Zeitung Heute : Wenn alle Fenster offen stehen

Jasmin hat es mit Tabletten und Alkohol probiert, und sie überlebte. Wer aus dem Flugzeug springt, kann damit nicht rechnen. Vielleicht gehen Menschen so in den Tod, wie sie gelebt haben. – Was in einem vorgeht, der sterben will.

Kerstin Decker

Es gibt ein Leben nach dem Tod. Jasmin L. hat es erfahren. Als sie an jenem Dienstag die Treppen zur „Offenen Tür“ im Berliner Dom hinabgeht, hat sie den Selbstmordversuch schon hinter sich. Aber was sie vor sich hat, das weiß sie nicht. Was nun sein wird mit dem neuen, alten, im Augenblick watteweichen, fast empfindungslosen Leben. Was fühlen Menschen, die ihre eigenen Selbstmordattentäter sind und sich selbst doch noch einmal überleben? Oder muss man sagen: denen die Last, die sie gerade abgeworfen haben, wieder aufgebürdet wird?

Zuerst wusste Jasmin L. gar nichts, als sie wieder aufwachte. Da war nur der schwere Kopf von viel zu viel Alkohol und den Tabletten. Der Kater morgen früh findet mich nicht mehr, hatte sie gedacht, und es war ein böser Triumph dabei. Den nächsten Morgen würde es ja nicht mehr geben. Nie wieder ein nächster Morgen! Nie wieder die bleischwere Drohung des kommenden Tages, der sich ihr mit seinem ganzen Gewicht auf die Brust setzt und sie nicht atmen lässt. Nie mehr die Sonnenspinnenfinger am Spalt ihrer Gardine.

Nun gut, den nächsten Tag hatte sie wirklich vermieden. Die Mitbewohner ihrer WG fanden sie erst am Abend, sie brachen das Zimmer auf, Jasmin war noch immer nicht tot. Natürlich hatte sie abgeschlossen – aber vielleicht hat sie sich in Wahrheit doch eine Tür offen gelassen. Das unterscheidet Jasmin L. von Jürgen Möllemann. Es gibt die Tür-Offenlasser und die Türen-Zuknaller, wenn es die letzte ist, dann umso lauter. Es gibt die Fallschirmwegwerfer und die Fallschirmfesthalter, auch unter Selbstmördern. Es gibt die Denkzettelausteiler und jene, die den eigenen Tod als ultimativen Denkzettel in die Welt hinausschicken. Ohne den anderen noch die Chance zu einer Reaktion zu geben.

Tiere töten sich nicht

Sabine Hykel von der „Lebensberatung“ im Berliner Dom weiß das, seit sie in den späten 60ern in Bochum Psychologie studierte. Da lag dieses lächerliche Mädchen aus ihrem Studienjahr, die mit den Kniestrümpfen und den Bommelschuhen, plötzlich tot vorm Wohnheim. Aus dem zweiten Stock gesprungen. Das Bommelschuhmädchen war Psychologiestudentin wie die anderen auch. Oder doch nicht ganz wie die anderen. Alle hatten ihre Versuchsratten an der Uni – anhand der Ratten lernten die Studenten, wie psychische Lernprozesse funktionieren. Ob Ratte oder Mensch, in der Elementarschicht ist das ungefähr dasselbe. Obwohl es unter Ratten keine Selbstmörder gibt. Wenn sie genug gelernt hatten, die Ratten und die Studenten, machten die Studenten ihre Prüfungen und die Ratten wurden getötet. Niemanden störte das, nur das Bommelschuhmädchen nahm ihre Ratte mit ins Wohnheim. Schon das war merkwürdig. Und nun lag sie da, tot. Und ihre Ratte lebte immer noch. Die anderen sahen die sonst Übersehene, überrascht, schuldbewusst. Angehende Psychologen sind eben auch nicht besser. Jetzt hätten sie sie sogar zu Rudi Dutschke mitgenommen. Trotz der Kniestrümpfe. Trotz der Bommelschuhe. Überhaupt, welch scheue Aufmerksamkeit hätten sie ihr geschenkt. Sabine Hykel glaubt, dass das Bommelschuhmädchen eigentlich genau das gewollt hatte. Warum ist sie sonst aus dem zweiten Stock gesprungen? Das Wohnheim hatte viel mehr Stockwerke. Viel sicherer für finale Sprünge. Es war also ein tragischer Selbstmordversuch. Tragisch war er, weil er so erfolgreich war.

