Zeitung Heute : Wenn der Computer farblich mit der Tapete harmoniert

Stefanie Grupp

Apples neue Bildschirmoberfläche "Aqua" peppt nun auch diese Schnittstelle aufStefanie Grupp

Ein Bildschirm, mit dem sie Blickkontakt aufnehmen können, der Dateien öffnet, wenn man sie nur lange genug anvisiert. Eine Maus, die den Rechner in den Tiefschlaf schickt, wenn sie merkt, dass es dem User nicht gut geht - was als pure Fiktion daherkommt, ist bereits technische Wirklichkeit. Lange hatte sich im Interface-Bereich, also der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, nichts Aufregendes getan. Sicher wurde gestalterisch immer eine minimale Zeitgeist-Kosmetik betrieben. Doch inzwischen zeigt sich, dass das Interface noch immer ein Entwicklungspotential birgt, von dem viele bisher nicht einmal zu träumen wagten: eine Software zu schaffen, die auf menschliche Mimik, Gestik und Emotion reagiert, die sich vor dem Bildschirm ereignet.

Auf der Messe "Macworld" stellte "Apple" unlängst sein neues Betriebsystem "Apple OS X" vor. Dass der Hersteller nur unbedeutende Änderungen am Erscheinungsbild seiner Interfaces vornahm, wird erst vor dem Hintergrund dessen deutlich, was an Veränderungen in Zukunft möglich sein wird - haptische Interfaces, die an der bloßen Art von Augenrollen, Handbewegungen und Sitzhaltung erkennen werden, wer vor dem Gerät sitzt.

Doch die Kosmetik, die "Apple" betreibt, darf nicht unterschätzt werden. Auch der iMac hatte an Anwendungen nichts Neues gebracht. Dennoch war es eben die poppige Gestaltung seiner Hardware, die ihn über Nacht zu einem personalisierten Wohn-Accessoire gemacht hat, das sich farblich mit der heimischen Tapete harmonisieren ließ. Was der iMac im Bereich der Hardware änderte, hat "OS X" jetzt für die Ästhetik der Benutzeroberflächen bewirkt. Großzügig spielt "Apple" darin mit seinem blau-weißen iMac-Farbschema. Und "Apple" hält ein weiteres Feature bereit: transparente Fenster, die bisher zwangsläufig verborgene, darunterliegende Fenster halb durchscheinen lassen. "Aqua" heißt dieses Extra, das die Organisation des Desktops leichter verständlich macht - eine nette Spielerei für überzeugte "Macianer", auf die auch "DOSen", also "Windows"-Anwender nicht verzichten müssen: "Winaqua" heißt die Oberfläche zum Stardock-Programm, an dem sich der Rechner allerdings ab und zu aufhängt.

Für den Benutzer, der die Tiefenstrukturen seines Computers nicht versteht, beschränkt sich das Gerät heute phänomenologisch auf die sichtbaren Oberflächen, dieso genannten Interfaces: Schnittstellen zwischen Mensch und Technik. Begriffe wie "Page" oder "Desktop" sind Interfaces, die jeder Benutzer kennt. Er assoziiert Papierseite und Schreibtisch mit virtuellen Oberflächen. Diese Verknüpfung hilft ihm lernpsychologisch, sich in einer neuen Technikdimension zurechtzufinden und anfängliche Unsicherheit zu überwinden.

Dies war leider nicht immer so: Weil Interfaces vor 25 Jahren noch nicht erfunden waren, mußte der Benutzer kryptische Kurzbefehle beherrschen. Diese folgten konsequent einer Logik. Wer diese durchschauen wollte, mußte das Betriebsystem und seinen Aufbau blind verstanden haben. Irgendwie ahnten die Softwareentwickler, dass der Umgang in diesem Punkt einfacher werden musste. Der Erfolg von Apple und vor allem Microsoft basiert gerade auf dieser Erkenntnis.

Als Beobachter der Anwendungsdemokratisierung etabliert sich die Wissenschaft des Interface. Sie beschäftigt sich bis heute mit den Auswirkungen und Bedingungen der zwischen Mensch und Maschine stattfindenden Interaktionen. Die Interface-Essayisten beschränken sich darin keineswegs auf kassandrahafte Warnungen vor dem binären Modell Mensch versus Maschine. Vielmehr betonen sie das positive Potential des Interface als einem "Tor zur Welt".

Dieser enthusiastischen Deutung des deutschen Systemtheoretikers Otto E. Rössler, der an der Uni Tübingen lehrt und forscht, steht jedoch eine Kritik der mausgesteuerten Benutzerführung gegenüber. Die Lobby derjenigen, die in der subtilen point-and-click-Gängelung der Arbeitsschritte langfristig den Verfall einer freien analytischen Gedankenkultur heraufbeschworen, war und ist groß. Man werde dem Phänomen Interface in seiner Komplexität nicht gerecht, wenn man es auf ein Instrument zur digitalen Versklavung reduziere, argumentieren die Anhänger Rösslers. Eine aktuelle positive Umdeutung des Interface sei ihrer Meinung nach den neuen haptischen Interfaces zu verdanken. Niemand werde in zwei Jahren mehr auf den Augen-Flirt mit dem eigenen Computer verzichten wollen - womit sie Recht haben könnten.Mehr zum Thema im Internet unter:

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