• Wenn der Körper fremd geht Vom Hermann Hesse bis Georg Hackl: Rheuma ist eine Volkskrankheit. Welche Therapien helfen? Und sind kalte Sitzflächen gefährlich?

Zeitung Heute : Wenn der Körper fremd geht Vom Hermann Hesse bis Georg Hackl: Rheuma ist eine Volkskrankheit. Welche Therapien helfen? Und sind kalte Sitzflächen gefährlich?

Ulf Lippitz

Wer über Rheuma redet, begibt sich auf ein weites Feld. In der Medizin werden unter dem Stichwort eine Fülle von Erkrankungen zusammengefasst, bei denen das „klassische Rheuma“ – das Entzündungsrheuma im Gelenkbereich – nur eine Form darstellt. Über neun Millionen Deutsche sind nach Schätzungen der Deutschen Rheuma-Liga betroffen.

Es ist eine Volkskrankheit, unter der schon Hermann Hesse litt. In einem Vierzeiler schrieb er: „An Tagen, wo ich meine Finger biegen kann/ Vergehen mit Verseschreiben mir die Stunden / Und wenn ich einen guten Vers gefunden/ Geht mich die Welt, die Gicht, der Schmerz nichts an.“ Der amerikanische Sänger Bobby Darin erkrankte mit acht Jahren an Kinderrheuma und trug einen Herzfehler davon, an dem er 1973 im Alter von 37 Jahren verstarb. Sein Leben verfilmt der Schauspieler Kevin Spacey gerade in Babelsberg unter dem Titel „Beyond The Sea“.

Schubweiser Schmerz

So ein tragisches Ende bleibt zum Glück die Ausnahme. „Und nicht jedes Rheuma endet im Rollstuhl“, sagt Barbara Beuth, Stellvertretende Geschäftsführerin der Rheuma-Liga in Berlin, und widerspricht damit einer weit verbreiteten Angst. Die ehrenamtliche Organisation kümmert sich seit 1975 bundesweit um Betroffene. „Die Veränderung ist je nach Lebenssituation ein mehr oder weniger gravierender Einschnitt“, meint Beuth. Wahr ist, dass rheumatische Beschwerden oft unerträglich sind. Der Schmerz ist fließend und reißend – daher leitet sich auch der Name aus dem Griechischen ab, der das Reißende bedeutet – aber er tritt oft schubweise auf und klingt dann ab. Berühmte Kranke wie Casanova oder Goethe waren trotz eingeschränkter Gesundheit bis ins hohe Alter aktiv.

Vor rheumatischen Erkrankungen schützen kann sich niemand. Gesunde Ernährung und Sport beeinflussen eine allgemein gute Kondition, wirken aber nicht prophylaktisch. Den großmütterlichen Vorsorgeratschlag, sich nicht auf eine kalte Bank zu setzen, hält Barbara Beuth für einen „Volksglauben“. In der Wissenschaft konnte jedenfalls noch kein Zusammenhang zwischen Temperatur und Ausbruch festgestellt werden. Risikofaktoren sind unbekannt.

In Fällen wie der Arthritis weiß man immerhin: Das Immunsystem läuft plötzlich Amok, der Körper erkennt seine eigenen Strukturen als fremd und versucht, diese zu bekämpfen. Im Zuge dieser Autoimmunkrankheit werden die Gelenke im Wortsinn angegriffen. Auch einseitige Beanspruchung von Gelenken und der daraus resultierende Verschleiß führen zu rheumatischen Erkrankungen wie der Arthrose (siehe Kasten).

„Wir müssen ein Verständnis für das Prinzip des Immunsystems erarbeiten“, sagt Rudolf Manz, Chemiker am Deutschen Rheumaforschungszentrum Berlin, dem größten seiner Art in Deutschland. Er untersucht die Antikörperproduktion, die im Normalfall körperfremde Bakterien kontrolliert. An einem Systemausfall wie der Arthritis wirken über 100 Gene mit. „Wir müssen verstehen, welche Schlüsselmechanismen hier greifen“, sagt Manz. Erst dann kann der Kampf gegen Rheumatismus mit mehr Erfolg geführt werden.

Mediziner, Biologen, Chemiker und Sozialwissenschaftler nähern sich am Institut auch von einer anderen Seite der Forschung: der Arbeit an den Symptomen. Es gibt bereits Versuche, Stammzellen für die Regeneration von zerstörtem Gewebe zu nutzen. Das ist bisher aber nur in Science-Fiction-Filmen Normalität geworden.

Bis der künstliche Gewebeaufbau Wirklichkeit ist, müssen sich Patienten mit dem ganz und gar nicht kleinen Zipperlein arrangieren. „Die Angst vor jeder Bewegung ist das Schlimmste“, sagt Barbara Beuth. Dabei ist gerade Bewegung so wichtig. Die ständige Mobilisierung in Gymnastikkursen gehört zu den besten Therapiemaßnahmen (siehe Kasten).

Die Liga gibt in ihren Broschüren zahlreiche Tipps für den Alltag. Einfache Tätigkeiten wie das Umdrehen eines Schlüssels können für Rheuma-Leidende schließlich zu qualvollen Aufgaben werden. Wer an Fingerkraft einbüßt, spickt beispielsweise sein Frühstücksbrett am Rand mit Nägeln, so dass das Brot beim Schmieren nicht wegrutschen kann. Das Ziel solch nützlicher Tipps: „nicht pflege-abhängig zu werden“, sagt Beuth. In Kreativkursen wie Malen wird Patienten das nötige Selbstvertrauen gegeben.

Auch junge Menschen betroffen

Rheuma gilt als anlagebedingt. In Familien, in denen es in der Vergangenheit zu Erkrankungen kam, tritt es gehäuft auf. Warum es ausbricht, liegt für die Wissenschaft weitgehend im Dunkeln. Die Unvorhersehbarkeit ist neben der Erkenntnis, dass die Beschwerden nicht mehr verschwinden, das Furchteinflössende an Rheuma. Risikogruppen gibt es faktisch nicht. Frauen bekommen öfter rheumatische Arthritis als Männer, im Gegenzug haben Männer über 40 ein erhöhtes Risiko, an Gicht zu erkranken. Auch junge Menschen sind nicht vor der Krankheit gefeit. Etwa 1000 Kinder und Jugendliche erkranken jedes Jahr an Kinderrheuma. Symptome wie die morgendliche Gelenksteifheit sind dieselben wie bei Erwachsenen. Junge Menschen haben bei rechtzeitiger Diagnose allerdings einen Vorteil: Die Beschwerden können mit der Pubertät verschwinden.

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