Zeitung Heute : Wenn die Billigflieger landen

Die Designboutiquen der Hauptstadt leben vor allem von Touristen auf Shoppingtour. Besonders Japaner, Italiener und Skandinavier schätzen den speziellen Berliner Look

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Von Christine Berger Touristen sind bei „Berliner Klamotten“ willkommen. Aber nicht alle. „Bei manchen Gruppen drehen wir extra laut die Musik auf, damit die gar nicht erst reinkommen“, erzählt Lennart Jondral, einer der Geschäftsführer des Modenetzwerks, das im eigenen Laden bis zu 140 Berliner Designer vertritt. Sogar ein Set mit „schlechter Musik“ liegt bereit, um besonders hartnäckige Gäste zu vertreiben. Seit das Label im März sein neues Domizil in den Hackeschen Höfen in Mitte bezogen hat, können sich die Modeverkäufer kaum retten vor Publikum.

Doch längst nicht alle, die kommen, kaufen etwas. „Die gehen hier durch wie durch eine Galerie und gucken einfach nur“, sagt der 38-Jährige. Der 300 Quadratmeter große Raum ist minimalistisch eingerichtet. Am Eingang blühen in einer Schale Hyazinthen. Die Garderobenstangen sind mit roten Seilen an der Decke befestigt. Hier hängen Jacken, Kleider, Taschen und Hosen von Labels wie kaa, animo, Berlinkind, Zimmermädchen oder killerbeast – junges Design aus Berlin, hip und weltweit gefragt.

Touristen sind eine wichtige Klientel. „Am Wochenende kommen viele zum Einkaufen extra nach Berlin.“ Dann kleiden sich Kunden aus Hamburg, Rom oder Tokyo mitunter auf die Schnelle für 800 Euro neu ein. Das reicht, damit er, seine zwei Partner und ein paar Angestellte einigermaßen über die Runden kommen.

In der Kastanienallee, rund drei Kilometer nördlich der Hackeschen Höfe, sind die ernsthaften Einkäufer auch unter der Woche in der Überzahl. Hier verirren sich nur selten Seniorenbusgruppen oder Kegelvereine hin.

Wer über das holprige Pflaster auf und ab schlendert, kauft ein. Modedesigner präsentieren sich hier im Dutzend mit eigenen Läden. Geschäfte mit originellen Uhren, Radios oder Taschen gibt es zuhauf.

Manchmal werden die Touristen gleich scharenweise in die Straße gespült. „Dann sind wieder Easyjet-Flieger gelandet“, weiß Stefan Dietzelt von „Eisdieler“, einer Boutique, in der neben dem hauseigenen Label pres-que-fini noch ein halbes Dutzend anderer Berliner und internationaler Designer präsent sind. Besonders Skandinavier würden mit Billigfliegern in die Stadt kommen.

Zwei junge Frauen schauen sich Schuhe und Kleider an. „Wir sind hier wie im Himmel“, sagt Jennifer, ihre Freundin Agnes nickt. Jede trägt zwei pralle Tüten mit sich. Eine neue Jacke, Schuhe und Souvenirs etwa in Form eines magnetischen Notizbuches für den Kühlschrank befinden sich darin. Die 17-Jährigen aus dem schwedischen Malmö sind wegen eines Klassenausflugs in Berlin und sollen eigentlich Deutsch lernen, aber das Shoppen macht ihnen mehr Spaß. Dank eines kostenlosen Design-Guides, der überall in der Stadt zweisprachig ausliegt, haben sie die angesagten Shoppingzonen der Stadt ausfindig gemacht.

Bei „Luxus International“ in der Kastanienallee, wo die zwei Skandinavierinnen sich mit originellen Geschenken für die Lieben daheim eingedeckt haben, ist jeder Eintrag in einen Reiseführer Geld wert. „Die Leute kommen gezielt her, um einzukaufen“, so Geschäftsführer Sebastian Mücke. Er vertreibt in seinem kleinen Laden Produkte von 105 Berliner Designern. Vom Button bis zur Stofftasche aus Omas alten Kleidern ist alles dabei. Gerade hat ihm ein junger Mann sein neues Berliner U-Bahn-Quartett vorgestellt. Mücke berät ihn, welche Margen Händler normalerweise nehmen und nimmt das Quartett in sein Sortiment auf.

„Natürlich kaufen auch Berliner ein, vor allem die hier um die Ecke wohnen“, erzählt er, als der junge Selfmademan wieder abgezogen ist. Aber das Hauptgeschäft mache er doch mit Besuchern. „Wir haben hier deshalb auch kein Sommerloch, sondern ein -hoch“. Juli und August seien neben dem Weihnachtsgeschäft die umsatzstärksten Monate. Kein Wunder, dass der Geschäftsmann gerade sechs Wochen in Asien unterwegs war: Februar und März sind für den Berliner Design-Einzelhandel eine miese Zeit.

Weil das Geschäft mit Design so sehr von den Besuchern der Stadt abhängt, haben auch die Inhaber des Modegeschäfts „Konk“ ihre Konsequenzen gezogen. Sie verlassen die Gegend am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg und beziehen neue Räume in Mitte. „Der Weg ist für die Leute, die sich für uns interessieren, einfach zu weit“, sagt Geschäftsführerin Sonja Lotz. Bereits im vergangenen Jahr hatten sie zeitweise einen Laden in der Tucholskystraße und in der Rosa-Luxemburg-Straße in Mitte. „Das lief wesentlich besser.“ Auch Berliner Stammkunden gebe es, doch besonders Japaner wüssten ihre Mode sehr zu schätzen und würden den Laden gezielt aufsuchen. „Die sind meistens in Mitte unterwegs“, so Lotz.

Für Lennart Jondral vom Label „Berliner Klamotten“ bleibt die Lage in den Hackeschen Höfen eine Gratwanderung. Er kann schon an der Art der Rucksäcke erkennen, ob er die schlechte Musik rausholen muss. Wie ein Meteorologe steht der Kommunikationswirt vor der Ladentür und schaut auf die Touristen, die durch die Höfe bummeln. Zwei Mädchen entfernen sich von ihrer Schulklasse und treten ein. „Die haben jetzt genau drei Minuten Zeit, dann müssen sie ihrer Gruppe hinterher“, sagt Jondral. Und tatsächlich sind die Teenager schnell wieder weg. „Das waren sogar nur zwei Minuten“, sagt er und grinst.

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