Zeitung Heute : Wenn der Chef in den Familienvorstand wechselt

Für rund 700 000 Unternehmen in Deutschland werden Nachfolger gesucht. Woher nehmen, wenn nicht abwerben?

Jeder dritte Unternehmer findet nach einem Report des Deutschen Industrie- und Handelskammertages keinen geeigneten Nachfolger. Deshalb wurden dem Bericht zufolge 2010 rund 1800 Unternehmen mit insgesamt mehr als 23 000 Arbeitsplätzen aufgegeben. Foto: dpa
Jeder dritte Unternehmer findet nach einem Report des Deutschen Industrie- und Handelskammertages keinen geeigneten Nachfolger....Foto: picture alliance / dpa-tmn

Der Fachkräftemangel hat die Chefetage erreicht. Allerdings ist es hier komplexer als im Fall fehlender Ingenieure oder Facharbeiter. Denn nach Expertenmeinung suchen aktuell rund 700 000 deutsche Unternehmen nach einem neuen Chef. Und nach Einschätzung des DIHK stehen ein Viertel der Firmen vor dem Aus, weil sich kein Unternehmensnachfolger findet. Das betrifft vor allem kleine und mittlere Unternehmen und das Handwerk, wo gut 200 000 Betriebe vor dem Generationenwechsel stehen – und zwar zu 47 Prozent außerhalb der Familie.

Auf der anderen Seite gibt es eine sehr aktive Gründerszene. „Viele, die heute um die 30 sind, haben erstklassig studiert und möchten Führungsverantwortung“, sagt Unternehmensberater Achim Brüser. „Sie sind inhaltlich gut vorbereitet, aber scheuen sich, ein bestehendes Unternehmen zu übernehmen. Lieber starten sie etwas eigenes, weil es weniger riskant wirkt.“ Dabei sei die Angst vor der Nachfolge unbegründet. Schließlich habe man dort die Chance in laufende Strukturen hineinzuwachsen und könne mit einem erfahrenen Berater an der Seite vor dem Kauf alles genau prüfen. „Eigentlich ist eine Nachfolge eine wasserdichte Sache.“

Aber es gibt noch weitere Hürden. „Viele Inhaber haben eine übertriebene Vorstellung vom Wert ihres Unternehmens und beginnen außerdem viel zu spät mit der Suche nach einem Nachfolger“, so Brüser. Nicht selten haben sie ihr gesamtes Vermögen in der Firma gesteckt. Ein weiteres Kernproblem sei, dass sie sich unentbehrlich fühlen und Schwierigkeiten haben, loszulassen. So fangen viele Unternehmer erst mit 60+ an, einen Nachfolger zu suchen. „Besser ist es, sich frühzeitig mit dem Thema zu befassen und entweder aus den eigenen Reihen einen Nachfolger aufzubauen oder gezielt extern zu suchen.“ Findet sich dann ein Kandidat, der sich der Aufgabe gewachsen fühlt, stellt die Finanzierung der Übernahme, das Management-Buy-In (MBI), eine erneute Hürde dar. Auch wenn man „für relativ wenig Geld relativ viel Unternehmen bekommt“, wie Brüser sagt, stellt sich die Frage, wie beispielsweise ein Manager, der sein Angestelltendasein gegen die unternehmerische Selbstständigkeit eintauscht, in die Lage versetzt wird, den Kauf zu finanzieren. „Es gibt eine ganze Reihe von Fördermöglichkeiten über die KfW und die Landesbanken“, erklärt Christian Ehl, Gründer und Betreiber der Firmenbörse Firmundo.de, die vor allem kleinen Unternehmen einen Marktplatz bietet. Ehl rät potenziellen Käufern daher, sich vor der Übernahme zu informieren und unternehmerisch heranzugehen. „Manche Firmen wirken auf den ersten Blick vielleicht aufgrund ihrer Lage oder mangelnder Internetpräsenz nicht so attraktiv. Aber wenn man genau hinsieht, entdeckt man das Potenzial, ändert den Standort oder entwickelt einen zusätzlichen Webshop.“ Umgekehrt sollten Inhaber den Wert ihres Unternehmens unter Zuhilfenahme von Ratings oder Bewertungsverfahren realistisch einschätzen. Auch sei es gerade für kleine Unternehmen wichtig, sich vor dem Verkauf mit den Strukturen zu befassen. „Transparenz ist ein ganz wesentlicher Punkt, auch in Bezug auf die Suche nach einem Nachfolger. Wenn ich mein Unternehmen nicht offensiv vermarkte, werde ich keinen Käufer finden. Das ist im Grunde nicht anders als beim Verkauf eines Hauses oder Autos. Man darf die Öffentlichkeit nicht scheuen.“

Dem stimmt Stefan Klemm zu. Als Gründer des Entrepreneurs-Clubs und Betreiber der Recruitingmesse „Karrieretag Familienunternehmen“ hat er täglich mit Unternehmern und ihren potenziellen Nachfolgern zu tun und sieht in der Öffentlichkeitsscheue von Familienunternehmen ein ganz wesentliches Problem in der Besetzung ihrer Führungspositionen. Seit 2004 bringt er daher im Entrepreneurs-Clubs Inhaber und Unternehmerpersönlichkeiten gezielt zusammen und entwickelt jetzt auch ein Darlehen für Kaufinteressenten in Form von Mezzanine-Kapital, das von Familienunternehmen über einen Fonds finanziert wird. Das soll MBI-Kandidaten den Weg zum eigenen Unternehmen erleichtern. „Allerdings stellt die Suche für viele Unternehmer ein echtes Problem dar, weil im Verborgenen sondiert wird“, sagt Klemm. „Das funktioniert aber nicht, weil die richtigen Kontakte fehlen.“ Hier kommt dann der Entrepreneurs-Clubs oder ein Berater ins Spiel.

Im Idealfall sei der beauftragte Headhunter „kein jugendlicher Schlips“, sondern selbst lebenserfahren, meint Dieter Rickert, einer der Top-Personalberater Deutschlands aus dem Bereich Executive Search. „Man benötigt ein Gespür dafür, was der Alte braucht und was der Neue kann“, sagt er. „Meine Arbeit ist daher zu 20 Prozent detektivisch und zu 80 Prozent Eheberatung.“ Denn bei der Nachfolge gehe es nicht nur um fachliche Qualifikationen, sondern auch um die Persönlichkeit. Rickert ist seit 1977 erfolgreich tätig und würde selbst gerne einen Nachfolger finden. „Meine Frau lässt mich nicht“, verrät er augenzwinkernd. Der CEO-Posten zuhause sei schon besetzt.

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