Zeitung Heute : Wenn die Werbung schneller ist als das Produkt

Kurt Sagatz

Die Präsentations-CD-ROM für das Betriebssystem, das erst im Februar auf den Markt kommt, räumt reihenweise Preise abKurt Sagatz

Microsoft ist mit seinen Betriebssystemen, genauer gesagt mit der Werbung für seine Windows-Plattformen, schon immer eigene Wege gegangen. Bei der Vorstellung von Windows 95 und seinem Nachfolger mit der Jahreszahl 98 wurde von Spöttern bereits angemerkt, dass das Software-Imperium aus Redmond mehr in die Werbung als in das eigentliche Produkt investiert. Ob das tatsächlich so stimmt, lässt sich kaum überprüfen. Dafür zeigt die Gates-Company bei Windows 2000 - dem Betriebssystem der nächsten Generation, wie Microsoft es selbstbescheiden nennt -, wie gut Advertising für ein Produkt sein kann, dass es noch gar nicht zu kaufen gibt. Denn nach einigen Verzögerungen wird das neue System, das sich vorwiegend an den professionellen Kundenkreis richtet, in den USA erst am 17. Februar nächsten Jahres und hierzulande nochmals vier bis sechs Wochen später in den Handel gelangen.

Wie kein anderes Unternehmen hat es Microsoft schon immer verstanden, durch frühzeitige Ankündigungen über künftige Produkte die Kundschaft bei der Stange zu halten. Vor allem in Richtung der Business-Kunden, die durch zahlreiche positive Berichte und Tests auf Linux als Alternative zu Windows NT (New Technology) aufmerksam geworden sind, ist daher auch die neue Werbung für Windows 2000 zu sehen. Um die künftigen Benutzer bei Laune zu halten, wurden Tausende von Beta-Versionen verteilt. Entwickler erhalten mit solchen Vorabversionen die Möglichkeit, eigene Programme, Treiber oder Hardware an die neue Software anzupassen. Größere Firmen können mit den Beta-Versionen nachprüfen, wie gut ein neues Programm mit der vorhandenen Systemarchitektur harmoniert.

Interessanter als der Beta-Versand ist jedoch bei Windows 2000 die beigelegte Demo-CD mit dem Titel "Windows 2000 Live!". An die Stelle nüchterner Datenblätter und vorgefertigter Bildschirmseiten tritt bei diesem Werbeträger ein sympathischer und eloquenter Moderator, der durch das Programm führt - das seinen Namen zu Recht trägt, denn die Demo-CD erinnert mehr an eine Fernseh-Show als eine Produktreklame. Gleichwohl hat es die Münchener New-Media-Agentur Schaeffler + Partner verstanden, nicht nur auf eine nette und unterhaltsame Oberfläche zu achten. Auch die Präsentation der Fakten ist selten gut gelungen. In gewissem Maße erlaubt die CD-ROM auch eine Art intelligenter Interaktion, denn das Programm registriert, für welche Teilaspekte sich der Zuschauer interessiert und bringt dazu unaufgefordert zusätzliche Hintergrundinformationen. Muss der virtuelle Moderator zu lange auf die Anforderungen der Nutzer warten, verliert er überdies nicht seine Geduld, schaut aber dafür ab und zu auf seine Uhr oder verlagert sein Gewicht von einem auf das andere Bein - begleitet immer von einem freundlichen Lächeln.

Der Spaß, den die Agentur offensichtlich bei der Erstellung der Präsentation trotz aller Misslichkeiten hatte (die technischen Informationen mussten mühsam aus mehreren Metern Aktenordner extrahiert werden, die zudem noch im technischen Englisch der Microsoft-Programmierer gehalten waren), hat sich für die Münchener mehr als ausgezahlt.

Insgesamt fünf Preise erhielt Schaeffler + Partner inzwischen für die CD-ROM, unter anderem den IF-Award für innovatives Industrie-Design. Obwohl ursprünglich nur für den deutschsprachigen Raum konzipiert, soll der exzellente digitale Werbeträger nun auch für den US-Markt lokalisiert werden. Wenn schon das Gros der Software für den deutschen Markt aus den Staaten kommt, so bleibt doch wenigsten der Trost, dass in diesem Fall die Werbung für das Produkt aus Deutschland stammt.

Alle Werbung kann jedoch ihre Wirkung nicht entfalten, wenn das zu bewerbende Produkt die Versprechungen nicht zu großen Teilen erfüllt. Nachdem die letzte Version von Windows NT nach Meinung vieler professioneller Nutzer "halbfertig" auf den Markt kam und viele Hardware-Komponenten damit anfangs nicht funktionierten, hat Microsoft diesmal nach eigenen Angaben dazugelernt. So seien die Verzögerungen gegenüber den ersten Planungen, die noch von einem Verkaufsstart in diesem Jahr ausgingen, vor allem mit dem Wunsch zu begründen, diesmal ein Produkt mit einem deutlich höheren Qualitätsstandard anzubieten, das die Nutzer nicht zu unfreiwilligen Beta-Testern macht.

Lernfähig scheint der Microsoft-Konzern jedoch nicht nur gegenüber seinen Profi-Kunden zu sein. Auch die Unterstützung für die private Kundschaft ist besser geworden. Wer bei Windows 98 wie jetzt vor dem Jahrtausendwechsel sein Betriebssystem aktualisieren wollte, benötigte bis vor kurzem noch einen Internet-Anschluss. Wegen des Jahr-2000-Problems hat Microsoft nun eine spezielle kostenfreie Hotline eingerichtet (0800-183 36 54), bei der die benötigten Programme zur Fehlerbehebung als kostenlose Abo-CD bestellt werden können.

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