Zeitung Heute : Wenn die Arbeit krank macht

Nach der Rentenreform ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung noch wichtiger als zuvor. Je früher man sie abschließt, desto besser

Stefan Jacobs

Wer einen Ausbildungsvertrag in der Tasche oder den ersten richtigen Job seines Lebens gefunden hat, sollte zwei Dinge tun: Glücklich sein und sich gegen Berufsunfähigkeit absichern.

Dabei wäre allein der Name Grund genug, sich frustriert abzuwenden: Berufsunfähigkeitsversicherung. Aber die „BU“ gehört – neben der Privat-Haftpflicht – zu den wenigen Versicherungen, die gerade in jungen Jahren jeder haben sollte. Für alle ab Jahrgang 1961 springt nämlich der Staat nur noch in Ausnahmefällen ein. Die frühere Erwerbsunfähigkeitsrente fiel der Rentenreform zum Opfer.

Da hilft nur private Vorsorge. „Sonst steht man vor dem Ruin, wenn man nicht mehr arbeiten kann“, sagt Rüdiger Strichau, Jurist bei der Berliner Verbraucherzentrale. Die Statistik zeigt das Ausmaß des Problems: Jeder vierte Deutsche wird vor der regulären Rente berufsunfähig, kann also seinen Job nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr ausüben.

Die BU-Versicherung soll dieses Loch stopfen. Sie kann eine 25-jährige Krankenschwester mit Kreuzbandriss vor dem finanziellen Aus bewahren. Oder einen 35-jährigen Busfahrer mit Bandscheibenvorfall. Oder einen 45-jährigen depressiven Lehrer. Alle brauchen eine BU, aber nicht jeder bekommt sie beim ersten Anlauf: Die Versicherer fragen zunächst berufliche Risiken und Krankheitsgeschichten ab. Wer körperlich schwer arbeitet, zahlt höhere Beiträge als jemand, der nur am Schreibtisch sitzt. Und wer schon wegen Rückenproblemen in Behandlung war, bekommt nicht überall einen Vertrag. Verschweigen sollte man aber nichts: Wenn es herauskommt, geht man im Ernstfall leer aus. Deshalb sollte man auch auf ein „Halb so schlimm!“ des Vertreters nicht hören, der beim Ausfüllen des Vertrages hilft. Fallschirmspringer müssten wohl auch ihr Hobby angeben, aber alltägliche Beschäftigungen wie Radfahren spielten keine Rolle, sagt Verbraucher-Jurist Strichau.

Bei korrekt ausgefülltem Vertrag entscheidet im Ernstfall nicht die Versicherung, ob sie zahlen muss, sondern ein unabhängiger Arzt. Rechtsstreitigkeiten sind deshalb nicht allzu häufig. Aber die Versicherung kann Eigeninitiative verlangen, um die Arbeitskraft wieder fit zu machen: So bekam ein 35-jähriger Fahrlehrer vom Gericht Krankengymnastik verordnet, weil die laut einem Gutachten seine Rückenprobleme dauerhaft lindern und Berufsunfähigkeit vermeiden würde.

BU-Verträge sind relativ kompliziert. Aber es lohnt sich, sie genau zu lesen und die Angebote zu vergleichen. So kann die billigere Offerte zugleich die schlechtere sein, wenn sie eine „abstrakte Verweisungsklausel“ enthält: Die kann den Versicherten zur Suche nach einer anderen Arbeit zwingen, für die er zwar theoretisch noch fit genug ist, aber praktisch niemals eine Anstellung finden wird.

Wer bei Vertragsabschluss erst Anfang 20 ist, bekommt zwar günstigere Beiträge, aber kann sich oft noch nicht allzu hoch versichern. Deshalb empfiehlt sich eine „Nachversicherungsgarantie“, die eine spätere Aufstockung der Beiträge erlaubt – denn ein Familienvater mit Eigenheim sollte besser abgesichert sein als ein Student, der noch bei Mutti wohnt. Die Stiftung Warentest hat im vergangenen Jahr 139 BU-Verträge getestet. Ein Großteil wurde für gut befunden, wirkliche Fallen waren selten. Aber die Tester raten, auf eine lange Vertragslaufzeit zu achten, damit man nicht Jahre vor der Rente ins Finanzloch fällt. Wer nicht ganz gesund ist, sollte eher einen höheren Beitrag akzeptieren als einen Haftungsausschluss für sein Gebrechen. Die oftmals angebotene Kombination von BU-Versicherung und Geldanlagen (z.B. Rentenversichung) sei wegen der insgesamt relativ hohen Beiträge nicht ideal.

Apropos Beiträge: Mit oft über tausend Euro im Jahr ist eine BU-Versicherung nicht billig. Aber die Verbraucherzentrale hat einen Spar-Tipp: Dank BU kann man sich die private Unfallversicherung sparen. Denn die Folgen eines Unfalls für die Arbeitskraft hat man ja nun im Griff.

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