Zeitung Heute : Weniger Rendite für die Prämie Überschussbeteiligung sinkt

Kunden können widerrufen

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Die goldenen Zeiten sind vorbei: Jahrelang lockten die Lebensversicherungen Kunden mit attraktiven Gewinnversprechen. Überschussbeteiligungen von acht und mehr Prozent waren üblich. Zwar bezog sich die Verzinsung nicht auf die gesamte Prämie, sondern nur auf den Sparanteil – doch im Zusammenspiel mit der Steuerfreiheit der Gewinne waren die Angebote so lukrativ, dass die klassische Lebensversicherung zum Verkaufsschlager wurde. Doch heute zeigt sich: Viele Versicherer haben Überschussbeteiligungen gezahlt, die sie nur mit riskanten Finanzmanövern erfüllen konnten. Und selbst etablierte, große Versicherer haben Milliarden an den Kapitalmärkten verloren. Konsequenz: Für das laufende Jahr haben viele Unternehmen die Überschussbeteiligungen ihrer Kunden gesenkt.

Statt 6,8 Prozent zahlt Branchenführer Allianz nur noch 5,3 Prozent. Immer noch mehr als die HamburgMannheimer, die ihren Kunden fünf Prozent garantiert, weitere 0,3 bis 0,5 Prozent sollen ihnen am Ende der Laufzeit als Schlussgewinnanteil zufließen. 4,5 Prozent zahlt die Victoria, hinzu kommt ein Schlussgewinnanteil von 0,5 bis 0,7 Prozent. Doch während die garantierte Überschussbeteiligung dem einzelnen Vertrag gut geschrieben wird und damit dem Zugriff des Unternehmens entzogen ist, gilt das für den Schlussgewinnanteil nicht. Positiver Ausreißer: die Debeka, die ihren Kunden nach wie vor 6,8 Prozent verspricht.

Widerruf statt Kündigung

Kunden sollten keinesfalls laufende Verträge kündigen, raten Verbraucherschützer (siehe Interview). Eine Kündigung ist jederzeit möglich, aber meist ein großes Verlustgeschäft, weil die ersten Prämien nur für die Abschlusskosten (Vertreterprovision) gezahlt werden. Auch eine Beitragsfreistellung ist wenig sinnvoll, da das bisher angesammelte Geld nach Abzug einer Stornostrafe in eine neue Versicherung umgewandelt wird.

Besser: Bis zu einem Jahr nach Zahlung der ersten Prämie kann der Kunde einen „Widerspruch“ erklären, wenn Versicherungsbedingungen oder Verbraucherinformationen unvollständig waren. Der Versicherer muss dann alle Prämien zurückzahlen. Glaubt man Verbraucherschützern, sind Verbraucherinformationen häufig unvollständig.

Sogar ein Anspruch auf Schadenersatz ist denkbar. Eine Vorlage dafür liefert das, was Mitte der 90er Jahre bei einigen Lebensversicherern passiert war. Obwohl die Gesellschaften wussten, dass wegen der gestiegenen Lebenserwartung die Privatrenten geringer ausfallen würden, verkauften sie noch ihre alten Tarife. Kurze Zeit nach Vertragsschluss wurden dann Privatrenten teilweise drastisch gekürzt. Einige Kunden erstritten daraufhin Schadenersatz (OLG Düsseldorf, Az 4 U 139/ 99). In einem Fall wurde ein Lebensversicherer sogar verurteilt, die prognostizierte Rente tatsächlich zu zahlen (OLG Koblenz Az 10 U 1342/99). hej/kun

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