Für Jasmin L. gab es den Tag danach. Das Gewicht der Welt, sie merkte es gleich, lag nicht so schwer wie sonst auf ihrer Brust. Oder die Kopfschmerzen und die Übelkeit waren nur stärker. Aber sie konnte doch leichter atmen. Am übernächsten Tag hat sie ihre Eltern angerufen. Das hatte sie lange nicht mehr gemacht. Jasmin L. versteht sich nicht besonders gut mit ihren Eltern. Zu Menschen, denen man nicht sehr vertraut, sagt man nicht: Hört mal, ich will mich umbringen! Es ist eine völlig unmögliche Botschaft an Fernerstehende, die einmal Nahestehende waren. Der Satz: Ich habe gerade versucht, mich umzubringen!, klingt da schon viel besser. Eltern erschrecken sich doch. Und dieses Erschrecken tut gut. Wieder werden, was man schon lange nicht mehr war: Mittelpunkt. Und keine Vorhaltungen hören müssen wie sonst, obwohl man gerade die größte aller möglichen Dummheiten begangen hat. Die Menschen sollten einander mehr schonen. Plötzlich geht das wieder?

Jasmin L. kann sich nicht erinnern, wann sie zuletzt geschont wurde. Ausgeliefert wurde sie, auch von den Freunden. Dabei ist doch eigentlich gar nichts passiert, sagen die Tatsachenmenschen. Aber wenn die Freunde umziehen, einen allein lassen – ist das keine Auslieferung? Dann verließ auch noch Jasmins beste Freundin die Stadt, und alle Fenster standen plötzlich offen in ihrem Leben.

Niemand hält es auf Dauer im Durchzug aus. Denn der Mensch ist ja nur zum Schein in Wohnungen, in Häusern oder WGs zu Hause. In Wirklichkeit existiert jeder in seiner eigenen Weltblase. Sie ist sein eigentliches Zuhause: der mit anderen geteilte, unsichtbare Raum. Es ist der wirklichste Raum und der illusionärste zugleich. Die anderen, das können Menschen oder manchmal sogar Parteien sein. Der Weltinnenraum des Einzelnen hat keine festen Wände, und doch sind sie normalerweise erstaunlich haltbar. Man erkennt es daran, dass es so viele Nicht-Selbstmörder gibt. Denn wenn mal einer unserer Seelenraummitbewohner auszieht, wird er eben ersetzt. Jasmin kennt das aus ihrer WG. Aber zuletzt waren es einfach zu viele, die ausgezogen sind. Mag sein, dass Jasmin sich deshalb so auf den Abend gefreut hat, an dem fast alle wie früher zu ihr kommen wollten. Und dann blieben sie nur kurz, wollten noch weiter, woanders feiern.

Jasmin L. war unfähig gewesen, sie zurückzuhalten. Erst an ihrer maßlosen Enttäuschung spürte sie, wie sehr sie sich an diesen Abend geklammert hatte. Plötzlich wusste sie, es gibt nicht nur die Kältetode draußen, es gibt auch innere Kältetode. Sie wusste, dass sie allein war.

Es gibt die weichen Selbstmordversuche und die harten, die überlebbaren und die unüberlebbaren, es gibt Jasmin L. und Jürgen Möllemann. Aber das heißt nicht, dass der weiche Tod nicht ernst gemeint ist. Denn kein Selbstmord ist pädagogisch. Er ruft nicht: Bessert euch! Er ist das, was nach dem Rufen kommt.

