Zeitung Heute : Wenn das Klima abstürzt

Nach einer Studie des Potsdam- Instituts reichen schon winzige Veränderungen, um das Klimasystem zum Kippen zu bringen. Wie unberechenbar ist der Klimawandel?

Manchmal können schon kleinste Störungen ein komplettes System zum Kippen bringen. Bekannt ist das aus der Technik. Zum Beispiel ist ein schadhaftes Kabel in der Lage, einen ganzen Computer zum Absturz zu bringen. Beim Klima auf der Erde ist es nicht anders. Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als verlaufe die globale Erwärmung relativ langsam und nach einem linearen Muster. Doch auch kleinste Störungen des Klimasystems können große Auswirkungen auf Mensch und Natur haben. Darauf weist jetzt ein internationales Forscherteam um Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) hin.

Die Wissenschaftler benennen neun potenzielle „Kippelemente“ („Tipping Elements“). Gemeint sind damit Regionen oder Phänomene, an denen das Klima durch die Erderwärmung so stark belastet wird, dass wichtige Prozesse im Gesamtgefüge kippen und von da an grundsätzlich anders ablaufen. Die internationale Klimapolitik müsse auf die neun Kippelemente besonders Rücksicht nehmen, fordern die Wissenschaftler. Sie haben für ihre Studie 52 weltweit führende Klimaexperten befragt und die gesamte relevante wissenschaftliche Literatur ausgewertet. „Projektionen von Klimamodellen könnten die Gesellschaft in einem falschen Gefühl von Sicherheit wiegen“, folgern Schellnhuber und sein britischer Kollege Timothy Lenton.

Ein besonders anfälliges Kippelement ist der Grönländische Eisschild. Gerade sein Beispiel zeigt, wie sich Effekte der Erderwärmung gegenseitig verstärken können. Die direkte Erwärmung über dem Eisschild beschleunigt den Eisverlust durch Gletscher, die ins Meer fließen. Dadurch verliert der Rand des Eisschildes an Höhe, was die Erwärmung und damit den Eisverlust weiter beschleunigt. Nach den heutigen Modellen kann nicht genau gesagt werden, wann der kritische Punkt auf Grönland erreicht wird. Sollte aber die Marke von drei Grad Celsius lokaler Erwärmung überschritten werden, könnte der Eisschild schon innerhalb von 300 Jahren komplett abschmelzen. Dann würde der Meeresspiegel weltweit um bis zu sieben Meter steigen.

Nicht weniger dramatisch könnte die Entwicklung beim Eis verlaufen, das auf dem Meer der Arktis schwimmt. Wenn es schmilzt, wird darunter die dunklere Wasseroberfläche sichtbar. Sie nimmt mehr Sonnenstrahlung auf als weiße Eisflächen. Dadurch wird die Erwärmung verstärkt. Die Folge: Das übrige Eis schmilzt im Sommer stärker ab, im Winter wird die Neubildung gebremst. Die kritische Marke könnte hier schon bei einer globalen Erwärmung um 0,5 bis 2 Grad Celsius erreicht werden, heißt es in der Studie. Schon in wenigen Jahrzehnten könnte also die Arktis im Sommer eisfrei sein.

Als ein weiteres Kippelement gilt der Amazonas-Regenwald: „Bei einer Erwärmung um drei bis vier Grad Celsius könnte er nach Modellaussagen bereits in fünfzig Jahren großflächig absterben.“ Auch die Wälder der nördlichen Breiten, das El-Nino-Phänomen und der westafrikanische Monsun seien „Kandidaten, die die Gesellschaft überraschen könnten“.

Als Konsequenz aus der Studie fordern Schellnhuber und seine Kollegen eine Abkehr von den „bisherigen Schritt-fürSchritt-Konzepten“ und bessere Anpassungsstrategien. Viel Zeit bleibt der Menschheit nicht mehr – Kippelemente, deren Schicksal sich erst nach 2100 entscheidet, haben die Forscher in ihrer Studie noch nicht einmal berücksichtigt.

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