Zeitung Heute : Weniger Strahlung, mehr Energie?

Viele Bauherren und Mieter achten auf gesundheitlich unbedenkliche Materialien. Beim Umweltbundesamt häufen sich nun auch Beschwerden wegen Sendemasten. Gerichte gewähren schon mal Mietminderung wegen deren „Strahlung“. Das bringt die Experten auf den Plan: für Elektrosmog und Feng Shui

Jutta Burmeister

„Feng Shui? Das ist doch dieser chinesische Glaube, bei dem die Leute Windlichter aufhängen oder einen Brunnen aufstellen, um dadurch reich zu werden.“ So reagierte die Nachbarin, als sie hörte, dass die neuen Mieter nebenan zur Einrichtung ihrer Wohnung einen Feng-Shui-Berater hinzugezogen hatten. Auch dass die Handy-Antenne auf dem Dach ein Problem darstellen sollte, verstanden die meisten Mieter im Haus nicht. Doch Sabine Geissler, Physiotherapeutin aus Charlottenburg, ist davon überzeugt, dass die elektrische Strahlung – der „Elektrosmog“ – bei ihr und ihren zwei Kindern Krankheiten auslösen könnte. Und sie glaubt außerdem, dass sich die verschiedenen, natürlichen Energien auf der Erde gewinnbringend einsetzen lassen – denn nichts anderes bedeutet Feng Shui (deutsch: Wind und Wasser). „In China wird Feng Shui seit Jahrtausenden praktiziert und an Universitäten gelehrt. Nur unser westlicher Geist sträubt sich dagegen“, sagt Sabine Geissler.

Das Problem ist, dass sich Phänomene wie Feng Shui oder Elektrosmog kaum isoliert betrachten lassen. Erst die Summe an positiven und negativen Einflüssen – dazu gehören auch wissenschaftlich unstrittige Schadstoffe oder Schimmelpilze – entscheidet, wie wohl man sich in den eigenen vier Wänden fühlt. Und: Jeder Mensch reagiert anders. Zu den Fakten gehört aber auch, dass immer mehr Menschen ein geschädigtes Immunsystem haben und mehr als 30 Prozent der Kinder an Allergien oder Asthma leiden. Deshalb nimmt das Interesse an einer gesundheitlich unbedenklichen Umwelt zu.

Architekt Klaus Zahn hat zusammen mit Feng-Shui-Berater Andreas Schoeck ein Einfamilienhaus geplant. „Bei der Auswahl des Grundstücks spielten zum Beispiel der vorhandene Bewuchs, die Nachbargebäude, aber auch Strommasten eine Rolle“, erläutert der Architekt. Auf jedem Grundstück gebe es verschiedene Energiebereiche, ergänzt Schoeck. Das Haus wird nicht nur nach Süden ausgerichtet, sondern auch abgeknickt. So sei eine Art Energietrichter entstanden, glaubt Schoeck. Im Haus selbst gibt es Rundungen, organische Formen, viel Licht und ein offenes Treppenhaus. Die Anordnung der Räume soll den fünf Elementen des Feng Shui entsprechen – Holz, Metall, Feuer, Wasser und Erde.

Zu dem geplanten Feng-Shui-Haus gehören auch gesundheitlich unbedenkliche Baumaterialien. Dadurch sei es etwa fünf bis 10 Prozent teurer als ein „normales“ Haus, sagt der Architekt. Doch durch die Ausrichtung eines Hauses ließen sich Energiekosten sparen. Hinzu kämen die schwer messbaren „sozialen Vorteile“. Feng Shui wirke harmonisierend.

„Auch wer kein neues Haus baut, kann in der eigenen Wohnung nach störenden Einflüssen suchen, um den Einklang zwischen Mensch und Raum herzustellen“, meint Peter Fischer, Leiter des Feng Shui Centers Berlin. Und Architektin Karin Elke Bunk sagt: „Der Mensch hat ein Energiesystem und kommuniziert mit dem Raum. Wie also muss der Raum aussehen, damit er Schwingungen auslöst?“ Dabei spielten Faktoren wie Licht, Wind, Farben und die Proportionen des Raumes eine Rolle. All dies lasse sich gezielt steuern: beispielsweise durch die richtigen Möbel, Vorhänge oder durch Farbe und Beschaffenheit der Wände.

Fischer, der Feng Shui-Berater aus fast allen Branchen vermittelt, räumt ein, dass es neben der nachweisbaren Ebene auch einen Placebo-Effekt gibt: „Es ist der eigene Geist, der wirkt, und nicht der Brunnen.“ Und: „Leider gibt es Berater, die mit den Ängsten und Hoffnungen ihrer Klienten arbeiten, um Geld zu verdienen“, sagt Fischer. Ein Vorwurf, der auch beim Elektrosmog erhoben wird.

Liegt es nun daran, dass die Wohnungen technisch immer mehr hochgerüstet werden oder sind die Menschen einfach nur sensibler geworden? „Die Beschwerden über Elektrosmog nehmen zu“, sagt Heinz-Jörn Moriske, Referatsleiter für Innenraumhygiene beim Umweltbundesamt. Zwar existierten gesetzliche Regelungen, doch hielten Kritiker die Grenzwerte für zu hoch. Wann elektrische Strahlung gesundheitliche Schäden hervorruft, sei umstritten. Eindeutige Studien, die wissenschaftlichen Anforderungen genügen, fehlen bislang ebenso wie eine endgültige Erkenntnis über Schädlichkeitsschwellen. „Die Grenzwerte wurden gemacht, um vor akuten gesundheitlichen Risiken zu schützen“, sagt Umweltanalytiker und Baubiologe Dietrich Moldau. „Langzeitrisiken werden nicht berücksichtigt.“ Auch die Gerichte sind sich uneinig: Während das Landgericht München einem Mieter wegen einer Handy-Antenne auf dem Dach eine Mietminderung zubilligte, entschied sich das Landgericht Berlin in einem vergleichbaren Fall dagegen.

