Zeitung Heute : Wenn die Berge Wasser speien

Mehr als sechs Meter Eis sind in diesem Jahr vom größten Gletscher Österreichs abgeschmolzen. In einem normalen Sommer sind es vier. In 50 Jahren ist vielleicht alles weg, sagt der Forscher Heinz Slupetzky. Und er ist gespannt darauf, was bis dahin alles aus dem Eis auftauchen wird.

Paul Kreiner[Hochkönig]

Weiß ist auf der Wanderkarte die Gegend um den Gipfel des Hochkönig im Salzburger Land eingezeichnet, blau heben sich darauf – 2500, 2600 und 2900 Meter – die Höhenlinien ab. Und im Gedächtnis tauchen die Bilder von der „Erstbesteigung“ in Kinderzeiten auf – blanke, weite, sanft geneigte Eisflächen. „Drei Stunden nach Verlassen der Mittenfeldalm erreichen wir den Gletscher der Übergossenen Alm“, steht im Führer.

Wir schwitzen also das steile Ochsenkar – ein kleines, vom Gletscher rund geschliffenes Tal – hinauf und erreichen die Scharte. Dort biegen wir um die Ecke und starren auf eine Mondlandschaft. Düster grau der kahle Kalkstein, schotterübersät die zahllosen Hügel und Senken, ein paar dunkelblaue Lachen; vom Gletscher haben sich, weit über die Karstwüste verstreut, nur ein paar kümmerliche Eisfelder erhalten. Und wo man früher vergnüglich über die leicht ansteigende schneebedeckte Eisfläche zum Gipfel wanderte, geht es heute mühevoll auf und ab – Kar um Kar, Rinne um Rinne, Buckel um Buckel.

Ungeahnte Wucht

Ist das die Zukunft der Gletscher? Durchaus, sagt Heinz Slupetzky, einer der führenden Gletscherforscher Österreichs, der zu einem Vortrag auf die Mittenfeldalm gestiegen ist. „Allein in den letzten 14 Tagen ist das Sonnblickkees bei der Rudolfshütte mitten in den Hochalpen um 60 Zentimeter dünner geworden“, sagt er. Der Rekord lag bisher bei einem Eisverlust von 3,2 Millionen Kubikmetern pro Jahr, jetzt gingen allein in diesen zwei Wochen schon eine Million Kubikmeter verloren. Slupetzky, Jahrgang 1940, lebt heute in Salzburg, aber aufgewachsen ist er an einem Gletscher. Seine Eltern hatten die bekannte Rudolfshütte in den Hohen Tauern gepachtet. Seit Jahrzehnten misst Slupetzky akribisch nach, wie weit das Eis sich zurückzieht, und gerade jetzt, sagt er, sei es besonders schlimm: „Man kann sich vorstellen, dass in 50 bis 80 Jahren auch große Gletscher in Österreich verschwunden sind.“

Aus den Gletschertoren brechen die Bäche derzeit mit einer Wucht hervor, wie man es bisher nur aus dem Katastrophenjahr 1947 kennt. „Doppelt so viel Wasser wie in einem normalen August“, sagt Slupetzky. Unterhalb der Pasterze etwa, der größten Gletscherzunge Österreichs, die mit neun Kilometern Länge vom Großglockner herableckt, läuft der Margaritzenstausee über, und die Tauernkraftwerke Kaprun, die mit Wasser aus diesem Reservoir beliefert werden, können die Menge dieses Jahres gar nicht bewältigen. Während auf der anderen Seite der Alpen, in der italienischen Po-Ebene, die Kraftwerke wegen Wassermangels ihre Arbeit einstellen müssen. Allein aus dem Obersulzbachkees am Großvenediger fließt derzeit in einer Stunde so viel Wasser ab, wie eine Stadt mit 300000 Einwohnern täglich verbraucht. Die Pasterze könnte laut Slupetzky dieses Jahr um acht bis zehn Meter dünner werden – mehr als sechs sind bereits abgeschmolzen. „Als ich neulich die Pasterze sah, war ich richtig schockiert“, sagt Slupetzky. Normalerweise büßt der Gletscher in einem Sommer nur knapp vier Meter Eis ein.

Doch die Hitze dieses Sommers ist für Slupetzky nur ein Faktor in einem extremen Jahr. Es begann am 16. November 2002 mit einem massiven Föhnsturm, der rotbraunen Sand in der Sahara aufwirbelte und übers Mittelmeer bis auf die Alpengletscher blies. In Süddeutschland und Österreich kommt das öfter vor, aber für die Gletscher war es fatal: Der Sand färbte den in diesem Winter ohnehin knappen Schnee dunkler, so dass er aus der überwarmen Maisonne viel mehr Wärme als üblich aufsog. Klimaforscher sagen, die überall zu beobachtende Temperaturerhöhung falle in den Alpen stärker aus als im Flachland, weil dort eben Reflexionsflächen wegtauen. Ohnehin haben sich mit dem Abschmelzen der Gletscher über die Jahre hinweg Staub und Schmutz auf der Oberfläche angereichert. Dann ist im Juni auch noch die Schafskälte ausgeblieben, und schließlich, während der Hundstage, zog sich die Nullgradgrenze in den Alpen fast bis auf Montblanc-Höhen zurück – weit über 4000 Meter, erzählt Hein Slupetzky.

