Zeitung Heute : Wenig beackert

Die Preise für Nahrungsmittel haben sich seit 2005 weltweit im Durchschnitt verdoppelt. Die Weltbank warnt vor Hungerkatastrophen in Entwicklungsländern. Welche Folgen kann diese Entwicklung haben?

Dagmar Dehmer

In rund 30 Ländern haben die steigenden Preise für Nahrungsmittel bereits zu Unruhen geführt – am dramatischsten in Haiti, wo Präsident René Preval am Donnerstag verzweifelt an seine Landsleute appellierte: „Die Lösung liegt nicht darin, herumzulaufen und Läden zu zerstören. Ich gebe euch den Befehl, damit aufzuhören.“ In dem karibischen Inselstaat, wo die meisten Menschen von weniger als zwei Dollar am Tag leben müssen und 40 Prozent der Bevölkerung schon jetzt unterernährt sind, zeigen sich die Folgen der steigenden Preise beispielhaft.

Allein seit Februar sind die Preise für Getreide und Hülsenfrüchte auf dem Weltmarkt nach Angaben des Welternährungsprogramms (WFP) um 20 Prozent gestiegen. Um seine Lebensmittelhilfe in rund 78 Ländern aufrechterhalten zu können, hat das WFP inzwischen um eine halbe Milliarde Dollar mehr Geld gebeten. Bis vor einem Jahr schien es für Lebensmittelpreise zumindest in den Industriestaaten dagegen nur eine Richtung zu geben – nach unten. Doch innerhalb der vergangenen Monate sind die Preise raketenhaft nach oben geschossen. Gründe dafür gibt es viele: Der wichtigste dürften die veränderten Ernährungsgewohnheiten einer wachsenden weltweiten Mittelschicht sein. In den schnell wachsenden Volkswirtschaften wie China, Indien oder Brasilien kommt immer mehr Fleisch auf den Tisch. In der Volksrepublik zum Beispiel stieg der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch seit 1980 um 150 Prozent. Und damit nimmt auch der Bedarf an Futtermitteln zu.

Ein weiterer Faktor ist der hohe Ölpreis. Für die Bearbeitung von Feldern, aber auch die Produktion von Düngern wird Öl gebraucht. Joachim von Braun vom amerikanische Ernährungs-Think- Tank IFPRI weist darauf hin, dass „die Energie- und landwirtschaftlichen Rohstoffpreise immer mehr voneinander abhängen“. Dazu trägt auch bei, dass zum Beispiel in den USA ein Drittel der Maisrekordernte des vergangenen Jahres in die Produktion von Biosprit geflossen ist. Hinzukommen die gesunkenen Nahrungsmittelreserven. Nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) sind sie auf dem niedrigsten Stand seit 25 Jahren angelangt. Außerdem heizen Spekulanten die Preise weiter an. Obwohl die FAO im vergangenen Jahr eine Rekordernte bei Getreide registrierte, konnte diese Produktionssteigerung mit der gestiegenen Nachfrage nicht mithalten. Zudem gab es in wichtigen Erzeugerländern wie zum Beispiel Australien dramatische Ernteausfälle. Die Weizenernte Australiens wurde 2007 nach einer fünfjährigen Dürre fast komplett zerstört. Im Süden Afrikas ruinierten Überflutungen und vorangegangene Dürren die Ernten. Ein Trend, der sich beispielsweise in Simbabwe auch in diesem Jahr fortsetzt. Die FAO warnte, die Maisernte in dem südafrikanischen Krisenstaat könne einer Dürre zum Opfer fallen. In Bangladesch wiederum zerstörten ein Zyklon und die darauffolgenden Überflutungen fast die gesamte Ernte des vergangenen Jahres. Angesichts des Klimawandels dürften solche wetterbedingten Katastrophen eher zunehmen, warnt die FAO.

Ernährungsexperte von Braun sagt, er halte die steigenden Lebensmittelpreise „für ein ernsthaftes Sicherheitsproblem“. Eine Analyse, die sich in Haiti bereits bestätigt. Aber nicht nur dort. In Ägypten, Tunesien, im Senegal, in Kamerun, Mauretanien oder der Elfenbeinküste gab es in den vergangenen Wochen gewaltsame Proteste gegen die steigenden Preise. Der in unbekannte Höhen steigende Reispreis könnte mehrere Regierungen in Asien um die Macht bringen. An erster Stelle in Bangladesch, den Philippinen und Indonesien, wo in diesem Jahr gewählt werden soll. In Bangladesch regiert seit mehreren Jahren eine Übergangsregierung, die eigentlich die Wahlen organisieren sollten. Ihre Popularität hat unter den steigenden Preisen schwer gelitten. Die Präsidentin der Philippinen, Gloria Arroyo, kämpft auch ohne Hungerrevolten um ihr politisches Überleben. Und in Kamerun gesellt sich zu den Protesten gegen steigende Preise eine große Unzufriedenheit darüber, dass der seit 26 Jahren regierende Präsident Paul Biya sich eine dritte Amtszeit genehmigen will.

Wie das Problem gelöst werden könnte, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Während viele Länder Steuern auf Lebensmittel abgeschafft haben oder ihre Märkte schützen wollen, plädiert der Chef der Weltbank, Robert Zoellick dafür, „Transfersysteme“ einzuführen, also die Ärmsten mit einer Art Sozialhilfe zu subventionieren. Das, meint er, würde die Märkte am wenigsten stören. Er warnt aber auch davor, dass die steigenden Lebensmittelpreise den Kampf gegen die Armut um Jahre zurückwerfen könnte. An diesem Wochenende werden Weltbank und Internationaler Währungsfonds über die Krise beraten.

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