Zeitung Heute : Wenn Demütigungen und Hänseleien eskalieren

Rolf Brockschmidt

Morton Rhue hätte es sich gewiss nicht träumen lassen, dass seine fiktive Dokumentation "Ich knall euch ab!", die er im Jahr 2000 unter dem Eindruck der Schießerei an der Columbine High School in Colorado geschrieben hatte, plötzlich so aktuell werden würde. Damals waren zwölf Schüler und ein Lehrer umgebracht und 23 Personen verletzt worden. Die beiden Täter hatten sich dann selbst getötet. Rhue hat das Buch vor allem geschrieben, um den exzessiven Waffengebrauch und die leichte Verfügbarkeit von Waffen in den USA zu geißeln, wie er im Vorwort schreibt. Er räumt auch ein, dass es dieses Phänomen auch in Europa gebe, doch spätestens seit Erfurt vermuten wir, dass es die Verfügbarkeit von Waffen alleine nicht ist. Es muss mehr dahinter stecken. Rhue weiß zwar auch keine endgültige Antwort, aber er legt auf Grund intensiver Gespräche aus dem Columbine-Umfeld und auf Grund wissenschaftlicher Untersuchungen interessante Fährten, die aufhorchen lassen und die über spezifische Verhältnisse in den USA hinausweisen.

Zwei Schüler der zehnten Klasse, Gary und Brendan, werden von den Sportassen eines Colleges, die die Ton angebende Clique bilden, über Jahre gehänselt und gedemütigt, bis die beiden den Abschlussball der Schule zu einer Geiselnahme und einem blutigen Showdown nutzen, bei dem Gary sich selbst tötet und Brendan von seinen Mitschülern nach der Schießerei, bei der viele verletzt wurden, fast gelyncht worden ist und im Koma endet.

Rhue lässt die Journalistikstudentin Denise Shipley, die sich am Ende des Buches als Garys Stiefschwester entpuppt, nach Middletown reisen, um mit allen Betroffenen zu sprechen. Der Text ist eine Collage aus den Aussagen, die Shipley gesammelt hat, sowie von Fragmenten aus e-Mails der beiden Freunde, Zitaten aus ihren Abschiedsbriefen und Tagebüchern, was den dokumentarischen Charakter des Buches verstärkt. So ergibt sich ein Mosaik von kleiner Details, die im Nachhinein Gewicht bekommen.

Gary wird als guter Schüler geschildert, der von seiner allein erziehenden Mutter mehr als behütet und zum Teil auch in den Scheidungsauseinandersetzungen instrumentalisiert wurde. Gary hatte unter dem Verschwinden des Vaters und dem Umzug nach Middletown gelitten. Er wird auch an seiner neuen Schule als intelligenter, zurückgezogener Junge wahrgenommen, der aber an dem sportdominierten College mit seinen Footballstars ein Außenseiter bleibt. Brendan, der ebenfalls neu nach Middletown kommt, wird als lauter, aufgeweckter Junge beschrieben, der über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn verfügt. Über Computerspiele, aber auch über ihre Außenseiterrolle haben die beiden zueinander gefunden.

Die Erzählerin protokolliert den Prozess einer Eskalation der Demütigung, Hänselei, der unverhohlenen Kumpanei von Lehrern mit den Footballspielern, die dem Kleinstadt-College zu Prestige und Ansehen im Bundesstaat verhelfen. "Diese Leute waren wie die Sonne, und wir anderen waren kleine Planeten in der Umlaufbahn, weit weg" schreibt Emily Kirsch, eine ehemalige Freundin Brendans über die Clique, in der Designerlabels und Sporterfolge die Werteskala bestimmen. Alles, was anders ist, wird verspottet oder gemobbt.

Brendan lehnt sich dagegen auf, legt sich mit den Sportlern an. "Ich glaube, er war einfach der Meinung, dass es sein Recht war, den Flur zu benutzen, und dass diese Typen ihm nicht den Weg versperren durften", gibt Dustin Williams zu Protokoll. Der afroamerikanische Footballspieler und Nachbar Brendans ist der Einzige, der die wachsende Aggression von Gary und Brendan versteht. Dustin wird auch nur akzeptiert, weil er ein guter Spieler ist, der gebraucht wird.

Aus diesem Gemisch aus ständiger Demütigung, Zurücksetzung und falscher Parteinahme der Lehrer entsteht die explosive Situation, die zur Katastrophe führt. Und die den beiden, wie sie verzweifelt hoffen, ein Mal die ungeteilte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und der Medien beschert. "Vielleicht sollte an der Schule ein Pflichtkurs eingeführt werden, wo den Kindern beigebracht wird, sich gegenseitig zu respektieren, egal wie verschieden sie sind. Ich glaube, das würde viel mehr bringen als Geometrie", sagt eine Schülerin nach dem furchtbaren Geschehen.

Morton Rhue hat mit diesem spannenden und aufrüttelnden Buch den Finger auf die Wunde gelegt: Gleichgültigkeit, falsche Toleranz, Demütigung von Minderheiten und Verherrlichung von banalen Äußerlichkeiten. Hier scheinen eher die Probleme moderner Konsumgesellschaften zu liegen als in der alleinigen Verfügbarkeit von Waffen. Wichtig ist es, diesem vermeintlichen Ausweg vorzubeugen. In einem sehr lesenswerten Nachwort fordert der Bielefelder Jugendforscher Klaus Hurrelmann eine Schule, die für Schüler in ihren Anforderungen berechenbar bleibt, die um ein gutes soziales Klima bemüht ist und sich für Leistungsförderung engagiert.

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