Zeitung Heute : Wenn das Handy zu Herzen geht

Der Tagesspiegel

Von Hartmut Wewetzer

Ein Spaziergang im Wald. Da, mitten in der Abgeschiedenheit, der Schmerz in der Brust. Eine Herzattacke, und keine Hilfe weit und breit! Diese Vorstellung ist für Menschen, die schon einen Infarkt hinter sich haben oder in der Furcht vor ihm leben, ein Alptraum. Wie wäre es, in dieser Situation eine Herzstromkurve aufzuzeichnen, an Experten zu senden und den alarmierten Notarzt-Hubschrauber mit einem Peilsignal zur Waldlichtung zu holen, wo der Herzkranke schon wartet?

Diese Vorstellung ist schon Wirklichkeit geworden. Denn mittlerweile gibt es Medizintechnik-Firmen, die Angstgeplagten ein solches „Herz-Handy“ oder ähnliche Produkte als mobile Lebensversicherung anbieten. Und auch Herzspezialisten bedienen sich inzwischen der Möglichkeit, mit Hilfe der „Telemedizin“ (also: per Telefon) wichtige Informationen über den Pumpmuskel ihres Patienten zu erhalten – während dieser vielleicht gerade im Urlaub und Hunderte von Kilometern entfernt ist.

Der Kranke muss nicht mehr bei jedem Stechen in der Brust in die Praxis. Herzstromkurve (EKG), Blutdruck, Blutzucker sind wichtige Messwerte, die heute überprüft werden können, ohne dass der Patient ins Sprechzimmer muss. Noch uneins sind sich die Experten jedoch, wie nützlich die Telemedizin im Einzelfall wirklich ist.

Im Zentrum der tragbaren „Herzwächter“ steht das EKG. Es zeichnet über mehrere Hautkontakte den bioelektrischen Erregungsablauf im Herz auf und informiert zuverlässig über Störungen, zum Beispiel Herzrasen, Herzstolpern, Durchblutungsstörungen und Infarkt (siehe Infografik). Je mehr elektrisch leitende Hautkontakte (Elektroden) über den Brustkorb verteilt sind, umso präziser können Störungen am Herzen über mehrere „Kanäle“ geortet werden.

Vorreiter des Herz-Alarms für jedermann ist die Mannheimer Firma Vitaphone. Seit September 2001 vertreibt sie ihr „Herz-Handy“ zum Preis von 750 Euro, zuzüglich 45 Euro pro Monat für die Beratung. Bislang wurden 500 Geräte verkauft, sagt Firmensprecher Benjamin Homberg.

Für das Geld bekommen die Kunden ein Handy, das mit einem EKG-Bauteil erweitert wurde und einfach auf den Brustkorb gehalten wird, um das EKG aufzuzeichnen. Diese Registrierung wird dann über das Mobilnetz an das „Notfall-Center“ der Firma in Magdeburg gesandt. Dort beraten Fachleute den Patienten und leiten das EKG bei Bedarf weiter. Ein Peilsender ermöglicht zudem, den Patienten mit Hilfe des GPS-Ortungssystems auch auf der grünen Wiese zu lokalisieren.

Auch die Salemer Groz AG bietet seit kurzem ein handliches EKG zum Selbstgebrauch an. Das Mini-EKG-Modell namens „Cremoni II“ besitzt ein eingebautes Mobiltelefon, von dem das medizinische Zentrum in Pirmasens die EKG-Informationen erhält.

Als „Weltneuheit“ preist der Berliner Herzspezialist Klaus Bonaventura, einer der Entwickler, dass „Cremoni II“ mit Hilfe von nur vier Elektroden ein „Zwölf-Kanal-EKG“ ableitet – der elektrische Erregungsablauf im Herzen wird also aus zwölf verschiedenen „Blickwinkeln“ beobachtet. „Wirklich aussagefähig sind nur solche Zwölf-Kanal-Ableitungen“, sagt Bonaventura. 100 Mal habe man das 599 Euro teure Gerät (zuzüglich monatlicher Servicegebühr von 109 Euro) bisher verkauft.

Wer aber haftet, wenn etwas schief läuft? Bonaventura versichert, dass bei „nachgewiesenen Fehlern bei der ärztlichen Beratung“ der am Telefon beratende Mediziner geradestehen müsse.

Theoretisch ist der Markt für die handlichen EKG-Melder riesengroß – bei knapp 300 000 Herzinfarkten pro Jahr in Deutschland. Aber der Markt ist hart. Und die Krankenkassen tun sich schwer mit der Kostenübernahme für die Geräte, die Firmen müssen private Kunden gewinnen.

