Zeitung Heute : Wenn die Kunst zum Patienten wird

Carolin Zuber und Christiane von Pannwitz beweisen mit ihrer Werkstatt „Die Restauratorinnen“, dass auch dieses Metier in Berlin Zukunft hat

Alva Gehrmann

Angefangen hat alles mit einem Polaroid-Foto. Carolin Zuber und Christiane von Pannwitz saßen eines Abends in Kreuzberg in einem indischen Imbiss, redeten über ihre Zukunftspläne, als ein Mann ihnen anbot, sie mit seiner Polaroid-Kamera zu fotografieren. Die beiden Frauen hatten just zu dieser Stunde beschlossen, eine Werkstatt zu eröffnen, da kam der Mann gerade recht. So ließen sie sich fotografieren, darunter schrieben sie: „Die Werkstatt für Restaurierung ist gegründet“. Das war vor fünf Jahren.

Heute haben „Die Restauratorinnen“ in der Naunynstraße, unweit des Imbisses, ihre eigene Werkstatt. Der Laden ähnelt einem kleinen Museum. Gemälde aus verschiedenen Jahrhunderten sind dort aufgestellt, Zierrahmen lehnen an der Wand, auf einer Tischplatte steht eine kleine, moderne Skulptur. Doch all diese Kunstwerke haben Schäden: Am goldenen Zierrahmen sind Teile der Ornamente abgebrochen, die Leinwand eines Ölgemäldes hat kleine Kratzer und an der Skulptur ist an manchen Stellen die Farbe abgeblättert.

Carolin Zuber und Christiane von Pannwitz untersuchen, konservieren und restaurieren diese Werke im Auftrag von Galeristen, Museen und privaten Kunden. Ihre Spezialgebiete sind Gemälde, Rahmen und Skulpturen – sie restaurieren aber auch Wandmalereien und machen Befunduntersuchungen an Gebäuden. Etwa beim Haus des Lehrers am Alexanderplatz. Spannend war für sie auch die Mitarbeit bei der Reinigung und Restaurierung von Wandmalereien aus dem Jahre 1270 in einem ehemaligen Wehrturm in St. Hubertus im hessischen Marsdorf.

An diesem Tag jedoch stehen die beiden in ihrer Werkstatt und arbeiten an einen Zierrahmen aus dem 19. Jahrhundert. Zuber und von Pannwitz tragen lange, weiße Kittel. „Wir sehen damit ein bisschen aus wie Ärzte“, scherzt von Pannwitz während sie an einem neu modellierten Ornament feilt. Der „Patient“ liegt auf einer großen Tischplatte, daneben stehen weitere Auftragsarbeiten. Genug zu tun für „Die Restauratorinnen“.

Zuber und von Pannwitz haben sich während des Studiums der Kunstwissenschaften kennen gelernt. Beide hatten davor schon eine Ausbildung zur Restauratorin absolviert. Noch während des Hauptstudiums gründeten sie ihr Unternehmen. Jede hatte 10 000 Mark zurückgelegt, dann fingen sie an. Zunächst teilten sie sich eine 13-Quadratmeter-Werkstatt mit einer Schneiderin. Für die ersten Restaurierungsaufträge, die meist über Bekannte der Familie kamen, reichte es.

Vor allem über Empfehlung kamen dann weitere Kunden hinzu. So erreichten „Die Restauratorinnen“ schnell den Punkt, an dem sie kostendeckend arbeiten konnten. Gehälter jedoch konnten sie sich nur in geringem Umfang auszahlen. „Die ersten beiden Jahre hätten wir ohne die Unterstützung unserer Familien nicht überlebt“, sagt Carolin Zuber, ebenso wie ihre Kollegin, 34 Jahre alt. „Es dauert eben eine Weile so ein Geschäft aufzubauen.“ Heute haben sie genug Aufträge, um davon leben zu können und sich die neue Werkstatt mit 85 Quadratmetern leisten zu können. Zudem arbeiten zwei Praktikantinnen für sie. Ein Jahr sammeln diese hier erste Praxiserfahrungen, um sich dann an einer der Kunsthochschulen für den Studiengang Restaurierung zu bewerben.

Christiane von Pannwitz hat ihre Ausbildung zur Restauratorin für Wand und Stein in Berlin und in Parma absolviert. Carolin Zuber studierte in Florenz Gemälderestaurierung und machte am Palazzo Spinelli ihr Diplom. Gerade die Florentiner Schulen haben einen guten Ruf, deshalb belegten hier beide noch Fortbildungskurse. Der italienische Einfluss macht sich auch beim Mittagessen bemerkbar. In der eigenen, kleinen Küche kochen sie sich Pasta mit Mozzarella, Tomaten und Ruccola. Die vier Frauen sitzen am Tisch und plaudern.

Dass bei den „Restauratorinnen“ nur Frauen arbeiten, ist kein Zufall. „Wenn ein Mann bei uns arbeiten würde, dann wäre hier eine ganz andere Atmosphäre“, sagt von Pannwitz, und die anderen nicken. Sie trinken noch einen Espresso, dann geht es wieder an die Arbeit. Carolin Zuber widmet sich nun einem Gemälde aus dem späten 17. Jahrhundert. „Das Bild ist von der Veroneser Schule und zeigt eine mythologische Szene“, sagt sie. An einigen Stellen fehlt die Malschicht. Diese Fehlstellen werden nun mit Aquarell- und Firnisfarben retuschiert. „Wichtig ist, dass die Retusche immer reversibel ist“, sagt sie. Das älteste Gemälde, an dem „Die Restauratorinnen“ bisher bearbeitet haben, ist aus dem Jahre 1526. Moderne Kunst gehört ebenso zu ihren Referenzobjekten: Zum Beispiel Arbeiten des chinesischen Pop-Art Künstlers Fang Lijun und von Gerhard Richter.

Wie viele Tage oder Wochen „Die Restauratorinnen“ an den Kunstwerken arbeiten, hängt vom Schaden ab, manchmal muss es aber auch ganz schnell gehen. „Es kommt immer mal wieder vor, dass ein Galerist kurz vor der Vernissage anruft und sagt, dass eines seiner Ausstellungstücke beim Transport beschädigt wurde“, sagt Carolin Zuber. Dann sind sie wie Ärzte die „Retter in der Not“, wie sie sagen. Stets erreichbar zu sein, ist besonders wichtig, sagt Christiane von Pannwitz. „Denn sonst rufen Kunden, die uns in den Gelben Seiten gefunden haben, schnell beim Nächsten an.“ Über 150 Restaurationswerkstätten sind dort aufgelistet.

„Die erste Frage, die uns insbesondere die privaten Kunden stellen, ist, ob das Kunstwerk überhaupt so viel wert ist, wie die Restaurierung kosten würde“, sagt von Pannwitz. Zu ihrer Arbeit gehören daher auch Wertgutachten. Für manche Auftraggeber ist das Kunstwerk ein Investitionsprojekt, für andere hat es einen emotionalen Wert. „Restaurierung ist eine Vertrauensdienstleistung", sagt Carolin Zuber. „Schließlich geben uns die Kunden ihre Kunstwerke in die Hand.“ Es gibt Auftraggeber, die immer mal wieder vorbeikommen und zusehen, wie sich die Gemälde oder Skulpturen verändern.

Als „Die Restauratorinnen“ Ende Mai zum fünfjährigen Jubiläum eine Feier veranstalteten, ist eine Kundin extra aus dem Umland von Berlin angereist. „Die beiden sind kompetent und freundlich“, lobt sie. Ihren Namen möchte sie lieber nicht nennen. „Das ist meist so“, sagt von Pannwitz. „Viele Auftraggeber wollen nicht, dass jemand von ihren Kunstwerken weiß.“ Auch Freunde und Familienmitglieder feierten mit den beiden Unternehmerinnen. „Als wir damals erzählt haben, dass wir einen eigenen Laden aufmachen wollen, hat das keiner so richtig geglaubt“, erinnern sich die beiden. Jetzt aber sind alle stolz. Auch der Ehemann von Christiane von Pannwitz: „Ich bewundere die beiden, dass sie auch die Durststrecken durchgehalten haben“, so Wolfram von Pannwitz. „Es hat ihnen sicherlich geholfen, dass sie Optimisten sind.“

Und optimistisch blicken Carolin Zuber und Christiane von Pannwitz auch in die Zukunft. Sie finden es klasse, selbständig zu arbeiten. „Kunst ist ein beständiger Wert, und es lohnt sich immer, sie zu restaurieren“, sagt Zuber. „Also wird unsere Arbeit auch weiterhin gebraucht."

Die Restauratorinnen. Zuber & von Pannwitz, Naunynstraße 53, Kreuzberg. Telefon: 44 34 20 30. Internet: www. die-restauratorinnen.de

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