Zeitung Heute : Wenn „Bild“ niest

Der Tagesspiegel

Täglich 359 000 Blätter weniger haben „Bild“ und „Bild am Sonntag“ („BamS“) im ersten Quartal 2002 zusammen verkauft. Damit haben die beiden Boulevardzeitungen nicht einmal überdurchschnittlich viel Auflage eingebüßt. Prozentual kamen „Bild“ mit minus 4,8 (auf 4,083 Millionen Exemplare) und „BamS“ mit minus 6,4 Prozent (jetzt 2,222 Milionen) vergleichsweise ungeschoren davon. Die Verluste von Kölner „Express“, „B.Z.“ oder „Berliner Kurier“ nähern sich bedrohlich der Zehn-Prozent-Marke oder haben sie gar überschritten.

Springer lebt maßgeblich von den „Bild“- Gewinnen. Deshalb wird auch gern an das Zitat von Ex-Vorstandschef Jürgen Richter erinnert: Wenn „Bild“ niest, hat Springer Lungenentzündung. „Bild“-Chef und „BamS“-Herausgeber Kai Diekmann sagt angesichts der Verluste: „In einem Marktumfeld, in dem unseren Wettbewerbern die Hände und Füße abfrieren, niesen wir gerade mal. Das macht mich nicht glücklich. Aber immerhin trotzten wir im letzten Jahr dem rückläufigen Markttrend, gewannen sogar Auflage hinzu. Doch jetzt konnten wir uns dem Markttrend zumindest nicht völlig entziehen.“

Das Problem ist der allgemeine Rückgang des Einzelverkaufs. Das trifft die Kaufzeitung „Bild“ in besonderem Maß, gilt aber für alle Zeitungen und Zeitschriften. Die Auflagenzahlen des ersten Quartals 2002 zeigen das.

Diekmann hat mehrere Erklärungen. Zum einen sei der Euro schuld. Seien früher die Leute morgens zum Kiosk gegangen, hätten eine Mark für „Bild“ hingelegt und automatisch vom Verkäufer den vorbereiteten Groschen rübergeschoben bekommen, würden sie nun auf der Suche nach Münzen im Portmonee fummeln. An der Kasse bilden sich Schlangen, der Kaufvorgang sei im Gegensatz zu früher kein unbewusster mehr. Doch die Unsicherheit mit dem Euro geht vorbei. Ebenso wie es sich Anfang des Jahres bei der Euro-Umstellung auf die Auflage auswirkte, dass kleine Verkaufsstellen kein Zwei-Kassen-System führten.

Nachhaltig sind laut Diekmann drei weitere Ursachen, die in der gesamtwirtschaftlichen Situation zu suchen sind: Erstens das Gefühl der Verbraucher, alles sei teurer geworden, worunter der gesamte Einzelhandel leide. Zweitens die Arbeitslosigkeit, weshalb viele, etwa im Ruhrpott, auf dem Weg zur Arbeit nicht mehr an der Trinkhalle ihre „Bild“ holen. Drittens würden zunehmend kleinere Verkaufsstellen schließen. Diekmann sieht nur zwei Lösungsansätze, um die Auflage zu steigern: „Zum einen müssen wir die Wertigkeit der Zeitung steigern, zum anderen müssen wir die Zahl der verloren gegangenen Verkaufsstellen ausgleichen.“ In Zukunft wird es „Bild“ also nicht nur am Kiosk, an Tankstellen und beim Bäcker geben.usi

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