Zeitung Heute : Wenn die Wahrheit zu spät kommt

Hoffnung für die Gegner der Todesstrafe: In den USA geht die Angst vor Justizmorden um

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Carolyn Munceys Leiche wurde unter Büschen in einer Bachsenke gefunden, nur 250 Meter entfernt von ihrem Häuschen in Luttrell,Tennessee. Die 29-jährige Mutter von zwei Kindern, verheiratet mit einem notorischen Trinker, wies Zeichen brutaler Schläge auf, nach den Spuren auf der Kleidung hatte sie Geschlechtsverkehr gehabt. Mehr als 20 Jahre ist das her, aber noch immer erregt das Verbrechen das kleine Dorf. In letzter Zeit sind die Zweifel gewachsen, ob da nicht ein Unschuldiger seit 20 Jahren in der Todeszelle auf seine Hinrichtung wartet: Paul House, ein vorbestrafter Sexualstraftäter aus Utah, der kurz vor der Todesnacht nach Luttrell gezogen war, zu seiner Mutter. War womöglich nicht er, sondern der Ehemann der wahre Täter? Zwei Frauen aus dem Dorf behaupten das, allerdings erst seit kurzem; er habe ihnen 1985 in betrunkenem Zustand gestanden, seine Frau im Zorn erschlagen zu haben.

Am Mittwoch will sich das Oberste Gericht mit dem Fall befassen, es ist das erste Mal, dass der Supreme Court den Antrag eines zum Tode Verurteilten auf Wiederaufnahme anhört, der mit Hilfe von DNA-Tests seine Unschuld beweisen will. Gegner der Todesstrafe hoffen auf einen epochalen Erfolg. Kein anderes Gegenargument hat in den USA einen durchschlagenderen Erfolg als die Angst vor Justizmorden. Europas Empörung über die Hinrichtung behinderter oder rehabilitierter Täter teilen die meisten Amerikaner nicht, zum Beispiel kürzlich bei „Tookie“ Williams in Kalifornien: Der 1981 wegen Mordes verurteilte Anführer der Streetgang „Crips“ hatte sich im Gefängnis zu einem Gegner jugendlicher Bandenkultur gewandelt, aber Gouverneur Arnold Schwarzenegger verweigerte die Begnadigung. Der nächste Aufschrei ist gewiss, wenn am 17. Januar Clarence Ray Allen exekutiert wird, der mit 76 Jahren blind im Rollstuhl sitzt. Amerikaner sagen: An beider Schuld besteht kein Zweifel.

Die Organisation „Innocence Project“ hat schon in 170 Fällen mit Hilfe von DNA-Tests die Entlassung irrtümlich Verurteilter erreicht – allerdings nicht von Todeskandidaten, sondern, zum Beispiel, von angeblichen Vergewaltigern. In Illinois hatte Gouverneur George Ryan 2003 die Todesurteile aller 156 Hinrichtungskandidaten kurz vor dem Amtsende durch Begnadigung in lebenslänglich verwandelt, nachdem DNA-Tests belegt hatten, dass Unschuldige exekutiert worden waren. Aber der Supreme Court hat noch nicht entschieden, ob Verurteilte ein verfassungsmäßiges Recht darauf haben, dass ihre Fälle mit DNA-Tests neu aufgerollt werden.

Der Fall House erregt umso mehr Aufsehen, als Virginias Gouverneur Mark Warner soeben eine DNA-Analyse angeordnet hat, die die Unschuld des 1992 hingerichteten Roger Coleman beweisen könnte. Er soll 1981 seine 19-jährige Schwägerin Wanda McCoy im Bergbaustädtchen Grundy vergewaltigt und erstochen haben, hatte aber bis zum Tod seine Unschuld beteuert. Auch diese Überprüfung durch den Gouverneur ist eine Premiere. Bisher gab es nur einen Fall in Georgia, wo ein Richter die Wiederaufnahme mit Hilfe von DNA-Tests anordnete. Das führte 2000 allerdings nicht zum Beweis der Unschuld des 1996 hingerichteten Ellis Felker. In Florida jedoch bewies ein Gentest ebenfalls 2000, dass Frank Smith zu Unrecht im Todestrakt gesessen hatte – wenige Monate, nachdem er dort eines natürlichen Todes gestorben war.

