dieter Schwind. „Ein Triebtäter ist nicht rational ansprechbar“, sagt er. Eine Therapie müsse immer auf die Ratio zielen, doch diese sei gerade bei Sexualstraftätern wenig ausgeprägt. Erst wenn der Täter selbst versuche, sich von seiner Neigung zu befreien, steige die Chance, dass eine Therapie erfolgreich ist. Zwar könne es eine Heilung von den sexuellen Neigungen nicht geben, doch der Patient könne lernen, die Triebe einzudämmen, sagt Schwindt.

Wem nicht mehr zu helfen ist, den kann der Staat wegsperren. Allen anderen hilft er, so gut es geht. Mehr kann er nicht tun.

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