Zeitung Heute : Wenn alles gut wird

Jeder dritte Bewohner ist älter als 65, die jungen ziehen weg, niemand findet Arbeit. Doch dann hat Carmen Barco, Gemeindesekrätarin von Villar de Cañas, eine Idee. Wie das spanische Dorf zu einem Atommülllager kommt – und zu einer neuen Zukunft.

Veronica Frenzel[Villar de Cañas]
Wie gewonnen. Bürgermeister José Sáiz (Mitte) in dem Moment, da sein Dorf offiziell zum Zwischenlager-Standort ausgerufen wird. Foto: EFE
Wie gewonnen. Bürgermeister José Sáiz (Mitte) in dem Moment, da sein Dorf offiziell zum Zwischenlager-Standort ausgerufen wird....Foto: picture alliance / dpa

Die Männer warten seit den frühen Morgenstunden. In den Händen halten sie Klarsichtfolien, in denen Lebensläufe stecken, manche von ihnen handgeschrieben. Sie sind aus ganz Spanien zu Carmen Barco gekommen, aus Madrid und Burgos, aus Valencia und Alicante. Weil sie arbeitslos sind und keine Aussicht auf Arbeit haben. Und weil Barco die Sekretärin der Gemeinde Villar de Cañas ist, wo bald Arbeitsplätze entstehen. Jobs, um die sich auf der ganzen Welt wohl kaum jemand reißt.

Aber wahrscheinlich ist Villar de Cañas – ein verschlafenes Dorf 170 Kilometer südöstlich von Madrid, wo das einzig Besondere eine Marienstatue am Ortseingang ist, die jeder Dorfbewohner beim Vorbeifahren mit lautem Hupen begrüßt – wahrscheinlich ist dieses Dorf heute der einzige Ort Spaniens, wo es in nächster Zeit neue Jobs geben wird. Da ist man nicht wählerisch. Villar de Cañas bekommt ein Atommüllzwischenlager.

Carmen Barco, Anfang 50, geht schnellen Schrittes auf hohen Hacken und im Kostüm an den wartenden Männern vorbei zu der Tür, auf der in großen schwarzen Lettern „Lebensläufe hier“ steht. Die Männer warten, bis Señora Barco sich an den großen Tisch gesetzt hat, ihre Unterlagen sortiert hat und „Herein!“ ruft. Sie wollen alles richtig machen. Sie warten auf ihre große Chance.

Der Erste in der Reihe ist José Fernández, er kommt aus Burgos und ist 47 Jahre alt. Burgos liegt fast 400 Kilometer weiter nördlich. Weil auf der Autobahn Mautgebühren anfallen, hat er den längeren Weg über Land gewählt. José Fernández ist um vier Uhr morgens aufgestanden, um als Erster in Carmen Barcos Büro zu sein. Als er jetzt vor ihr steht in dem kahlen Raum, zittert er ein bisschen, nuschelt. „Bin wegen dem Lebenslauf da.“ Er streckt Barco ein weißes Blatt Papier hin, in krakeliger Schrift steht dort: „Ich habe 20 Jahre bei einer Baufirma als Maurer gearbeitet.“ Ein Anschreiben hat er auch dabei, ebenfalls mit der Hand hat er dort geschrieben: „Ich brauche unbedingt Arbeit.“ Die Sonne scheint durch die Jalousie in den Raum, sie teilt ihn in helle und dunkle Streifen.

Carmen Barco kneift die Augen zusammen, ein Sonnenstrahl blendet sie, versucht ein Lächeln, sagt: „Wahrscheinlich geht der Bau erst in einem Jahr los.“ José Fernández reißt die Augen auf, alle Korrektheit fällt von ihm ab, er ruft, „ich bekomme seit einem halben Jahr kein Arbeitslosengeld mehr! Ich muss mein Haus abbezahlen, meine Familie ernähren!“ Carmen Barco antwortet: „Wenn es losgeht, sind sie einer der Ersten auf der Liste.“

Fragt man José Fernández später nach den Gefahren des Atommülls, sagt er erst lange nichts, und dann: „Das wird aufgebauscht. Das Atommülllager bringt doch vor allem Arbeit.“

Am Ende des Tages haben 96 Männer ihren Lebenslauf vorbeigebracht. Wer persönlich nach Villar de Cañas kommt, den plagt die größte Verzweiflung. Carmen Barco hat mehr als 4000 Lebensläufe erhalten. Dabei kann sie gar keine Jobs vergeben. Das Atommülllager baut die spanische Atomenergiebehörde Enresa, die wird viele Spezialisten benötigen und ein paar wenige Hilfsarbeiter. Aber Carmen Barco weiß, wie verzweifelt die vor ihrem Büro wartenden Männer sind, und deshalb empfängt sie jeden, will jeden Lebenslauf berücksichtigen. Weil sie das alleine nicht mehr bewältigt, kommt seit zwei Wochen jeden Tag um zehn Uhr ein junger Mann und nimmt Namen und Beruf der Bewerber in eine Datenbank auf. Auch er ist überfordert. Wenn er glaubt, ein Lebenslauf hat keine Chance, lässt er ihn fallen, handgeschriebene grundsätzlich. Auch den von José Fernández.