Das Wasser, das jetzt ungenutzt abfließt, ist allerdings außer für die für die Kraftwerke, für die es einen großen Einkommensverlust bedeutet, aber kein Problem. Hochwasser sind nicht zu erwarten. Österreichs Stauseen werden nie bis zur Oberkante gefüllt – so ist man immer für plötzliche Unwetter gerüstet, und im Unterlauf sehen die Bäche heute halt wieder so lebendig aus, wie sie vor dem Bau der Staumauern.

Slupetzky kommt hin, wo Bergsteiger nicht mehr hinkommen, und er hat auch ein Auge für Schönheit der aktuellen Entwicklung. „Man sieht jetzt alle möglichen Verfaltungen und Eisstrukturen, die man sonst nicht sehen könnte. Die Natur öffnet sich wie ein Bilderbuch.“ Eishöhlen tun sich auf, die erfüllt sind von einem mystischen, ja geradezu überirdischen Blau, beinahe wie in der gotischen Kathedrale im französischen Chartres. Und dazu tost das Wasser mit ohrenbetäubender Kraft.

Die österreichische Bergwacht findet das weniger lustig. Immer mehr und immer größere Spalten und Risse entstehen, sagt Gerhard Pfluger von der Salzburger Bergrettung. Auch der Bergschrund, der Abstand zwischen Fels und Eisrand, wird für Alpinisten bisweilen unüberwindlich groß. Oft brächen sogar ganze Gletscherzungen in sich zusammen, sagt Pfluger. Tonnen von Geröll und Felsblöcke könnten dadurch in Bewegung geraten. Unter solchen Massen sind vor zwei Jahren am Großvenediger drei deutsche Bergsteiger begraben worden.

Aber auch, wo es nicht direkt zu sehen ist, wird das Eis eines Tages fehlen. „In diesen Höhen gab es bisher ja Dauerfrostboden. Wie Kitt hat das gefrorene Wasser das Geröll zusammengehalten“, sagt Slupetzky. Wenn das Eis schwindet, wächst also auch die Steinschlaggefahr. Doch Katastrophenstimmung verbreitet Gletscherforscher Slupetzky bei seinem Vortrag auf der Mittenfeldalm dennoch nicht. Klimaschwankungen seien auf lange Sicht normal, sagt er. Bis zum Anfang der 1960er Jahre sind die Gletscher geschwunden, aber von dann bis 1980 sind sie wieder gewachsen. Slupetzky hat sogar Baumstämme fotografiert, die mit dem Schmelzwasser aus der Pasterze herausgespült worden sind – Lärchen und Zirben. „Wo heute 150 oder mehr Meter Eis drüberliegen, stand also vor 7000 bis 8000 Jahren ein ganzer Zirbenwald mit etlichen hundert Jahre alten Bäumen!“, sagt er. Und die Menschen hätten sogar noch eine Erinnerung an diese Warmzeiten bewahrt. Denn im regionalen Dialekt heiße ,Basterzn’ Alm – also eigentlich das Gegenteil von Gletscher.

Es gibt eine Sage, die sowohl von der Pasterze als auch von der Übergossenen Alm erzählt wird. Die geht so: Fett waren die Wiesen dort, Milch gaben die Kühe im Überfluss, so lange und so reichlich, dass die Senner übermütig wurden. Irgendwann wussten sie nicht mehr, wohin mit ihrem Reichtum und pflasterten die Wege mit Käselaiben und fugten mit goldgelber Butter aus. Und sie gaben sich hemmungslos einem „Lustleben“ hin, und als eines Tages ein Bettler vor ihrer Tür stand, jagten sie ihn zum Teufel. Die Strafe der Himmlischen folgte auf dem Fuß – alles erstarrte unter Eis.

Es gibt auf den Berghütten auch heute immer noch Leute, die erzählen diese Geschichte wie eine Parabel – so, als passiere sie gerade wieder, als Folge des Wohlstands und der Umweltverschmutzung. Und sie holen sich sogar Rückendeckung bei den Wissenschaftlern: Sagen die nicht auch, dass die Klimaerwärmung zum großen Teil hausgemacht ist?

Tote tauen auf

Das schmelzende Eis und die klaffenden Spalten geben aber nicht nur Baumstämme frei. Derzeit kommen in den österreichischen Hochalpen immer wieder Leichen zum Vorschein. Nicht 5300 Jahre alte wie der Ötzi, aus dem 20. Jahrhundert stammen jene, die man derzeit birgt.

Eine Bergsteigerin, von der man sagt, dass sie möglicherweise ermordet wurde, taute in der Nähe von Kaprun aus dem Gletscher. Einheimische warten darauf, dass nun auch die Leichen von drei Wehrmachtsoffizieren auftauchen werden, die bei einem Aufklärungsflug 1939 abgestürzt sind – wie viele Flüchtlinge oder Heimkehrer nach 1945 im „ewigen Eis“ geblieben sind, traut sich niemand abzuschätzen.

Einer Osttirolerin hat wegen dem Wetter ihren Frieden mit dem Leben gemacht: Der Verlobte der Aloisia Persterer aus Lienz war 1949 bei einer angeblichen Tour auf den Großvenediger verschwunden. Ihr blieb eine uneheliche Tochter, und das in einem katholischen Dorf. Jetzt aber hat man den Mann gefunden – fast auf den Tag genau vor 54 Jahren. Er war am Großvenediger in eine Spalte gestürzt. Die Verlobungsringe hatte er noch bei sich.

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