„Die Meinungen zum Elektrosmog reichen von ganz harmlos bis Krebs erregend“, sagt Moriske. Schlafstörungen, Unruhe, Angst, Depressionen und nächtliches Schwitzen, aber auch Hormonstörungen, Herzinfarkt, Schwindel und eine Erwärmung des Körpers, die besonders eine Gefahr für das Auge darstellt, werden mit der Strahlung in Verbindung gebracht. Doch obwohl das Phänomen „diffus“ bleibe: „Durch stärkere elektromagnetische Felder kann es Probleme bei Bewohnern geben, das sollte man nicht mehr in Frage stellen“, sagt Moriske. Er rät dazu, den Elektrosmog so weit wie möglich zu begrenzen. „Mit Abschalten, Abschirmen und Ausweichen ist ein erster Schritt getan“, meint Moldan. Steht eine Handy-Antenne auf dem Dach, lässt sich durch Hochfrequenz-reduzierende Stoffe, Vliese, Tapeten oder spezielle Gipskartonplatten eine gewisse Abschirmung erreichen.

Was Elektrosmog verursachen soll, und was man dagegen tun kann:

Stromkabel : Durch Wechselspannung in elektrischen Geräten entstehen elektrische Wechselfelder. Diese breiten sich strahlenförmig rund um die Quelle aus – je größer der Abstand, desto geringer das Feld. Elektrische Felder sind auch an leitfähigen Materialien wie Federkernmatratzen oder Stahlrohrmöbeln in unmittelbarer Nähe von Stromkabeln messbar. Bei nicht geerdeten zweiadrigen Flachsteckern treten drei- bis viermal so große Felder auf wie bei geerdeten Schuko-Steckern. Abhilfe schaffen das Erden von Geräten, der Einsatz von Netzfreischaltern, Abschirmmaterialien oder, so Moldan, „einfach das Umstellen des Bettes in eine störungsfreie Zone“.

Halogenstrahler mit Niedervolttechnik sowie Geräte mit Transformatoren : Diese verursachen, ebenso wie Hochspannungsleitungen, magnetische Felder. „Auf Niedervolthalogenanlagen in Form von Deckenseilkonstruktionen oder Schreibtischlampen sollte verzichtet werden“, sagt Moldan, denn bei diesen könne ein fast so großes Feld wie im Bereich von Hochspannungsleitungen gemessen werden. Geräte mit Transformatoren sollten nach dem Gebrauch vom Netz getrennt werden, damit der Trafo nicht weiter unter Strom steht. „Kritisch ist auch ein Radiowecker in unmittelbarer Nähe zum Kopf“, so Moldan.

Mangelhafte Elektroinstallationen : Bei „vagabundierenden“ Strömen fließt ein Teil des Stroms über Heizungs- oder Wasserleitungen zurück ins Erdreich. In neueren Anlagen sind Fehlerstromschutzschalter eingebaut, die die Stromversorgung in solchen Fällen unterbrechen.

Schnurlose Telefone, Computerfunknetze mit WLAN, Babyphon, Handy : Bei einer kabellosen Übertragung bedient man sich der Hochfrequenz. Im Gegensatz zu Radio- und Fernsehsendern handelt es sich um eine gepulste Strahlung, die permanent gesendet wird. Das DECT-Telefon sendet 100 Mal pro Sekunde, WLAN im Stand-by 10 bis 15 Mal und das Handy, wenn es benutzt wird, 217 Mal. Für alle Geräte, die Hochfrequenz abstrahlen, gibt es gesetzliche Grenzwerte.

Kunststoffe : Aufladungen an synthetischen Teppichen, Gardinen oder der Kleidung verändern das Raumklima und ziehen Staub und Allergene an. Der Verzicht auf derartige Materialien schafft ebenso Abhilfe wie eine höhere Luftfeuchtigkeit.

Informationen über Schadstoffe in Baumaterialien und mögliche Ursachen für Elektrosmog erhalten Interessierte beim Berufsverband deutscher Baubiologen (Telefon: (0800)2001007 oder im Netz: www.baubiologie.net). Nützliche Tipps rund um die Baubiologie finden sich außerdem beim Institut für Baubiologie und Ökologie unter www.baubiologie.de. Der Bund Architektur und Umwelt informiert über ökologisches Planen und Bauen (Telefon: (0331)6200484 oder im Netz unter: www.bau-architekten.de). Speziell um Elektrosmog geht es auf der Internet-Seite: www.ohne-elektrosmog-wohnen.de

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Gesetzliche Regelungen und aktuelle Grenzwerte zum Thema Elektrosmog können beim Bundesumweltministerium (www.bmu.de), der Strahlenschutzkommission (www.ssk.de) und dem Bundesamt für Strahlenschutz (www.bfs.de) nachgelesen werden. Die Standorte aller Mobilfunkmasten sind bei der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post unter http://emf.regtp.de verzeichnet. Einen umfassenden Überblick bietet zudem die Broschüre „Elektrosmog“ der Verbraucherzentrale Niedersachsen, Herrenstraße 14, 30159 Hannover, zum Preis von 2,80 Euro. Über Feng Shui informiert das Feng Shui Center Berlin (Rufnummer (030) 2111771 oder www.feng-shui-center-berlin.de. jub

Websites zum Thema Elektrosmog www.elektrosmog.com

www.ohne-elektrosmog-wohnen.de

www.risiko-elektrosmog.de

www.forum-elektrosmog.de

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