Anfang Februar ist auch noch der Medizintechnik-Riese Philips in das Geschäft eingestiegen. „Sicherheit und Ruhe“ wolle man den Abonnenten des tragbaren Herz-Alarms vermitteln, sagt Jeroen Cammeraat von „Philips Heart Care“. Zwei EKG-Geräte stehen zur Auswahl, ein großes für zu Hause (12-Kanal) und ein kleines mit nur zwei Ableitungspunkten für unterwegs. Philips kooperiert mit dem israelischen Telemedizin-Anbieter SHL – er hat bereits 60 000 Dauerkunden und jedes Jahr rund 275 000 Anrufe.

Mit Skepsis betrachtet Dietrich Andresen, Kardiologe am Berliner Urban-Krankenhaus, das private Mobil-EKG. „Den Beratungszentren fehlt der persönliche Kontakt zum Patienten“, sagt Andresen. „Außerdem ist es in einer Stadt wie Berlin sinnvoller, bei Herzproblemen die Feuerwehr anzurufen – das geht viel schneller.“

Ähnlich sieht das Michael Oeff, Herzspezialist am Städtischen Klinikum Brandenburg. „Wenn es jemandem richtig schlecht geht, hat der gar keine Zeit mehr, sich Elektroden anzulegen und ein EKG aufzuzeichnen“, sagt Oeff. Dagegen könne es sinnvoll sein, einen EKG-Sender unerfahrenen Notärzten mitzugeben. Der Notarzt könne dann das EKG an Experten im Krankenhaus senden und es begutachten lassen. Oeff weiß, wovon er spricht: Das Land Brandenburg hat die höchste Sterblichkeit am Herzinfarkt in Deutschland. Nirgendwo ist es gefährlicher, einen Infarkt, also einen Verschluss eines Herzkranzgefäßes, zu erleiden.

Unstrittig ist dagegen der Einsatz mobiler EKG-Sender, um Herzrhythmusstörungen aufzuklären. Viele Patienten klagen über „Herzstolpern“ oder „Herzrasen“, und oft ist es schwierig, die Ursache dieser Probleme aufzuklären. Solche Patienten bekommen ein mobiles EKG, das sie bei Einsetzen der Krankheitszeichen anlegen.

Das Gerät zeichnet etwa eine halbe Stunde auf, die Informationen werden an die behandelnden Ärzte gesendet. Auf diese Weise ist es möglich, die Ursache der Beschwerden aufzuklären – oder zumindest manche auszuschließen.

Nach eigenen Angaben Marktführer bei der telemedizinischen Untersuchung von Herzrhythmusstörungen ist die Chemnitzer Firma Medi AG. Ihr System „Rhythmcard“ speichert ein Ein-Kanal-EKG auf einen scheckkartengroßen Chip. Das EKG wird dann von der Karte über ein normales Telefon mit akustischer Kopplung gesendet.

Bei der „Rhythmcard“ übernimmt der behandelnde Arzt die Auswertung des EKG. Die ständige Benutzung durch den Patienten ist nicht vorgesehen. Ebensowenig wird er durch die Medi AG beraten. Bezahlen muss der Kranke meist trotzdem: 150 Euro kostet es, die Rhythmus-Karte für ein Vierteljahr zu mieten, der Kaufpreis liegt bei 550 Euro.

3000 EKG-Karten hat die Telemedizin-Firma bisher in Umlauf gebracht, Hauptpartner ist das Berliner Uniklinikum Charité. Die Klinik arbeitet mit Arztpraxen zusammen und übernimmt bei Bedarf die Auswertung des EKG. Die Charité will nun mit einer Studie untersuchen, wie sinnvoll das EKG-Tagebuch des Patienten ist.

„Nachrichten aus dem Herzen“ heißt der Werbespruch der Berliner Medizintechnik-Firma Biotronik. Das Unternehmen bietet seit einigen Monaten einen Schrittmacher mit Sender an. Übertragen wird das EKG aus dem Herzen an ein handyähnliches Patientengerät, das seinerseits die Informationen an ein Servicezentrum der Firma und von dort an die behandelnden Ärzte weiterleitet.

Das Verfahren kann Arztbesuche sparen, ohne dass die Behandlung darunter leiden muss, sagt Hans-Jürgen Wildau, bei Biotronik für Gesundheitsdienstleistungen zuständig. Jeder fünfte Schrittmacherpatient könne profitieren. Aber eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen ist nicht in Sicht. „Es gibt da einen ausgefeilten Mechanismus, der Innovationen in der Medizintechnik von der Kostenerstattung ausschließt“, sagt Wildau. „Seit Mitte 2000 ist keine einzige Neuerung mehr zugelassen worden.“

Inzwischen hat auch Medtronic, der amerikanische Konkurrent der Biotronik, mit einem Gerät nachgezogen und bietet ebenfalls telemedizinische Schrittmacher-Überwachung an. Motto: „Patientenbetreuung von jedem Ort der Welt.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben