Zeitung Heute : Wenn Calandro kauderwelscht

Das Ensemble B’Rock in der Friedenskirche

Dirk Becker

So harmlos kann sie klingen, die große Kesselpauke der Janitscharen wie in Johann Adolf Hasses Sinfonia: Maestoso – Un poco lento aus der Oper „Solimano“. Als die Janitscharen, die Elitetruppen des osmanischen Reiches, noch im 17. Jahrhundert in Europa für Furcht und Schrecken sorgten, muss die Musik ihrer Kapellen, das Dröhnen ihrer Kesselpauken, wie das Brausen aus der Hölle selbst geklungen habe. Doch nach der Niederlage der Türken 1683 vor Wien und dem anschließenden Verfall dieses gefürchteten Großreiches, in dessen Folge aus der europäischen Türkenangst erst eine Neugier und dann eine regelrechte Mode wurde, war die Höllenmusik der Janitscharen zum domestizierten Beiwerk europäischer Komponisten geworden.

Das flämische Barockorchester B’Rock unter der Leitung von Frank Agsteribbe hatte am Samstag bei seinem grandiosen Auftritt in der Friedenskirche ein paar ausgewählte Ausschnitte aus der musikalischen Türkenverniedlichung europäischer Komponisten unter dem Titel „On the road to Mozart’s Harem“ präsentiert. Neben Hasses „Solimano“ waren dies Ausschnitte aus Glucks Opern „Der betrogene Kadi“ und „Die Pilger von Mekka“, aus Haydns „L’incontro improvviso“, Joseph Martin Kraus’ „Soliman II“ und Franz Xaver Süßmayrs Sinfonia Turchesca.

Wo bei Hasse die Kesselpauke wie ein Päukchen klingt, sich brav und friedlich in das Orchester integriert, geht es im Allegro von Süßmayrs Sinfonia Turchesca noch kräftig zur Sache. Während die Streicher lieblich zu besänftigen versuchen, krawallen Trommel, Becken und Triangel fröhlich vor sich hin, als wolle der Türke doch noch einmal gen Wien marschieren. Doch diese musikalische Türkenkarikatur fand auch in Süßmayr ihren Meister und gibt sich spätestens im Finale kreuzbrav. Der einst über Jahrhunderte gefürchtete „Erbfeind der Christenheit“ ist nun zum wohlbeleibten und friedlich seinen Turban tragenden Exoten verkommen, mit dem man herzlich seine Späße macht.

Das trefflichste Beispiel hierfür scheint Haydns „L’incontro improvviso“ zu sein, wo Calandro nur ein lautmalerisches, sinnentleertes Kauderwelsch a la „Chich, blich, lu lu gagne“ von sich gibt. Sänger Antonio Abete gab diese Verballhornung mit humorvollster Süffisanz. Sein Bass, vollmundig und erdig, ein kraftvolles und bei jedem seiner Auftritte die Ohren aufs angenehmste streichelndes Gesangserlebnis. An seiner Seite Violet Noorduyn, deren vibrato- und pathosreicher Sopran erst in der zweiten Hälfte des Konzerts seine betörende Wirkung zu entfalten wusste. Dazu B’Rock mit einem schwungvollen, akzentuierten und so klaren wie schönen Klangbild. So herrlich, anspruchs- und gleichzeitig humorvoll können musikalische Karikaturen klingen. Dirk Becker

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