Derzeit wird der radioaktive Abfall in Spanien direkt in den Kraftwerken gelagert. Doch bald soll der gesamte Atommüll des Landes auf einem 25 hektargroßen Gelände entsorgt werden. Das neue Zwischenlager wird so groß sein wie Villar de Cañas mit seinen 441 Einwohnern. Vom nördlichen Ortsrand und vom ersten Stock fast jedes Dorfhauses wird man nicht mehr auf Äcker und gelben Weizen blicken, sondern auf riesige graue Industriehallen. Vier Kilometer vom Ortsrand entfernt soll das Lager stehen.

Ginge es nach dem Bürgermeister José Sáiz, dann stünde es nicht mal einen Kilometer entfernt, er will es enger binden an sein Dorf, keine der umliegenden Ortschaften soll profitieren vom erwarteten Boom, von den neuen Geschäften, Restaurants, Hotels. Von den 300 Stellen, die während der dreijährigen Bauphase entstehen sollen, von den 150 Jobs im laufenden Betrieb. Von den 2,4 Millionen Euro, die die spanische Atomenergiebehörde der Gemeinde jährlich zahlt, 60 Jahre lang.

Als die spanische Vizepräsidentin Soraya Sáenz de Santamaria Ende des Jahres den Zuschlag für Villar de Cañas verkündete, feierten die Bewohner in den drei Bars der Gemeinde und zu Hause. Jeder saß hier vorm Fernseher. Wen man auch fragt im Dorf, alle wissen sie, was sie in diesem Moment getan haben, am 30. Dezember 2011 um 14.30 Uhr.

In deutschen Zeitungen stand unter Fotos von den jubelnden Menschen meist ungläubig „Spanisches Dorf feiert Atommüllager wie Lottogewinn“. Wie schwer kann man sich diese Freude in einem Land vorstellen, in dem um jeden Castortransport erbittert gekämpft wird, wo Anti-Atomkraft-Demos Generationen und soziale Schichten zusammenbringen und wo die nukleare Katastrophe von Fukushima selbst bisher eingeschworene Atomenergieanhänger bekehrt hat.

In Villar de Cañas fürchten nur zwei Familien den radioaktiven Müll und die Risiken, die es bei jedem Transport, bei jeder Einlagerung der Abfälle gibt. Sie glauben, dass die Krebsfälle in der Umgebung steigen werden. Fragt man die anderen nach den Risiken, sagen sie: „Kein Problem“.

Jeder dritte Bewohner von Villar de Cañas ist älter als 65. Bisher galt: Wer jung ist, geht. Villar de Cañas hat in den vergangenen 20 Jahren drei Viertel seiner Einwohner verloren. Hier gibt es nur Getreidefelder, einige Bauern und eine Firma, die Pflüge herstellt. Sie gehört dem Bürgermeister, und der beschäftigt nur seine Familie.

Doch jetzt ist auf einmal alles anders. Die Jungen kommen zurück, Familien aus ganz Spanien fragen im Rathaus nach freien Häusern, nach Schulen und Verkehrsanbindungen. Fast jeder vierte erwerbsfähige Spanier ist arbeitslos, jeder zweite davon länger als ein Jahr. Die Aussichten sind schlecht. In den nächsten zwei Jahren gehen wegen der Rezession etwa eine halbe Million weitere Jobs verloren. Das Land steht kurz vor einer kollektiven Depression.

In Villar de Cañas herrscht Aufbruchsstimmung. Es war Carmen Barco, die Gemeindesekretärin mit den Stöckelschuhen und dem Kostüm, die sich das mit der Bewerbung ausgedacht hat. Im September 2005 entdeckte sie im Staatsanzeiger die Meldung, dass Spanien nach einem geeigneten Standort für ein zentrales Atommüllzwischenlager suche. Sie schnitt die Nachricht aus und heftete sie an die Pinnwand in ihrem Büro. Sie informierte sich, was ein Atommüllzwischenlager war, erfuhr von den Arbeitsplätzen und dem jährlichen Geld. Dann erzählte sie dem Bürgermeister davon.

José Sáiz nennt seine Gemeindesekretärin „la jefa“, die Chefin. Carmen Barco ist Beamtin auf Lebenszeit, sie sitzt den ganzen Tag im Rathaus, ist für die Verwaltung zuständig. Sáiz macht den Bürgermeisterjob ehrenamtlich, ist nur ein paar Abende im Monat im Rathaus. Gemeinsam mit den sieben Gemeinderäten entscheidet er dann, was im Dorf passiert. Fast alle Beschlussvorlagen bereitet die Gemeindesekretärin vor. Sie hat Jura studiert. Der Bürgermeister hat bei seinem Vater Schweißen gelernt.