Die Fälle House und Coleman könnten die Zweidrittelmehrheit in der US-Bevölkerung für die Todesstrafe ins Wanken bringen. Doch lässt sich heute noch herausfinden, was vor mehr als 20 Jahren in Luttrell und Grundy wirklich geschah? Im Fall Carolyn Muncey haben sich beide Männer durch Lügen verdächtig gemacht. Ehemann Hubert Muncey, ein Gelegenheitsarbeiter, hatte seiner Frau an jenem 13. Juli 1985 gesagt, er wolle ein Grab ausheben, um ein paar Dollar zu verdienen, ging aber zu einer Tanzparty. Paul House behauptete, er habe die ganze Nacht mit seiner Freundin in deren Trailer, einem Wohncontainer, verbracht. Die allerdings sagte, er sei für eine Stunde verschwunden und später ohne Hemd, verschwitzt und mit Kratzwunden zurückgekehrt. Die Polizei fand seine Bluejeans mit Blutspuren – nach späteren Laboruntersuchungen stammten sie von der Ermordeten. Ein Zeuge will House gesehen haben, wie er nahe dem Tatort seine Hände an einem Stück Stoff säuberte – die Anklage schloss: das verschwundene Hemd. „Wir hatten keine Zweifel an dem Fall“, sagen Jurymitglieder. House hatte in Utah gerade vier Jahre abgesessen, weil er zwei Frauen vergewaltigt hatte.

Die Zweifel haben Houses Anwälte zusammengetragen. Reicht eine Stunde, um vom Trailer der Freundin zum gut drei Kilometer entfernten Tatort und zurück zu laufen und den Mord in einem offenbar erbitterten Kampf zu begehen? Die Blutproben von Carolyn Munceys Leiche, die zum Vergleich mit den Flecken auf der Bluejeans verschickt wurden, waren unterwegs geöffnet worden. 1998 konnten die Anwälte mit DNA-Tests belegen, dass die Samenspuren an der Ermordeten vom Ehemann stammten.

Das sind noch keine zwingenden Beweise für Houses Unschuld oder die Schuld des Ehemannes. Für Houses Anwälte wäre es bereits ein großer Sieg, wenn der Supreme Court entscheiden würde, dass ihr Mandant einen verfassungsmäßigen Anspruch darauf hat, seinen Fall mit Hilfe der DNA-Tests neu aufzurollen. Hier kommt die ganz andere amerikanische Rechtstradition ins Spiel. Nach US-Recht haben Verdächtige den Anspruch auf ein reguläres Verfahren durch alle Instanzen hindurch. Ist das Urteil rechtskräftig, gilt der Fall als abgeschlossen. Neue Fakten allein sind kein Grund zur Wiederaufnahme. Die kommt nur in Betracht, wenn ernste Zweifel am ordnungsgemäßen Prozessablauf oder zwingende Zweifel an der Schuld auftauchen. Zu dem angeblichen Geständnis des Ehemanns gegenüber den beiden Frauen aus Luttrell 1985 sagt der Staat Tennessee, der die Wiederaufnahme ablehnt: So viele Jahre später sei das unglaubwürdig. In vielen Staaten müssen nach dem letztinstanzlichen Urteil nicht einmal die Beweise aufbewahrt werden.

Da kommt der Virginia-Fall ins Spiel. Die DNA-Probe, mit der Gouverneur Warner Roger Colemans Hinrichtung überprüfen will, ist nur möglich, weil Edward Blake, ein Gerichtsmediziner in Kalifornien, Beweismittel mit Genspuren zur Vergewaltigung und Ermordung von Wanda McCoy 1981 aufbewahrt hat. Er selbst hatte sie erst vor 15 Jahren bekommen und alle Aufforderungen der Justizbehörden von Virginia zur Rückgabe ignoriert. 2001 hat Virginia ein Gesetz erlassen, das vorschreibt, Beweise bei Kapitalverbrechen mit Todesstrafe bis zur Hinrichtung aufzubewahren. Es erlaubt Verteidigern auch den Antrag, in Mordfällen DNA-Spuren 15 Jahre zu archivieren. „Innocence Project“ versteht die Abwehr der Justiz nicht. „DNA-Tests können sowohl die Schuld wie die Unschuld belegen.“

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