Zeitung Heute : Wenn der Postmann kein Mal klingelt

Der Tagesspiegel

Stephan Wiehler

Den Weg zum Briefkasten können sich viele Berliner mit Innenstadt-Wohnsitz am heutigen Dienstag sparen. Es mag vielleicht Post für sie geben, aber ausgetragen wird sie nicht – wegen einer Betriebsversammlung der Postboten.

Der Betriebsrat der Post-Niederlassung Berlin-Zentrum hat die Zusteller zu einer Betriebsversammlung in die Urania eingeladen, um sie über den Streit um ihre Arbeitszeitregelung zu informieren. Stattfinden soll die Versammlung ausgerechnet in der Hauptzustellzeit von 8 bis 13 Uhr. Zur Teilnahme an der Betriebsversammlung sind rund 1 000 Beschäftigte aufgerufen, die für die Zustellung in den Postleitzahl-Bereichen mit den Anfangsziffern 10… zuständig sind. Betroffen sind davon die Bezirke Charlottenburg-Wilmersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg sowie Teile von Mitte und Schöneberg.

Wieviele Mitarbeiter der Einladung des Betriebsrats folgen werden, war am Montag noch nicht abzusehen. Sylvia Blesing, Sprecherin der Post, wagte am Montag keine Prognose. „Nach unseren Erfahrungen werden viele Mitarbeiter ihren Dienst wie gewöhnlich machen. Es werden aber sicher auch etliche an der Versammlung teilnehmen.“ Die Betriebsversammlung betreffe ausschließlich den Zustelldienst, sagte Blesing. Der Betrieb in Postfilialen und in den Briefzentren sei nicht betroffen.

Die Post konnte nicht verhindern, dass die Betriebsversammlung ausgerechnet in der Hauptzustellzeit stattfindet; denn nach dem Betriebsverfassungsgesetz kann der Betriebsrat den Termin frei bestimmen. Und der legte die Veranstaltungszeit so fest, dass sie auch die Postkunden zu spüren bekommen.

Denn die Gewerkschafter sind sauer. Es geht um die Arbeitszeitregelung und vor allem um den Ausgleich von Mehrarbeit, die Postzusteller leisten. „Am 1. April sollte ein neuer Vertrag zur Arbeitszeitregelung geschlossen werden“, erklärte Helmut Jurke, zuständiger Fachbereichsleiter der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Doch den Termin sieht Jurke jetzt gefährdet. Während die Gewerkschaftsseite auf eine genaue Abrechnung der Arbeitszeit drängt, strebt der Arbeitgeber eine flexiblere Lösung an. Eine Einigung ist nicht in Sicht, und deshalb wird die Briefpost wohl erst Mittwoch ihre Empfänger erreichen. Denn am Nachmittag dürfen die Postboten nicht mehr austragen. „Wir überschreiten sonst die gesetzliche Arbeitszeit“, erklärt Sylvia Blesing. Schließlich gilt die Betriebsversammlung als Dienstzeit.

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