Zeitung Heute : Wenn die Orgel ordentlich Wind macht

Anna Pataczek

Sie ist nicht umsonst die Königin der Instrumente. Groß und stimmgewaltig, schwer zu spielen: die Orgel. Ihr Innenleben ist so kompliziert, dass drei bis vier Jahre vergehen können, bis sie fertig gestellt ist. Und sie kann manchmal divenhaft zickig sein. Das wissen auch die Instrumentenmacher vom Alexander Schuke Orgelbau. Sie haben sich mit den Unregelmäßigkeiten der Druckluft auseinandergesetzt, dem so genannten Orgelwind. Das Problem treibt Orgelbauer zwar schon seit Jahrhunderten um – aber nicht derart systematisch und mit wissenschaftlicher Unterstützung der Universität Potsdam. Dafür erhalten das Unternehmen und Geschäftsführer Matthias Schuke jetzt den Innovationspreis Berlin-Brandenburg.

Das ganze System aus Gebläse, Bälgen, Kanälen, Ventilen und Pfeifen ist so komplex, dass der hindurch pfeifende Wind dies nicht immer so konstant tut, wie er es sollte. Immer wieder gibt es Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Bauelementen. „Wenn der Organist zum Beispiel viele Pfeifen in Anspruch nimmt, kommt es plötzlich zu einem Winddruckabfall“, erklärt Detlef Zscherpel. Er ist Physiker und bei Schuke zuständig für den Bereich Forschung. Oder die Luft kommt in Stoßwellen, bestimmte Pfeifen nehmen den Wind weg. „Manche dieser Effekte sind sogar ausdrücklich erwünscht“, sagt Zscherpel. Barocke Orgeln etwa sollen „atmen“, wie es im Orgelbauerdeutsch heißt. „Es ist aber schwer, genau den Punkt zu finden, an dem solche Effekte als lebendig oder als störend empfunden werden.“ Es gibt uralte Techniken, die Luftzufuhr zu beeinflussen. Ähnlich wie ein Stoßfänger in einem Auto eine Bodenwelle abdämpfe, könne man auch den Stoßwellen des Orgelwindes mit Puffern begegnen, erläutert Zscherpel.

Und hier kommt die Forschung ins Spiel. Wissenschaftler der Uni Potsdam haben am Computer die Wind-Phänomene simuliert. Auf Grundlage der Berechnungen über Strömungen und Dynamiken entwickelten die Orgelbauer das Modell einer Windlade. Es ist ein Kasten, auf dem die Pfeifen angeordnet sind und der dafür sorgt, dass die Druckluft durch genau jene Pfeifen bläst, die der Organist auf seinen Tasten spielt.

Das Modell steht in Schukes Werkstatt in Werder/Havel und hat die Größe einer Orgel. Sie ist mit Sensoren ausgestattet, die den Druck messen. Jede neue Erkenntnis fließe gleich in die Konstruktion der nächsten Orgel ein, sagt der Physiker. Welche technischen Hilfsmittel genau da eingebaut werden, kann er natürlich nicht verraten. Aber es seien alles mechanische Teile. „Wir arbeiten mit den gleichen Möglichkeiten, die unsere Vorfahren hatten“, sagt Zscherpel. Neu sei, dass die Werkstatt die Wirkung mit Hilfe der wissenschaftlichen Messungen tatsächlich ausprobieren könne.

Rund 2000 Orgelbauer gibt es in Deutschland, schätzt Detlef Zscherpel. Bei Schuke in Werder sind derzeit 30 Mitarbeiter beschäftigt. Sie fertigen Instrumente für Deutschland und die Nachbarländer, aber auch für Russland und Mexiko, und restaurieren historische Orgeln. Anna Pataczek

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