Zeitung Heute : Wenn der Rasen zum Minenfeld wird

BALLHAUS NAUNYNSTRASSE Aufstieg und Fall von Türkiyemspor: Imran Ayata und Neco Çelik setzen sich in „Liga der Verdammten“ mit dem Mythos des Kreuzberger Fußballclubs auseinander.

PATRICK WILDERMANN

Der Claim des FC Barcelona lautet: „Mehr als ein Club“. Kann ja jeder behaupten. „Auf Türkiyemspor“, glaubt Imran Ayata, „trifft das tatsächlich zu“. Und Neco Çelik sagt: „Dieser Verein ist eine gigantische Projektionsfläche“. Dei beiden müssen es wissen.

Der Schriftsteller Ayata und der Regisseur Çelik, beide bekennende Fußball-Aficionados, sind nicht nur tief in die Historie des legendären Kreuzberger Kiezclubs eingetaucht. Sondern auch persönlich mit dessen wechselhaften Geschicken verstrickt. Çelik, gebürtiger Kreuzberger und in jungen Jahren aktiver Kicker, hat selbst zwar beim BFC Südring seine Tore gemacht. „Aber mein Sohn spielt seit der F-Jugend bei Türkiyemspor“. Und im vergangenen Jahr, als der Traditionsverein kurz vor der Insolvenz stand, ließ sich der Theatermacher sogar kurzzeitig in den Aufsichtsrat wählen.

Ayata hingegen, Kanak-Attak-Mitbegründer und Autor des Romans „Mein Name ist Revolution“, hat sich dem Club wie viele andere in den 80er Jahren verschrieben. Damals schien die Mannschaft unmittelbar vor dem Aufstieg in die Zweite Liga zu stehen. Eine Zäsur für die gesamte migrantische Community sei das gewesen, erinnert sich Ayata. „Das strahlkräftige Beispiel dafür, dass man es hier aus eigenen Kräften zu etwas bringen kann.“

Das Stück, das die beiden nun zusammen am Ballhaus Naunynstraße entwickeln, trägt den Titel „Liga der Verdammten“. Es basiert auf Interviews, die Ayata mit etlichen Ehemaligen und Aktiven aus allen Bereichen des Clubs geführt hat. Aber es versteht sich ausdrücklich nicht als Dokumentartheater über die Türkiyem-Chronik. Entstanden ist vielmehr eine literarisch verdichtete, auch fiktionalisierte Reihe von Monologen, in der prototypische Figuren wie „Das Jahrhunderttalent“ oder „Der Schiedsrichter“ auftreten. Abgebildet wird ein Mikrokosmos mit Rasen, in dem sich prägende Motive der deutschen Einwanderungsgeschichte spiegeln: Erfolge und Scheitern, Konflikte zwischen Jung und Alt, Suche nach Identität.

Neco Çelik erkennt in dem Stoff Tragödien-Qualitäten. „Auf der einen Seite stehen die sportlichen Erfolge“, sagt er. Die waren vor allem in den 80ern bedeutsam, als der türkische Fußball international noch drittklassig war und Vereine wie Galatsaray Istanbul auf der europäischen Bühne keine Rolle spielten. Auf der anderen Seite erkennt der Regisseur bei Türkiyemspor den fatalen Hang, sich in die eigene Leidensgeschichte von Aufstieg und Fall zu versenken. Und darüber wesentliche Aufbauarbeit zu versäumen. „Warum“, fragt Çelik, „hat dieser Verein seit 30 Jahren keine Geschäftsstelle, nicht mal einen eigenen Platz?“

Mythos und Realität. Auf diese Unvereinbarkeit läuft die Beschäftigung mit Türkiyemspor Berlin zwangsläufig hinaus. Und auf die Frage: Wofür steht der Verein heute? Ayata hat im Zuge der Recherche eine ehemalige Trainer-Legende gefragt, was sich seit dem Gründungsjahr 1978 verändert habe. „Wissen Sie, was sich verändert hat?“, gab der Mann zurück. „Dass heute ein Typ wie Sie an einem deutschen Theater ein Stück über uns macht.“ PATRICK WILDERMANN

Premiere am 10.5., 20 Uhr. Auch 12. - 15., 17. - 19.,

23., 24. und 28.5., jeweils 20 Uhr

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