Zeitung Heute : Wenige Jobs, aber viele Ideen

Designer, die in Berlin studiert haben, müssen sich selbstständig machen – oder die Stadt verlassen

Christine Berger

Yasmin Panico hat Berlin den Rücken gekehrt. „Ich wollte erst einmal fest angestellt arbeiten“, sagt die Strickdesignerin, die im vergangenen Jahr ihr Diplom im Fachbereich Modedesign an der Fachhochschule für Wirtschaft und Technik (FHTW) gemacht hat. In Hamburg hat sie bei der Strickmodenfirma Kapalua einen Job gefunden. „In Berlin wäre das nicht so einfach gewesen“, sagt die 29- Jährige. Und das ist noch untertrieben. Die Aussichten auf einen festen Arbeitsplatz sind für die rund 5000 Berliner Studierenden im Mode- und Produktdesign in Berlin mehr als schlecht. „Hier gibt es nur eine Hand voll Firmen, die jemanden anstellen“, sagt Professorin Petra Skupin vom Fachbereich Bekleidungsgestaltung an der FHTW. „Was bleibt, ist der Weg in die Selbständigkeit.“ Unter den Firmen, die einstellen, sind bekannte Namen wie etwa die Corporate-Design- Firma MetaDesign (siehe Interview).

Das jedoch ist nicht jedermanns Sache, weshalb Absolventen wie Yasmin Panico lieber der Arbeit hinterher ziehen. Nicht nur in Hamburg sind die Jobaussichten deutlich besser, besonders in Süddeutschland werden Designer auf der Suche nach einer festen Stelle fündig. Hilfreich sind Praktika und Praxissemester. „Da kommen oft Kontakte zustande, die eine Festanstellung nach sich ziehen“, rät Skupin.

Auch im Ausland zu arbeiten ist attraktiv, etwa in Italien oder Frankreich. „Unsere Absolventen versuchen da etwa über ein europäisches Praktikum Fuß zu fassen“, erklärt der Schulleiter der Berufsfachschule für Design des Lette-Vereins Bernhard Wittwer. Das Leonardo-Programm der EU unterstützt Studierende und Graduierte finanziell, wenn sie eine Zeit im Ausland arbeiten wollen. Mit den erworbenen Sprach- und Fachkenntnissen finden Designer später einen besseren Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt.

Wichtig sind auch die Kontakte der Fach- und Hochschulen zur Wirtschaft. So kann etwa die Internationale Modeschule Esmod immer wieder dank der guten Zusammenarbeit mit Unternehmen viele Studierende gleich in den Job vermitteln. „Außerdem besteht die Möglichkeit, für ein Jahr oder auch vier Wochen in eine andere Esmod-Schule im Ausland zu wechseln“, sagt Susanne Gerold von der Kreuzberger Esmod-Filiale. Die 17 privaten Esmod-Schulen sind über den ganzen Erdball verteilt. Absolventen der FHTW kommen regelmäßig bei Hugo Boss, Strenesse, S.Oliver oder Escada unter – dank eines Praxissemesters, das Pflicht ist.

Einige Hochschulen bemühen sich, die Studierenden auf die Selbstständigkeit vorzubereiten. An der FHTW etwa, gibt es das Wahlpflichtfach Existenzgründung. Zudem werden regelmäßig Start- Up-Stipendien vergeben. „Bei uns an der Fachhochschule steht natürlich Technik und Wirtschaft im Vordergrund“, sagt Skupin. Kein künstlerischer Ansatz, wie ihn etwa die Kunsthochschule Weißensee oder die Universität der Künste (UDK) haben, wird verfolgt. „Im letzten Semester haben wir eine Kollektion vom Entwurf bis zum Verkauf organisiert. Da lernt man, was alles schief gehen kann“, erinnert sich Yasmin Panico mit Schaudern. „Man muss das Material vorfinanzieren, rechtzeitig fertig werden und dann springen plötzlich die Kunden ab.“ Für sie war das der Auslöser, vorerst auf eine freiberufliche Designerkarriere zu verzichten.

Wer sich als Designer für die Selbstständigkeit entscheidet, hat es in Berlin vergleichsweise leicht, Fuß zu fassen. Günstige Gewerbemieten und niedrige Lebenshaltungskosten machen auch Produktionen von Kleinstauflagen möglich. Absolventen der sieben Designfach- und -hochschulen tummeln sich daher zuhauf in Berlin und entwerfen Innovatives. Etwa den Sushi-Roller – erfunden von Blasius Osko und Oliver Deichmann. Das Duo arbeitet seit zehn Jahren zusammen. „Wir haben schon neben dem Studium an der UDK begonnen, selbstständig zu arbeiten“, sagt Deichmann. Mittlerweile sind sie so erfolgreich, dass die beiden im April erstmals auf der Möbelmesse in Mailand vertreten sind. Ihre Möbel- und Produktdesignentwürfe sind der Natur abgeschaut, etwa ein Sessel, der an einen Kiesel erinnert oder eine Liege, die aussieht wie ein Blatt. Das Atelier der beiden 30-Jährigen befindet sich im Weddinger Kreativzentrum Christiania, einem ehemaligen Umspannwerk. Die Nähe zu anderen Designern und Künstlern ist unter kreativen Freiberuflern quasi ein Muss.

„Mit Netzwerk geht es eben leichter“, meint Jörg Wichmann vom Berliner Label Berlinomat. Rund 140 Freiberufler sind im Berlinomat-Netzwerk vertreten und präsentieren ihre Produkte im Laden an der Frankfurter Allee sowie im obersten Stock der Galeries Lafayette. Andere ähnlich große Netzwerke heißen Berliner Klamotten, Designerdock und Designpool. Gemeinsames Ziel ist es, den vielen Einzelkämpfern der Berliner Designbranche eine Plattform zu geben, um sich besser am Markt behaupten zu können.

Um von der eigenen Arbeit existieren zu können, sind aber auch Kontakte außerhalb der Stadt wichtig. Denn: „Die Geldgeber sitzen nicht in Berlin“, sagt etwa Oliver Vogt von der Agentur Vogt & Weizenegger. Der Organisator des Festivals Designmai arbeitet seit Jahren erfolgreich für internationale Firmen. Für Anfänger der Branche gibt es seit Anfang Februar einen Studentenshop. Neben dem Berlinomat-Laden verkaufen Studierende und Absolventen hier ihre Produkte und erhalten Hilfe bei Fragen rund um die Selbstständigkeit. Finanziert wird das Projekt zum großen Teil vom Wirtschaftssenat.

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