Zeitung Heute : Wende in Jugoslawien: Revolution im Netz

Dietrich Kluge

Die Straßen von Belgrad sind jetzt der Ort der Revolution. Hier wurde das Parlamentsgebäude in Brand gesetzt, hier kämpft das Volk um die Zukunft Jugoslawiens. Doch die Revolution findet auch im Internet statt. Allerdings herrschen hier andere Gesetze. Während sich in Jugoslawien der Kampf zwischen dem Volk und dem Regime durch die Besetzung der Machtzentralen entscheidet, tobt im Netz der Meinungsstreit. Dabei wird eines deutlich: neue Informationen verdrängen die alten.

Noch steht die virtuelle Regierungszentrale des scheidenden Herrschers Slobodan Milosevic, noch können sich Interessierte per Mausklick auf der offiziellen Regierungs-Homepage über den Familienstand und die glorreiche Regierungsarbeit des Diktators informieren. Sogar via E-Mail soll "Slobo" noch zu erreichen sein. Aber es werden kaum Dankesbriefe sein, die ihn in diesen Tagen noch erreichen. Und falls doch, bleibt die Frage, wo er sie lesen wird.

Nachrichten fürs Volk

Institutionen, die einst Milosevic dienten, haben eilig ihren Netzauftritt renoviert. Der Neuanstrich fällt kaum auf und fügt sich nahtlos in die alte Web-Präsenz ein. "Tanjug is with the people" ist auf der Website der einstmals regimetreuen Nachrichtenagentur zu lesen. Auf dieser Seite verwandelt sich die bunte Bilder-Welt des Internets plötzlich in ein Museum: mit zeitgeschichtlichen Dokumenten und dem zeitlosen Antlitz einer patinaüberzogenen Bronzeplatte.

Die Berichterstattung im Netz ist nicht schneller als die im Rundfunk oder Fernsehen. Aber sie ist nachhaltiger. Hier bleibt bestehen, was längst Geschichte ist. Hier stehen noch die Ruinen, die in der Wirklichkeit nicht mehr existieren. Und hier kündigt sich auch das neue Leben an, der freie und unzensierte Fluss der Informationen aller Fraktionen. Nachdem im Mai diesen Jahres die Redaktionsräume des Oppositionssenders B2-92 gestürmt und der Sendebetrieb durch Sanktionen des Regimes eingestellt wurde, kann nun die Rückkehr zum freien Sendebetrieb verkündet werden. Selbstbewusst tun das die Macher im Internet - nicht zuletzt, weil neben der satellitengestützten Ausstrahlung des Radioprogrammes die freie Entfaltung der Meinungen im Netz aufblüht. Der Sender stellt seine Dienste auch für den Informationsaustausch über Mailing-Listen bereit. Diese werden seit den letzten Tagen stark frequentiert.

Aus aller Welt regnet es Glückwünsche zum Volksaufstand, etwa von französischen Schulkindern. Ein gewisser "Keith" fragt im Freudentaumel sogar, ob sich die USA das geflohene Staatsoberhaupt nicht für die im Weißen Haus zu vergebende Präsidentenstelle ausborgen könnte. Ein "Nino" aus Norwegen vermutet dagegen hinter dem Oppositionskandidaten Kostunica eine "NATO-Marionette" - und erntet bitterböse Antworten. Dises Forum soll erst der Anfang sein. In Zukunft werde man, so wird auf der Homepage von den B2-92-Machern angekündigt, die Möglichkeiten des World Wide Webs verstärkt für die Verbreitung von Informationen nutzen.

Das Internet hat die jugoslawische Geschichte dieser Tage nicht gemacht, vielleicht taugt es nicht einmal zur Berschleunigung des Geschehens. Aber es spiegelt in seiner vielfältigen Art die Möglichkeiten freier Kommunikation wider. Die einzigartige Leistung des Internets besteht in der Multiplikiation einzelner Meinungen, auch wenn in den Tagen der Revolution nicht alle virtuellen Ruinen abgerissen werden.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben