Zeitung Heute : Wenn die Migräne jeden Monat kommt

Unter halbseitigen Kopfschmerz-Attacken leiden überwiegend Frauen. In den meisten Fällen ist die Unpässlichkeit hormonbedingt

Adelheid Müller-Lissner

GESUNDHEIT SPEZIAL: MIGRÄNE

Eine „ Migräne zu nehmen“, galt früher als Vorrecht vornehmer, gut gestellter Damen. Sie konnten es sich leisten, sich tagelang in verdunkelte Boudoirs zurückzuziehen, wo die Dienerschaft sie mit Tee und kalten Umschlägen versorgte.

Der Eindruck, Migräne sei eine nicht ganz ernst zu nehmende Befindlichkeitsstörung, der sich nur Müßiggänger hingeben können, ist heute längst entkräftet. Überdies sind Frauen, die sich nach Herzenslust bedienen lassen können, selten geworden. Trotzdem leiden zehn Prozent der Erwachsenen im Verlauf ihres Lebens immer wieder an Migräne.

Die typischen Schmerzen sind halbseitig, wie es der französische Herkunftsbegriff des Wortes Migräne – „mi-crane“, halber Schädel – nahe legt. Sie werden von den Opfern als pulsierend, hämmernd, pochend, vor allem aber als allmählich zunehmend beschrieben. Dabei wechseln sie nicht selten im Verlauf der Zeit die Seite. Heute weiß man, dass der Schmerz entsteht, weil Nervenbahnen in der Hirnhaut aktiviert und die Blutgefäße weit gestellt werden. Migräne ist häufig mit Übelkeit verbunden. Typisch ist auch die Überempfindlichkeit gegen alle Sinnesreize, vor allem gegenüber dem Licht. Der Rückzug in das verdunkelte Schlafzimmer hat also durchaus seine Berechtigung.

Und es stimmt, dass es überwiegend Frauen sind, die Grund dazu haben: Drei von vier Migräneanfällen treffen schließlich sie. 18 Prozent aller Frauen, aber nur sechs Prozent der Männer leiden irgendwann einmal unter der Erkrankung.

Hormonelle Schwankungen

Schon deshalb liegt es nahe, eine Ursache für das Leiden auf hormoneller Ebene zu suchen. Mediziner sprechen hier von der „menstruellen Migräne“. 90 Prozent dieser Migräne-Attacken quälen weibliche Opfer im Zeitraum zwei Tage vor bis zwei Tage nach Beginn der monatlichen Blutung. „Es sind die Schwankungen im Spiegel des Hormons Östrogen, die sich hier bemerkbar machen“, sagt der Gynäkologe und Hormonspezialist Horst Lübbert von der Charité Campus Benjamin Franklin. Kurz vor der Menstruation fällt dessen Spiegel steil ab. Frauen, die eine Neigung zur Migräne haben – sie liegt nach heutigem Wissen in den Genen –, sind genau in diesem Zeitraum besonders gefährdet. Vor allem Frauen zwischen 40 und 50 scheinen auf den hormonellen Umschwung sensibel zu reagieren, jedenfalls liegt der Gipfel der Erkrankung in diesem Lebensabschnitt.

Und es gibt andererseits Lebensphasen, die eine natürliche Entlastung mit sich bringen. Da ist zunächst die Schwangerschaft, in der die Hormonspiegel hoch und gleichmäßig sind. Bei 70 Prozent der zuvor betroffenen Frauen verschwinden in dieser Zeit die Migräneanfälle ganz, wie Lübbert berichtet. Auch in der Stillperiode sind sie selten.

Für weibliche Migräne-Opfer bietet auch das Älterwerden eine rosige Aussicht. Denn nach den Wechseljahren, wenn der Östrogenspiegel niedrig und gleichmäßig ist, verschwindet die Migräne häufig auf Nimmerwiedersehen. „Für viele Frauen mit Migräne ist die Menopause eine Erlösung“, weiß Lübbert. Ob hohe oder niedrige Östrogenspiegel: Wichtig ist für Frauen, die zu starker Migräne neigen, offensichtlich vor allem, dass keine zu großen Schwankungen vorkommen.

Schwangerschaft und Menopause bieten diesen Vorteil. Doch man kann im Einzelfall auch versuchen, mit Medikamenten den Hormonspiegel künstlich zu stabilisieren. Ein Mittel dafür ist die Pille. „Sie ist für uns Frauenärzte nicht nur ein Verhütungsmittel“, sagte Lübbert kürzlich bei einer Veranstaltung in der Berliner „Urania“. Manchen Patientinnen verordnet er Kombinationspräparate ohne die übliche einwöchige Einnahme-Pause, um die Monatsblutungen zu vermeiden.

In anderen Fällen kommt auch eine Therapie mit dem Gelbkörperhormon Gestagen in Frage, das alle drei Monate gespritzt wird. Migräne-Patientinnen, die sich ein Kind wünschen, können mit Östrogenpflaster oder einem Östrogengel in niedriger Dosierung behandelt werden.

Aber auch hormonhaltige Mittel, die die Funktion der Eierstöcke unterdrücken, können in Frage kommen, zum Beispiel bei starker Migräne in der Phase kurz vor Einsetzen der Wechseljahre. Mit der Hormontherapie in und nach den Wechseljahren sind die Frauenärzte aus gutem Grund in den letzten Jahren vorsichtiger geworden, seit große Studien gezeigt haben, dass das Risiko für Brustkrebs, aber auch für Herz- und Gefäßleiden dadurch steigt. Lübbert setzt im Einzelfall, wenn die Beschwerden sich in dieser Zeit nicht von selbst bessern, Pflaster oder niedrig dosierte Präparate zum Einnehmen ein. Sein Fazit: „Allen Patientinnen mit Migräne, die im Zusammenhang mit der Menstruation auftritt, kann mit Hormonen geholfen werden, häufig sogar auch den anderen.“

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