Zeitung Heute : Wenn das Leben vorbeirauscht

Der Konsum von Alltagsdrogen nimmt zu. Wie viel Sucht gibt es in Deutschland?

Rainer Woratschka

Auf dem Titel des neuesten Drogenberichts ist ein nackter Fuß zu sehen, balancierend auf schwankendem Seil. Auch der Umgang mit sogenannten Alltagsdrogen sei ein Balanceakt, sagt Sabine Bätzing, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Ob Tabak, Alkohol oder Medikamente: Jeder müsse seinen Konsum immer wieder infrage stellen. Viel zu viele jedoch schafften das nicht. Deshalb, sagt Bätzing, müsse endlich „Schluss sein mit der Verharmlosung von Alltagsdrogen“. Schließlich sei es vor allem das gesellschaftliche Herunterspielen dieses Problems, das bei Abhängigen und deren Angehörigen „zu unermesslichem, oft stillem und unbeachtetem Leid“ führe.

Die Drogenbeauftragte hat die Alltagsdrogen ins Zentrum ihres diesjährigen Berichts gerückt. Das mag mit dem politischen Kampf um mehr Nichtraucherschutz zusammenhängen, mit den Berichten um die Alkoholexzesse von Jugendlichen, oder auch mit der erneut gesunkenen Zahl von Herointoten. 1296 Menschen sind im vergangenen Jahr infolge des Konsums illegaler Drogen gestorben. Das sind 2,3 Prozent weniger als im vorigen Jahr, und es ist der niedrigste Stand seit 1989.

Im Vergleich dazu nehmen sich andere Zahlen gespenstisch aus. 140 000 Menschen sterben in Deutschland pro Jahr an den direkten Folgen des Rauchens, 40 000 am Alkoholkonsum. 1,6 Millionen sind alkoholabhängig, weitere 1,7 Millionen schädigen ihre Gesundheit mit Alkohol, mehr als zehn Millionen trinken „in riskanter Weise“. Und 1,4 Millionen sind medikamentenabhängig, zu zwei Dritteln Frauen.

Der Kampf gegen die Alltagsdrogen jedoch scheint ein ebensolcher Balanceakt wie der Umgang mit ihnen. Bätzings Rezept trägt eine sperrige Bezeichnung. Sie setze auf einen „Mix von Verhältnis- und Verhaltensprävention“, sagt sie. Einerseits gesetzlicher Druck, andererseits Sensibilisierung. Beim Thema Alkohol heißt der Doppelpack etwa: absolutes Alkoholverbot für Fahranfänger und gleichzeitig Infokampagnen zu Gefahren des Saufens.

Verstärktes Reglement allein hält Bätzing für wenig hilfreich. Von einem Verbot sogenannter Flatrate-Partys, wie es Unionspolitiker fordern, hält sie ebenso wenig wie von einem generellen Alkoholverbot für unter 18-Jährige. Die bestehenden Gesetze genügten, der Strafrahmen liege ja bei bis zu 50 000 Euro, sagt sie. Die Kommunen müssten aber stärker kontrollieren, dass Jugendliche wirklich keinen Schnaps und bereits Betrunkene keinen Alkohol mehr ausgeschenkt bekämen.

Mit ihrem Mix will Bätzing die Raucherquote unter Jugendlichen, die seit 2001 schon von 28 auf 20 Prozent sank, bis 2008 weiter auf 17 Prozent drücken. Und der riskante Cannabis-Konsum unter jungen Menschen soll von jetzt fünf auf bald drei Prozent sinken. Auch bei dieser illegalen Droge werde das Problem unterschätzt, so die SPD-Politikerin. Die Zahl derer, die Cannabis-Beratungsstellen aufsuchten, habe sich seit 2001 mit 18 155 mehr als verdoppelt.

Beim Medikamentenmissbrauch ist die Balance besonders schwierig. Man dürfe bei Schmerzen oder Depressionen schließlich keinem die Arznei vorenthalten, sagt die Drogenbeauftragte. Gleichzeitig wisse man, dass ein Drittel dieser Mittel nicht zur Heilung von Krankheit, sondern zur Linderung von Entzugserscheinungen verschrieben werde. Ärzte, Apotheker und Pfleger müssten für dieses Problem stärker sensibilisiert werden. „Alarmierend“ seien auch die Zahlen zum Doping. Laut Bätzing greifen rund 200 000 Breitensportler zu solchen Mitteln. Bei einer Umfrage in süddeutschen Fitnessstudios hätten sich 19,2 Prozent der Männer und 3, 9 Prozent der Frauen dazu bekannt.

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