Vorher ist es fast immer dasselbe. Das langsame Verblassen der Welt. Die Blumen haben keinen Duft mehr, sie blühen nur noch für die anderen. Mag sein, dass Jasmin jetzt noch deutlicher erkannte, was schön ist, aber es tat nur noch weh. Denn das ist die andere Seite des Im-Durchzug-Stehens. Wenn man die Fenster seines Weltinnenraums nicht mehr zukriegt, wird man durchlässig für das Leid der anderen. Es geht durch den eigenen Körper. Jasmin L. versteht das Bommelschuhmädchen mit seiner Ratte.

Was heißt hier Sich-das-Leben-Nehmen? Das Leben hat doch damit angefangen. Es hat sich selbst weggenommen, sich immer weiter zurückgezogen. Irgendwann ist da eine Glasscheibe zwischen dem Ich und dem Leben. Man setzt nur noch den Schlusspunkt. Darum kann kein Nicht-Selbstmörder einen Selbstmörder verstehen. Weil beide auf verschiedenen Seiten der Glasscheibe sind. In Möllemanns Fall war die Glasscheibe sogar sichtbar. Um ihn herum eine Art Bannkreis, den nicht viele überschritten, der noch zum wirklichen Leben, also in seinem Falle zur wirklichen FDP gehörte. Menschen im Bannkreis sind keine Handelnden mehr, nur einmal noch können sie zu Handelnden werden: indem sie den Kreis verlassen.

Sterben Menschen so, wie sie leben? Frauen bevorzugen die weichen Tode, Männer die Möllemann-Tode, sagt Sabine Hykel von der „Lebensberatung“ im Berliner Dom. Frauen sind auch im Sterben weniger rechthaberisch, weniger aggressiv gegen sich und andere. Der vielleicht prominenteste Berliner Selbstmörder Heinrich von Kleist hat es ausgesprochen, dass ihm auf Erden nicht zu helfen war. Es gibt solche Menschen, die sich selbst im Wege sind. Für die der uralte, für moderne Ohren kaum mehr verständliche Griechensatz in Geltung bleibt: Das Beste ist für den Menschen unerreichbar: nie geboren zu sein. Das Zweitbeste ist, bald zu sterben. Aber die allermeisten gehören nicht zu den berufenen Selbstmördern. Nicht Jürgen Möllemann. Nicht der Japanistik-Student, der von der Modersohn-Brücke im Friedrichshain auf die S-Bahn Gleise sprang und doch überlebte. Nicht der gefeuerte Manager, der sich im Wald aufgehängt hat, genau auf dem Spazierweg, den er mit seiner Frau und den Kindern jeden Sonntag entlangging. Dort haben sie ihn gefunden.

Das Privileg der Überlebenden

Es muss eine gefühlte Ausweglosigkeit geben und eine gefühlte Demütigung. Die gefühlte Ausweglosigkeit, die gefühlte Demütigung ist niemals die reale. Das zu erfahren ist das Privileg der Überlebenden des eigenen Selbstmordattentats. Und dann kommt oft das Entsetzen über sich selbst. Es kommt nie sofort. Aber vielleicht nach Monaten, nach einem halben Jahr, wenn das Leben zurückkehrt. Der Druck auf Jasmins Brust ist schon leichter geworden. Und sie hat nicht mehr diese große Angst vor dem nächsten Tag. Manchmal kommt ein Geruch zu ihr zurück. Und Freunde kommen. Aber Jasmin L. weiß nun auch, was die wenigsten ahnen: dass wir aus einem Überfluss heraus leben, dass zum ganz normalen, alltäglichen Dasein ein ungeheures Energiewunder gehört. Und ein wenig Angst wird sie immer haben, dass diese Quellen wieder versiegen können. Dass die Welt sich wieder verdunkelt mitten am Tage.

Und Jürgen Möllemann?

Der Obduktionsbefund stützt die Selbstmordannahme. Er muss bei vollem Bewusstsein gewesen sein – bis zum Aufprall. Möllemann starb, wie er lebte. Dass Menschen so sterben, wie sie leben, ist eine wahrscheinlich suggestive Idee. Und wie alle suggestiven Ideen ist sie auch ein bisschen falsch. Für die allermeisten.

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