Als Carmen Barco dem Bürgermeister von ihrer Idee erzählte, sprach sie lange von den Arbeitsplätzen und von dem Geld. Der Bürgermeister war begeistert. Gemeinsam mit seiner Chefsekretärin träumte José Sáiz von da an. Von einem Villar de Cañas voller junger Menschen, mit Restaurants, Hotels, Schwimmbad.

Vier Jahre lang hörte und las Carmen Barco danach nichts mehr von dem Atommülllager. Doch sie dachte oft daran. Sie richtete einen Google-News-Alert ein. An einem Abend im September 2009 schlug der Alarm an. Im Januar könnten sich die Gemeinden um das Lager bewerben, hieß es in einer Nachricht.

Carmen Barco liebt ihr Leben in Villar de Cañas, die Dorfgemeinschaft, das Ansehen, das sie als Sekretärin des Rathauses genießt, wo sie seit 20 Jahren „la jefa“ ist. Nur manchmal fehlt ihr was. In Villar de Cañas gibt es drei Bars, eine Bäckerei und einen Tante-Emma-Laden. Als junge Frau ist sie oft in die Dorfdisko gegangen, aber die wurde vor 15 Jahren geschlossen. Der Raum steht seitdem leer.

Im Herbst 2009 legten sich Sekretärin und Bürgermeister eine Strategie zurecht. Sie rechneten damit, dass sich viele Gemeinden um das Atommülllager bewerben würden. Bisher waren aber nur die sieben Gemeinden als Kandidaten im Gespräch, die ein Atomkraftwerk besaßen. Laut Ausschreibung im Staatsanzeiger war das aber keine Voraussetzung.

Um keinen anderen Ort ohne Atomkraftwerk auf die Idee einer Bewerbung zu bringen, beschlossen die beiden, die Kandidatur von Villar de Cañas erst zwei Tage vor Ablauf der Frist bekannt zu geben. Sie arbeiteten konspirativ, informierten zunächst nicht einmal die Einwohner selbst. Und tatsächlich, es meldeten sich nur sechs weitere Dörfer ohne Atomkraftwerk. „Wären wir eine Woche früher mit der Nachricht an die Öffentlichkeit gegangen, hätten sich sicher 300 Dörfer gemeldet“, sagt Carmen Barco.

José Sáiz lacht laut und nickt. Die beiden sitzen im Wohnzimmer des Bürgermeisters, sie trinken Bier und essen Kartoffelchips. Die studierte Juristin und der angelernte Schweißer. Fast zwei Jahre sollte es noch dauern, bis Madrid einem der Kandidaten den Zuschlag gab. Im Januar 2011 wurde José Sáiz nervös. Er machte dem zuständigen Industrieminister ein Angebot: Seine Gemeinde würde sich mit der Hälfte der jährlich versprochenen Zahlung zufriedengeben.

Kurz vor den Kommunalwahlen im Mai 2011 waren noch neun Kandidaten im Rennen. José Sáiz machte das Atommülllager zum einzigen Wahlkampfthema. Carmen Barco veranstaltete Informationsabende, sie organisierte eine Ausstellung im Rathaus und brachte allen Familien DVDs der Atomenergiebehörde. Darauf zu sehen waren Tests, bei denen Castorbehälter aus 100 Metern auf Beton knallten. Die Botschaft: völlig harmlos.

In Deutschland werden Wahlen gegen Atomkraft gewonnen, in Spanien umgekehrt. Alle Bürgermeister der Kandidatengemeinden wurden im Amt bestätigt. José Sáiz aber erhielt das beste Ergebnis von allen und in seiner 16-jährigen Amtszeit. 67,4 Prozent der Dorfbewohner stimmten für ihn. 15 Prozent mehr als vier Jahre zuvor. Der damalige spanische Industrieminister sagte kurz nach der Wahl im Fernsehen, dass die Zustimmung zum Atommülllager in Villar de Cañas am größten sei. Sáiz und Barco wussten, ihr Plan hatte funktioniert.

Vor ein paar Tagen kam ein Mann aus Madrid in das Dorf, mietete eine seit Jahren leer stehende Bar, er will ein Restaurant eröffnen. Jeden Tag kommt mindestens ein Bauherr in den Ort und fragt nach freiem Baugrund. Die Quadratmeterpreise haben sich seit dem 30. Dezember verdoppelt auf 120 Euro. Aber Carmen Barco und José Sáiz wollen alles richtig machen, und dazu gehört auch, Spekulation zu verhindern. Der Bürgermeister sagt: „Wir müssen ein Beispiel für ganz Spanien sein, gerade jetzt.“

Nach drei Gläsern Bier sagt José Sáiz noch etwas anderes: „Wir könnten auch eine Stierkampfarena bauen.“ Und Carmen Barco denkt zurück an früher und sagt: „Wenn alles gut wird, machen wir die Disko wieder auf.“

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