Zeitung Heute : Wenn der Job auf den Magen schlägt

Konflikte im Beruf sind an der Tagesordnung. In speziellen Seminaren lernt man, sich gepflegt zu streiten

Jenni Roth

Wenn der Hals kratzt, hilft der Arzt. Wenn der Rücken schmerzt ebenso. Doch was, wenn vor lauter Stress der Magen bei der Arbeit rebelliert?

Diese Frage stellen sich viele. „Jahr für Jahr melden sich mehr Menschen bei uns, die über Konflikte am Arbeitsplatz klagen“, sagt Yvonne Janczak. Sie ist Sozialpädagogin bei der Mitarbeiter- und Sozialberatung für Berliner Bundesbehörden vom Robert-Koch-Institut. Zur Sprache kämen meistens alltägliche Konflikte. Der eine kommt zu spät, der andere arbeitet zu langsam, und der dritte will nicht, dass im Büro geraucht wird. Kleine Probleme scheinbar, doch diese können sich zu handfesten Konflikten entwickeln. Schlecht für die Betroffenen, gut für Stressdoktoren: Der Markt für Konfliktmanagement-Seminare boomt.

Mehr als ein Drittel der Anfragen, die die Sozialberatung zu lösen versucht – darunter persönliche und psychische Probleme – betreffen Konflikte im Job. Die Ursachen liegen für Janczak auf der Hand: „Es gibt eine höhere Arbeitsdichte. Daraus entsteht große Konkurrenz um Jobs“. Manch’ einer nimmt auf der Arbeitssuche Teilzeitstellen an sowie unterqualifizierte Arbeit. Und mit dieser Flexibilität kommt nicht jeder klar.

Oft fühlen sich die Betroffenen mit ihren Problemen allein gelassen und versuchen, den Kummer herunterzuschlucken. Erst wenn der Körper sich wehrt und Symptome ausbildet, wagen manche den Gang zu Betriebs- oder Personalrat. Größere Firmen setzen Konfliktschlichter ein, die der Schweigepflicht unterstehen. Und die haben meistens einen guten Einblick in das Betriebsgeschehen.

Privat nach Hilfe zu suchen, ist nicht sinnvoll: „Es gibt nur wenige externe Konflikberatungsstellen“, sagt Janczak. Dafür private Anbieter wie die Creative Communication Consult (CCC). Geschäftsführer Werner Schienle spricht von „Brandschutzmaßnahmen“, wenn es um die Bewältigung von Konflikten geht, die noch nicht verkrustet sind. In akuten oder chronischen Fällen versuchen dann Mediatoren – oder Vermittler – mit „Feuerwehr-Einsätzen“ zu helfen. Das größte Problem der Betroffenen: Bei Eskalationen wird meist der andere beschuldigt, das eigene Verhalten selten hinterfragt.

Selbstkritische Wahrnehmung verlangt auch die „Fähigkeitenwerkstatt“ der Beratungsfirma Art&Business. Hier setzt man auf Musik und Malerei. Mit Hilfe der schönen Künste will man vor allem Vorurteile abbauen. Fehleinschätzungen über die Leistungsfähigkeit des Kollegen zum Beispiel. Aber auch soziokulturelle Vorbehalte sollen geschliffen werden: „Der Blaumann soll dem Anzugträger nicht misstrauen und umgekehrt“, sagt Mariott Stollsteiner. Sie hat das Konzept ausgearbeitet und leitet die Seminare der Einrichtung. Oft reiche schon ein bisschen mehr Respekt – „man darf nicht immer in den Kategorien richtig-falsch oder gut-schlecht denken“, sagt sie.

Konflikte entstehen oft unter Kollegen. Aber „überwiegend wird über Kommunikationsprobleme zwischen Arbeitgeber und -nehmer geklagt“, sagt Sozialpädagogin Janczak. Auch Auseinandersetzungen mit Kunden spielen eine Rolle. Dabei haben viele Konflikte eins gemeinsam: „Es dreht sich oft um Werte“. Streitende hätten unterschiedliche Arbeitsprinzipien oder hielten ihre kulturellen Werte für unvereinbar.

Während viele Kurse speziell für Führungskräfte ausgerichtete sind, schicken manche Arbeitgeber auch ihre Belegschaft zu Seminaren. Zum Beispiel, wenn Mitarbeiter Konflikte ansprechen oder Beschwerden von Kunden vorliegen. In Rollenspielen lernen die Teilnehmer, Ursachen von Konflikten zu durchschauen und ihre eigenen Reaktionen zu überprüfen. Geleitet werden die Seminare von Psychologen oder studierten Mediatoren. Einen solchen Studiengang bietet zum Beispiel die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) an.

Doch seit gut zwei Jahren sind die Arbeitgeber laut Schienle weniger spendabel. Wer eine private Lektion in Sachen Konfliktmanagement auf eigene Kosten finanzieren will, muss tief in die Tasche greifen: 1100 bis 2200 Euro kosten zweitägige Seminare. Neben privaten Anbietern sollte man sich deshalb auch über das Programm der Volkshochschulen (VHS) oder Industrie- und Handelskammern (IHK) informieren – die bieten ihre Kurse billiger an. Der Haken: Oft kommen laut Stiftung Finanztest nicht genug Teilnehmer zusammen und das Training wird kurzfristig abgesagt.

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