Zeitung Heute : Wenn Beben keine Wellen schlagen

Roland Knauer

Vor Indonesien hat es erneut ein Seebeben der Stärke 8,7 gegeben. Wie kommt es, dass ein so heftiges Beben keinen Tsunami ausgelöst hat?

Diesmal ging das Seebeben vor Indonesien relativ glimpflich aus. Das mag bei mehr als tausend Todesopfern makaber klingen, doch im Vergleich zu der Zahl von beinahe 300000 Toten nach dem Weihnachtsbeben 2004 zeigt sich, dass es schlimmer hätte kommen können.

Vor vier Monaten lösten sich in Südasien auf einer Länge von 1200 Kilometern zwei ineinander verhakte Platten ruckartig voneinander. Auf der einen schwimmen Indien und Sri Lanka mit dem westlichen Teil des indischen Ozeans, die andere trägt Indonesien und den östlichen Teil des Ozeans. Dieser Ruck hob den Meeresgrund an und damit das darüber liegende Wasser. Die entstehende Welle war zwar zunächst nur zwanzig oder dreißig Zentimeter hoch, als sie aber nach zwanzig Minuten Banda Aceh und nach zwei Stunden Sri Lanka und Indien erreichte, türmte sich die Welle im flachen Wasser mehrere Meter hoch auf und verwüstete etliche Küstenregionen Südostasiens.

Die geologische Ruhe danch könnte trügerisch sein, warnten John McCloskey und seine Kollegen von der University of Ulster in Nordirland bereits am 17. März in der Wissenschaftszeitschrift Nature: Die Erschütterungen des Weihnachtsbebens hatten die Spannungen zwischen den Platten der Erdkruste in den benachbarten Regionen verstärkt. Der Geophysiker Birger Lühr vom Geo-Forschungs-Zentrum (GFZ) in Potsdam ergänzt: „Das Weihnachtsbeben hat sozusagen die Stützwand zu den südlicheren Regionen eingerissen.“ Die Kräfte im Erdinnern arbeiten langsam, erfahrungsgemäß entladen sich solche zusätzlichen Spannungen erst innerhalb der nächsten zwölf Monate nach einem Beben, bisweilen auch erst nach einigen Jahren in neuen starken Erschütterungen.

Jetzt ist es nach drei Monaten geschehen: Um 18.09 Uhr und 36 Sekunden mitteleuropäischer Sommerzeit lösten sich zwei- oder dreihundert Kilometer im Süden des Epizentrums des Weihnachtsbebens erneut zwei Erdplatten voneinander. Die US-Erdbebenwarte in Golden registrierte ein Beben der Stärke 8,7.

Nun lässt sich zwar das Risiko, die Wahrscheinlichkeit solcher Beben vorhersagen, wie McCloskey es getan hat, nicht aber der genaue Zeitpunkt. Kurzfristig lässt sich daher auch nur wenig unternehmen: Erdbebenwellen donnern mit einer Geschwindigkeit von mehr als zwanzigtausend Kilometern in der Stunde durchs Gestein, ein Tsunami erreicht immerhin ein Tempo von 700 oder 800 Stundenkilometern. Völlig zurecht warnten daher amerikanische und japanische Erdbebenzentren jetzt unverzüglich binnen weniger Minuten nach dem neuen Beben die Regierungen der betroffenen Länder vor drohenden Riesenwellen. Die Behörden in Indonesien, Thailand, Sri Lanka und Indien gaben die Warnung schnell weiter und die Bevölkerung eilte landeinwärts. So weit, so gut.

Allerdings war es diesmal ein Tsunami-Fehlalarm. Denn: Die beiden ineinander verhakten Erdplatten ruckten zwar heftig, aber seitwärts, es gab keine starke Auf- und Abwärtsbewegung des Bodens. Deshalb haben sich auch keine übergroßen Wellen gebildet, erklärt GFZ-Forscher Birger Lühr. Hinzu kommt: Man kann zwar die Stärke eines Erdbebens in wenigen Minuten messen und auswerten, nicht aber dessen Richtung, die für das Entstehen einer Riesenwelle mit entscheidend ist. Um Fehlalarme zu vermeiden, die unnötige Panik erzeugen und mit der Zeit nicht mehr ernst genommen werden könnten, wird Deutschland jetzt vor Indonesien ein weiteres Mess-System installieren, das im Meer den Wasserdruck und die Wellenhöhe misst. Sobald am Jahresende die ersten Sensoren arbeiten, rechnet ein Computerprogramm mit diesen Daten aus dem offenen Meer innerhalb von 12 bis 15 Minuten aus, ob das Beben eine Riesenwelle ausgelöst hat – oder eben nicht.

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