Zeitung Heute : Wenn Brillen sprechen können

Förderung für die Gründung einer Roboterfirma

Ilka Seer

Statt mit einem Blindenstab durch die Straßen zu laufen, könnte bald eine sprechende Brille Blinden und Sehbehinderten das Leben vereinfachen. Zwei junge Informatiker der Freien Universität Berlin arbeiten derzeit an einer intelligenten Brille, die Blinden nicht nur die Zeitung vorlesen, sondern auch die Umgebung so weit scannen kann, dass sie Straßenschilder wahrnimmt und den Brillenträger darüber informiert.

Die Studenten Oliver Tenchio und Cüneyt Göktekin werden ein eigenes kleines Unternehmen gründen, um den Protoypen der Lesebrille weiter zu entwickeln und serienmäßig herzustellen. Das Bundesforschungsministerium unterstützt sie dabei im Rahmen des bundesweiten Programms „Exist-Seed“ und fördert sie ein Jahr lang bei der Umsetzung ihrer Gründungsidee in einen Businessplan. Die beiden angehenden Unternehmer erhalten eine finanzielle Unterstützung in Höhe von 40 000 Euro und dazu einen Coach, der sie bei der Erarbeitung des Businessplans berät. Parallel dazu stellt die Freie Universität Berlin Göktekin und Tenchio die notwendige Infrastruktur zur Verfügung. Die Junggründer erhalten an der Universität Arbeits- und Laborräume und werden von ihrem Mentor, dem Informatik-Professor Raúl Rojas, während der Unternehmensgründung begleitet. „Toll, dass unser Projekt gefördert wird“, freut sich Tenchio. „Wer weiß, ob wir sonst überhaupt den Schritt in Richtung Unternehmungsgründung gegangen wären.“

Etwa 70 Gründungswillige hatten sich im Mai bei „Exist-Seed“ beworben, die Hälfte der Projekte hat einen Zuschlag erhalten – darunter ein weiteres Projekt der Freien Universität Berlin, bei dem der Medienpsychologe Florian Kerkau emotionale Reaktionen an Pupillen misst und dieses Phänomen systematisch für die Medienanalyse einsetzen will.

Um die sprechende Lesebrille serienmäßig produzieren zu können, müssen die Informatik-Studenten allerdings noch manche Hürden überwinden. „Wir suchen zum Beispiel Kooperationspartner, die für uns kleine Kameras produzieren“, sagt Cüneyt Göktekin. „Denn die kleinsten Kameras, die es momentan gibt, sind die in Fotohandys, und die sind für unsere Zwecke nicht hoch auflösend genug“, erläutert der 30-Jährige. Die Kamera soll auf dem Bügel der Brille sitzen und die Schrift in Büchern, Zeitungen oder Straßenschildern analysieren und in einen computerlesbaren Text verwandeln. Der Computer wandelt dann den Text in Sprache um, die die Sehbehinderten über einen unauffälligen Knopf im Ohr empfangen können.

Das zweite Standbein des neuen Unternehmens sollen die erfolgsbewährten Fußball-Roboter der Freien Universität Berlin werden, die FU-Fighters. Oliver Tenchio – der sich, wie Göktekin, im Studium auf Künstliche Intelligenz spezialisiert hat und gerade seine Diplomarbeit bei Raúl Rojas schreibt – will die Roboter als Baukästen produzieren. „Wir haben so viele Anfragen von Schulen und anderen Universitäten erhalten, dass es wirklich profitabel ist, unsere Software und die Bauteile serienmäßig herzustellen und professionell zu vertreiben“, sagt Tenchio. Das alleine reicht ihm aber nicht. Der gebürtige Potsdamer ist seit 1999 Konstrukteur der FU-Fighters. Sein Ziel ist es, dass sich die 15 Zentimeter kleinen Roboter selbstständig in alle Richtungen bewegen können, ohne entsprechende Befehle von einem externen Computer zu erhalten. Sie könnten dann im Katastrophenschutz eingesetzt werden oder Industrieanlagen überwachen.

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