Zeitung Heute : Wenn die Kraft nicht reicht

Einen Demenzkranken zu versorgen, ist eine große Belastung. Pflegende stoßen oft an ihre Grenzen.

Samuel Acker (dpa)
Liebe und Sorge. Spüren die Pflegenden, dass sie überfordert sind, sollten sie selbst Hilfe in Anspruch nehmen. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Liebe und Sorge. Spüren die Pflegenden, dass sie überfordert sind, sollten sie selbst Hilfe in Anspruch nehmen. Foto: Kitty...

Die Mutter macht sich wie ein Kleinkind in die Hose, der Ehemann weiß nicht mehr, wie er sich ein Brot schmiert: Die Pflege demenzkranker Menschen ist für Angehörige oft eine Geduldsprobe. Fehlt die Kraft, kann das in Aggressionen umschlagen. Merken Angehörige, dass sie sich mit der Betreuung überfordert fühlen, müssen sie sich Hilfe suchen.

Besonders problematisch sei die Pflege oft, wenn die Beziehung schon vor der Erkrankung angespannt war, sagt Claudia Schacke, Professorin für Soziale Gerontologie an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin. „Gerade Kinder, die eher ein schwieriges Verhältnis zu ihren Eltern hatten, übernehmen oft die Pflege, weil sie sich späte Dankbarkeit erwarten.“ Ein erstes Anzeichen der Überforderung sei es, wenn Pflegebedürftige angeschrien werden. In einer Studie aus dem Jahr 2004 hatten 88 Prozent der Befragten angegeben, in den vorangegangenen zwei Wochen gegenüber dem Pflegebedürftigen laut geworden zu sein. „Das kann noch vertretbar sein“, sagt Susanne Zank, Professorin für Rehabilitationswissenschaftliche Gerontologie an der Universität Köln. „Mit jedem geht mal der Gaul durch, gerade bei hohem Stress.“ Spürt der Pflegende jedoch, dass er gegenüber dem Angehörigen aggressiv wird, sollte er die Situation möglichst auflösen.

„Will sich ein Demenzkranker zum Beispiel partout nicht beim Zähneputzen helfen lassen, verlasse ich am besten für ein paar Minuten den Raum“, empfiehlt Claudia Schacke. Angehörige müssten darauf achten, sich selbst nicht zu vernachlässigen. Dazu sei es wichtig, die gelegentliche Verzweiflung und Wut zu akzeptieren.

Bemerkt der Pflegende aber, dass er den Demenzkranken wiederholt beschimpft oder härter anpackt, dürfe er diese Warnzeichen nicht ignorieren. Auch wer den Pflegebedürftigen vernachlässige, ihn beispielsweise nicht mehr regelmäßig wasche, müsse sich eingestehen, mit der Pflege überfordert zu sein.

Unterstützung finden Betroffene bei Pflegestützpunkten und den Sozialämtern. „Dort kann man sich beraten lassen, welche zusätzlichen Hilfen man über die Pflegeversicherung in Anspruch nehmen kann, um sich etwas zu entlasten“, sagt Schacke.

Susanne Zank empfiehlt, Kontakt zu anderen Betroffenen zu suchen – in Selbsthilfegruppen oder angeleiteten Gruppengesprächen, wie sie etwa in Regionalbüros der Alzheimer-Gesellschaft, Gedächtnisambulanzen und gerontopsychiatrischen Kliniken angeboten werden.Samuel Acker (dpa)

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