Zeitung Heute : Wenn der Fußball regiert

Axel Vornbäumen beginnt die WM im Kanzleramt

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Es sind nur wenige Schritte vom Kabinettssaal zu dem kleinen Balkon. Von hier oben, siebter Stock, Kanzleramt, hat man einen besonders schönen Blick über die Berliner Republik, die von heute, 18 Uhr, an für die nächsten gut vier Wochen eine Republik im Ausnahmezustand sein wird. Der Fußball hat Besitz ergriffen von diesem Land, und vielleicht hat er es nirgendwo so demonstrativ getan wie hier im Regierungsviertel. Wenn Angela Merkel, die Kanzlerin, wollte, dann könnte sie in den kommenden Tagen von hier aus ihrem Volk zuwinken, wie es zu Zehntausenden, von Absperrgittern geleitet, seinen Weg findet vom neuen Hauptbahnhof zur Fanmeile am Brandenburger Tor oder zur Adidas-Arena, dem Nachbau des Berliner Olympiastadions, die in Abschlagweite vom Kanzleramt auf den Reichstagsrasen gestellt wurde. Fußball schauen ist nun erlaubt auf einer Riesenleinwand, dort, wo Fußball spielen lange verboten war. Und vielleicht könnte sich Merkel einen Spaß daraus machen, am Jubel vor dem Reichstag zu erraten, wie es gerade steht, bei Mexiko gegen Iran beispielsweise, Sonntag ab 18 Uhr.

Der kleine Balkon, siebter Stock, Kanzleramt, spielt eine zentrale Rolle in einer Anekdote, die wie kaum eine andere die Zwänge und die Träume der Berliner Republik plastisch beschreibt, auch wenn sie so nie stattgefunden hat: Gerhard Schröder stand also auf dem Balkon, als von unten ein paar Fußballer hoch riefen: „Acker, komm runter, mitspielen!“ „Kann noch nicht“, hat Schröder gerufen, „muss noch regieren.“ Dann ist er wieder reingegangen in den Kabinettssaal und hat mit seinen Ministern über Fußball gefachsimpelt. Letzteres stimmt wirklich. Es ist viel über Fußball geredet worden unter Rot-Grün, und meistens war von „Wir“ die Rede, wenn die Sprache auf die deutsche Nationalelf kam. Angela Merkels Verhältnis zum Fußball ist dagegen ein nüchternes, fast analytisches. Das Zusammenspiel von Kollektiv und Individuum fasziniert sie mehr als ein aus dem Fußgelenk geschlagener Pass in die Tiefe. Sie wird sich trotzdem nicht langweilen, heute, ab 18 Uhr in der Münchner Allianz-Arena. Sie ist dann im Dienst für Deutschland.

„Daheim“ in Berlin, im Kanzleramt, haben sie überlegt, für das Eröffnungsspiel gegen Costa Rica im Vortragssaal einen Beamer aufzustellen. Der Gedanke wurde verworfen. Im Allerheiligsten der Macht sind heute Abend nach 18 Uhr ohnehin nur die, die unbedingt anwesend sein müssen. Es wird ruhig sein im Kanzleramt, wenn der Fußball regiert.

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