Zeitung Heute : WENDE AUF DEM BALKAN: Amerikas Krieg, Europas Frieden

BERND ULRICH

Normalerweise funktioniert Europa in Fragen von Krieg und Frieden so: Die USA beschließen eine Intervention, die Briten springen ihnen aus alter Verbundenheit bei, die Franzosen wollen in diesem Bunde aus Gründen der Ehre und der Geostrategie dabeisein, während die Deutschen herumdrucksen, murrend und jasagend.Frieden wiederum ist dann, wenn es ein US-Präsident vor den Fernsehkameras erklärt - nach einer langen Nacht, in der wichtige Männer, vor allem Amerikaner, zusammengesessen haben.

Diesmal läuft es etwas anders.Der Finne Martti Ahtisaari hat aus Belgrad den Frieden oder doch eine starke und begründete Hoffnung darauf mitgebracht.Noch in der Nacht zum Freitag formulierten die Europäer eine entsprechende Kosovo-Resolution für den UN-Sicherheitsrat aus - "ohne Klammern", wie es hieß, also: einstimmig bis ins Detail.Dieser Friedensprozeß sieht ungewöhnlich wenig amerikanisch aus, dafür recht europäisch.Daraus kann man zweierlei schließen: Entweder wird das kein echter Frieden, oder: Die Europäer haben außen- und sicherheitspolitisch einen bedeutenden Schritt nach vorn gemacht.

Dafür spricht, daß an dem Tage, als die finnische Friedenstaube in Köln landete, die EU dort eine entschiedene Erklärung zur gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik verabschiedet hat.Dafür spricht noch mehr, daß der erfolgreiche Javier Solana den Posten des Nato-Generalsekretärs aufgibt und erster Europäischer Außenminister wird.Das hätte man noch vor zehn Wochen einen beruflichen Abstieg genannt.

Irgendetwas ist geschehen in diesen zehn Wochen, etwas, was die Europäer näher zusammengebracht hat.Noch der Weg hin zur Nato-Intervention lief nach dem bekannten Muster ab, bei dem die Amerikaner dominieren und die Europäer sich national aufsplittern.Doch dann entstand wirklich eine Art von europäischer Kriegs-Diplomatie - aus Angst vor dem Einsatz von Bodentruppen und in dem Willen zur Selbständigkeit gegenüber den USA.Man hat die russische Führung integriert, sich bei den Chinesen für die Botschafts-Bombardierung wirkungsvoll entschuldigt.Und man hat in den vergangenen Tagen ebenso mutig wie rücksichtslos auf Hoffnung umgeschaltet.Kein geringer Erfolg, wenn man bedenkt, daß die Europäer nur ein Drittel der Kriegslast tragen.Wenn die kommenden Tage und Wochen tatsächlich den Frieden bringen, dann wird man behaupten können: Die Europäer haben sich emanzipiert.Wenn nicht, dann werden die Amerikaner mit Recht sagen können: Überlaßt die ernsten Sachen in Zukunft weiter ganz den großen Jungs.

Für die Menschen auf dem Balkan kann man nur hoffen, daß es gelingt - für die EU und die Nato auch.Die EU wird erfahren haben, daß Geld allein nicht einig macht.Und innerhalb der Nato könnte etwas entstehen, was in den westlichen Demokratien sonst groß geschrieben wird: Checks and Balances.Wenn es auf der Welt nur ein einziges, allen überlegenes Militärbündnis gibt, dann kann es nicht schaden, wenn wenigstens innen ein gewisses Gleichgewicht der Kräfte herrscht und wenn dort ein stärkerer europäischer Ton durchscheint.

Vom Balkan ist zu Beginn des Jahrhunderts der europäische Selbstzerstörungsprozeß ausgegangen.Nun, am Ende des Jahrhunderts, kann dort die Einigung des Kontinents vollendet werden - so könnte man es formulieren.Sollte man aber nicht.Denn das wäre schon wieder mehr Pathos, als die Sache verträgt.Immerhin ist Europa nach diesem schrecklichen, vielleicht gerade mal eben gutgegangenen Krieg, ein Stück weiter.Das schon.

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