Zeitung Heute : Wenn die Chemie nicht stimmt

Maren Peters

Am heutigen Mittwoch läuft für Bayer die Frist zur Übernahme von Schering aus. Mit Aktienaufkäufen versucht der Konkurrent Merck, die Pläne zu durchkreuzen. Was könnten die Motive von Merck sein?


Bis heute Nacht, 24 Uhr, muss der Leverkusener Bayer-Konzern es schaffen, sich 75 Prozent der Aktien des Berliner Pharmaunternehmens Schering zu sichern. Wenn nicht, ist die Übernahme gescheitert. Doch kurz vor Fristablauf wird es immer unwahrscheinlicher, dass der Plan aufgeht, wie der Analyst Ludger Mues vom Bankhaus Oppenheim in einer Stellungnahme schreibt. Es sei denn, Störenfried Merck, der die Übernahme zu torpedieren sucht, lenkt noch in letzter Minute ein.

Über die Motive des Darmstädter Konkurrenten, der mit massiven Aktienkäufen die Übernahme von Schering blockiert, können die Experten nur rätseln. Merck selbst verweigert vor Ablauf der Frist jeden Kommentar. Bis Montagabend hielten die Darmstädter 20,71 Prozent der Schering-Anteile, wie aus einer Mitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC hervorgeht. Damit fehlen nur noch vier Prozent, um die Übernahme mit einer Sperrminorität von 25 Prozent zu verhindern. Die große Frage ist nur: warum?

Eine mögliche Erklärung ist, dass Merck Bayer einfach nur ärgern will. Aus verletzter Eitelkeit, wie in Branchenkreisen vermutet wird, schließlich wollte Merck Schering eigentlich selbst übernehmen. Das Vorhaben scheiterte, weil Schering mit Merck nicht zusammenarbeiten wollte und stattdessen Bayer als „weißen Ritter“ zu Hilfe rief. Als Bayer mit 86 Euro je Aktie ein wesentlich höheres Angebot vorlegte als der Merck-Konzern, zog dieser sein Angebot einen Tag später zurück – und könnte sich jetzt dafür rächen.

Marktbeobachter vermuten, dass Merck dabei auf ein höheres Angebot von Bayer spekuliert. Nach unbestätigten Informationen des „Handelsblatts“ fordert Merck 90 Euro je Aktie als Voraussetzung, um seine Schering-Anteile doch noch vor Ende der Angebotsfrist heute Abend zu verkaufen. Nur wenn Bayer kräftig nachlegt, könnte Merck sich kompromissbereit zeigen und den Weg frei machen für die Übernahme. In Finanzkreisen wird nicht ausgeschlossen, dass es bereits Geheimverhandlungen zwischen Bayer und Merck gibt. Die Unternehmen lehnen jeden Kommentar ab.

Merck könnte sich dabei am Vorbild Henkel orientieren. Der Düsseldorfer Konsumgüterkonzern war vor drei Jahren bei der geplanten Übernahme des Haarkosmetikkonzerns Wella vom US- Konkurrenten Procter & Gamble übertrumpft worden, hatte daraufhin massiv Wella-Anteile gekauft und sich den Verkauf an P & G wenige Stunden vor Ablauf der Übernahmefrist teuer bezahlen lassen. Das könnte Bayer jetzt auch blühen.

Statt Geld könnte Merck – auch das wird nicht ausgeschlossen – von Bayer die Abtretung von Unternehmensteilen, Patentrechten oder Vertriebskooperationen als Gegenleistung fordern. Das würde für den Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern zumindest strategisch Sinn machen. Egal, was herauskommt, Bayer würde am Ende auf jeden Fall viele hundert Millionen Euro draufzahlen.

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