Zeitung Heute : Wenn der Opa mit der Oma online geht

MARIE-LUISE GOERKE

"Schmetterling. Bei meinem letzten Chat habe ich mich Schmetterling genannt", sagt die Frau am PC. "Ich bin täglich dabei, mache Online-Banking, schreibe Faxe oder E-Mails. Es macht mir viel Spaß!" Nicht nur ihr, der 64jährigen Dame. Auch dem fast 70 Jahre alten Architekten, der sich gerade mit einem 3D-Modelling-Programm am Computer beschäftigt. "Das ist eine ganz interessante Sache. Hier kann man jetzt das Raster in der gesamten dreidimensionalen Perspektive darstellen."Die beiden Rentner sitzen im Club "Senioren ans Netz, Computer-Treff und Computer-Schule" in der Ansbacher Straße. "Senioren ans Netz" ist eine Aktion, die die Deutsche Telekom im Rahmen der Bundespräsidenten-Initiative "Fit fürs Informationszeitalter" veranstaltet. Beteiligen können sich Rentner, die mindestens 60 Jahre alt sind und Vorruheständler ab 55 Jahre. "Computer-Treff und Computer-Schule" ist die zentrale Einrichtung der Senioren-Aktion für Berlin. Allein in der Hauptstadt gibt es noch elf weitere sogenannte "Satellitentreffs". Hier werden internetfähige Rechner, Bildtelefone, Bildkommunikations-PC und fachkundige Beratung geboten. Lernwillige können sich in Einführungs-, Aufbau- und Internet-Kursen belehren lassen. All das bislang kostenlos. Die großzügige Ausstattung zahlt sich aus. Nicht wenige der Senioren haben sich einen eigenen Computer zugelegt und surfen nun auch zu Hause durchs Netz.Im Juli soll das Projekt "Senioren ans Netz" auslaufen, die Chancen auf eine Verlängerung stehen jedoch gut, da die Resonanz so groß ist. Bei den Einführungskursen gibt es sogar Wartelisten.Warum beginnt jemand im Alter noch einen Computerkurs? Der Architekt klärt auf: "Man muß den Klicker haben. Die hierher kommen, die haben den Klicker. Die anderen bleiben weg." Es scheint ziemlich viele ältere Menschen mit dem "Klicker" zu geben. Neben der "Senioren ans Netz"-Initiative bietet auch die Volkshochschule Zehlendorf spezielle Internet-Kurse für Senioren an. Wie diese sind auch die Computer-Kurse im Seniorenclub Herthastraße des Bezirksamtes Wilmersdorf gut besucht. "Die Senioren von heute wollen nicht mehr berieselt werden", sagt Clubleiter Scharf, "sie wollen selber aktiv sein und mitreden können".Ein Großteil der Älteren hört zwar nach dem Schnupperkurs auch wieder auf, aber einige hat es richtig erwischt. "Neulich erzählte mir ganz stolz eine Dame, daß sie zweimal gegen ihre Enkel beim Computerspiel gewonnen hat", sagt Victor Dembicz, einer der vier Kursleiter im Seniorenclub Herthastraße. Die Computerkurse laufen auch hier erst seit Oktober letzten Jahres, Einführungskurse kosten 10 DM, weiterführende Schulungen 20 DM pro Quartal. Die Ausstattung ist natürlich nicht mit der Einrichtung "Computer-Treff und Computer-Schule" zu vergleichen. Hier gibt es keinen privaten Sponsor. Auf vom Bezirksamt ausrangierten 386ern lernen die Senioren Windows 3.11. Die alten Geräte seien dabei aber nicht das Problem, so wird versichert, eher die veraltete Software. Auch Excel würde man gerne anbieten, künftig vielleicht auch Interneteinführungen. Für Software-Spenden sind die Betreiber des Seniorenclubs stets dankbar.Die Angst vor der Anonymität des Computernetzes räumt Doris Poll, Leiterin der Einrichtung "Computer-Treff und Computer-Schule" mit einem Beispiel aus: "Ein Herr bei uns hat sich Deutsche im Ausland ausgesucht, um mit ihnen im Internet zu chatten oder E-Mails auszutauschen. Er hat Kontakt zu Studenten aus den USA und Kanada, die Deutsch lernen wollen." Sie findet, daß das Internet "ein ganz lebendiges Medium ist und keines, das zur Vereinsamung beiträgt. Das Internet-Surfen und die Möglichkeit, E-mails zu verschicken, fasziniert vor allem Frauen. Bei den Computerkursen sind sie in der Mehrheit. Das mag demographische Gründe haben, auf jeden Fall liegt es aber auch am kommunikativen Aspekt. "E-mails sind billig, schnell und ganz einfach zu versenden", sagt die ältere Dame, deren Tochter in Costa Rica lebt. "Seitdem ich E-mail habe, ist mir Costa Rica einfach ein Stück näher gekommen."Ganz unvirtuell wollen sich nun auch viele Teilnehmer des Projekts "Senioren ans Netz" näherkommen. Ein erstes Treffen steht bevor, bei dem sich die Senioren aus ganz Deutschland leibhaftig in Berlin kennenlernen können. Eigentlich unterscheiden sich die Senioren nicht von anderen Interessensgruppen im Netz. Stammtische und bundesweite Treffen im wirklichen Leben ergänzen häufig virtuelle Chat-Runden im Internet.Die Nachteile der älteren gegenüber den jüngeren Surfern lassen sich leicht überwinden. Zum einen bevorzugen Senioren meist größere Schrifttypen, weil die besser zu lesen sind. Auch der diffizile Umgang mit der Maus ist erlernbar - das Rollen und Schieben auf dem Mouse-Pad, das einfache und das doppelte "Klicken" auf das kleine graue Plastikding erfordert einiges an Fingerfertigkeit. Die Maus domestizieren die Senioren spielend. In der Einrichtung "Computer-Treff und Computer-Schule" werden Computerspiele den Senioren besonders ans Herz gelegt. Doch darum braucht man sie nicht lange zu bitten. Sie spielen gerne. Solitaire ist der Renner bei den Senioren."Mein Brief ist fertig und jetzt spiele ich mit dem Computer nochmal Karten", sagt eine Seniorin im Computer-Treff in der Ansbacher Straße. Sie hat fünf Wochen Computerpause hinter sich; ohne regelmäßige Übung werden die Finger schnell steif und man muß sich an den Umgang mit der Maus erst wieder gewöhnen. Da kommt ihr das Kartenspiel am Computer gerade recht - und außerdem wurde es ihr ja hier auch von den Lehrern empfohlen. "Man hat uns gesagt, daß wir zum Abschluß immer nochmal etwas spielen sollen. Zur Entspannung."Seniorenclub Herthastraße 25a, 14193 Berlin, Tel.: 891 72 95 "Senioren ans Netz, Computer-Treff und Computer-Schule", Ansbacher Straße 5, 10787 Berlin, Tel.: 214 755 54

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