Zeitung Heute : Wenig berauschend

In Deutschland ist der Drogen- und Suchtbericht 2007 veröffentlicht worden. Wie abhängig sind vor allem junge Menschen von Sucht- und Rauschmitteln?

Rainer Woratschka
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Letzten Monat schon „gebingt“? Die Drogenexperten haben ein neues Wort kreiert, und ihrer Problemklientel wird es gefallen. „Binge-Drinking“ – das meint zwar dasselbe wie Rauschtrinken und Komasaufen, klingt aber viel eleganter. Es hört sich nicht nach schwerer Alkoholvergiftung an, nicht nach Kotzen, Besinnungslosigkeit, Lebensgefahr. Übrigens: 26 Prozent der deutschen Jugendlichen konnten die Frage 2007 mit Ja beantworten. 2005 war es nur jeder fünfte.

Definiert hat die Weltgesundheitsorganisation das „BingeDrinking“ als Konsum von fünf oder mehr alkoholhaltigen Getränken hintereinander. Und das kommt erschreckend in Mode. 63 Prozent der männlichen und 37 Prozent der weiblichen 16- bis 17-Jährigen hat sich nach eigenen Angaben im vorigen Jahr mindestens einmal im Monat systematisch betrunken. Die jährliche Zahl der Klinikeinweisungen von 10- bis 20-Jährigen wegen Alkoholmissbrauchs hat sich seit 2000 auf 19 500 Fälle verdoppelt. Und während sich die 12- bis 17-Jährigen 2005 noch mit 34 Gramm reinem Alkohol pro Woche begnügten, waren es 2007 bereits 50 Gramm.

Die Dramatik dessen, was die Drogenbeauftragte Sabine Bätzing (SPD) bei der Vorlage ihres neuen Drogen- und Suchtberichts in Sachen Alkohol zu vermelden hatte, kontrastierte seltsam mit den angekündigten Gegenmaßnahmen. Sie werde sich „für eine bessere Selbstkontrolle der Alkoholwerbung durch die Alkoholwirtschaft“ einsetzen, sagte Bätzing. Auch werde man versuchen, mehr Bürger über die Möglichkeit von Beschwerden beim Zentralen Werberat zu informieren. Bislang würden Verstöße gegen die freiwillige Selbstvereinbarung oft nicht bekannt und auch „kaum geahndet“. Was der Beauftragten vorschwebt, ist ein System wie in Großbritannien. Dort wird schon vorher kontrolliert, ob geplante Werbung mit dem Jugendschutz kompatibel ist. Von der 2007 gescheiterten Idee, Jugendliche als Testkäufer einzusetzen, will sich die SPD-Politikerin noch nicht verabschieden. Die Jugendschutzgesetze seien gut, würden aber schlecht umgesetzt, sagt sie. Vielleicht einige man sich ja noch auf solche Testkäufe, in anderen Ländern betrügen die Trefferquoten dabei rund 80 Prozent. Zudem erarbeite man ein „nationales Aktionsprogramm“ zur Prävention.

Das entscheidende Problem jedoch bleibt: Es ist nicht wirklich klar, wieso sich immer mehr Jugendliche bis zum Umfallen betrinken. Schichtenspezifisch jedenfalls lassen sich Komatrinker laut Bätzing schon mal nicht zuordnen. „Das geht quer durch die Bank“, sagt sie. „ Die Tochter aus dem Millionärshaushalt ist genauso dabei wie der Sohn aus der Hartz-IV-Familie.“ Der Grund sind also nicht soziale Verwahrlosung oder fehlende Zukunftsperspektive. Es ist eher ein Gemisch aus Gruppendruck, der Suche nach dem Wochenendkick und der Tatsache, dass Alkoholika hierzulande rund um die Uhr verfügbar und auch relativ preisgünstig zu haben sind.

Was eine Verteuerung bewirkt, zeigt die Erfahrung mit spirituosenhaltigen Alkopops. Nachdem die ehemals so beliebten Mischgetränke mit einer Sondersteuer belegt wurden, ging ihr Umsatz stetig zurück. Inzwischen hat sich die derart konsumierte Alkoholmenge von 8,3 Gramm pro Woche im Jahr 2004 auf 2,8 Gramm im vorigen Jahr reduziert, Der Anteil der 12- bis 17-Jährigen, die mindestens einmal im Monat zu Alkopops greifen, sank von 28 auf 10 Prozent.

Das Problem ist eben auch ein gesellschaftliches. Sucht und Drogenkonsum beträfen „keine kleine Randgruppe“, sondern seien in Deutschland weit verbreitet, so Bätzing. Und König Alkohol thront ganz oben. 9,5 Millionen Menschen konsumieren ihn in riskanter Weise; 1,3 Millionen sind abhängig davon. Ähnlich hoch ist nur noch die Zahl der Medikamentensüchtigen, sie liegt bei mehr als 1,4 Millionen. 70 Prozent davon sind Frauen. Dem Cannabis sind rund 600 000, meist junge Leute, verfallen. Weitere 200 000 berauschen sich an Opiaten, Kokain, Amphetaminen und Halluzinogenen.

Doch auch Positives hatte Bätzing zu melden. Der Anteil jugendlicher Raucher ist von 28 Prozent (2001) auf 18 Prozent (2007) gesunken. Auch gekifft wird weniger. 2007 sagten 13 Prozent der 14- bis 17-Jährigen, sie hätten Cannabis bereits probiert. 2004 waren es noch 22.Und die Zahl der erstmals auffällig gewordenen Konsumenten harter Drogen sank im dritten Jahr in Folge – um vier Prozent.

Allerdings ist die Zahl der Drogentoten erstmals seit sechs Jahren wieder gestiegen. Im Jahr 2007 starben 1394 Menschen an illegalen Suchtmitteln, 98 mehr als 2006. Ein Grund dafür könnte das gestiegene Alter der Abhängigen sein.

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