Zeitung Heute : Wenn ein Land einem Vater folgt

Sein Sohn wurde entführt und ermordet, seitdem kommt er nicht mehr zur Ruhe – und verändert Argentinien

Vera von Kreutzbruck

Bevor Blumberg zur Geldübergabe ging, rief er den Staatsanwalt an und sagte ihm, das Wichtigste sei, dass Axel lebendig rauskommt. Die Polizei solle sich zurückhalten. Axel, Blumbergs Sohn, war am 17. März, sechs Tage zuvor, entführt worden.

Als Blumberg bei der Tankstelle ankam, war da viel Polizei und viel Lärm. Sie hatten die Lösegeldübergabe gerade verpatzt, die Verbrecher waren entkommen. Ein paar Stunden später schossen sie Axel Blumberg eine Kugel in den Kopf.

Juan Carlos Blumberg, 60 Jahre alt, Textilingenieur aus Buenos Aires in Argentinien, ist acht Tage nach der Ermordung seines Sohnes die Leitfigur einer Protestbewegung und Hauptredner bei einer Demonstration. Am 1. April versammeln sich 150000, vielleicht sogar 350000 Menschen vor dem Kongressgebäude in Buenos Aires, und sie rufen dem Parlament und später auch dem Präsidenten zu: „Fangt an mit der Verbrecherjagd!“ Drei Wochen danach verabschiedet der Senat zwei Gesetze, die auf Blumbergs Forderungen zurückgehen.

Axel Blumbergs Tod war das Ende des normalen Lebens des Vaters. Es war der Beginn von Blumbergs Kampf. „Alles, was die Polizei und der Staatsanwalt gemacht haben, war falsch. Sie sind schuld, dass mein Sohn tot ist“, sagt er. „Ich war naiv und glaubte an die.“

Nach der gescheiterten Geldübergabe riefen die Kriminellen noch zwei Mal bei der Mutter zu Hause an. Die Polizei sagte, sie solle den Hörer nicht abheben. „Stellen sie sich vor, was für eine Vergeltung sie an meinem Sohn dafür geübt haben“, sagt der Vater.

Die Unfähigkeit der Sicherheitsbehörden, die fragwürdige Arbeit der Staatsanwälte, die Brutalität der Entführer haben den Fall Blumberg zu einem Symbol gemacht. Die Argentinier feiern Vater Blumberg als Kämpfer gegen die Korruption und gegen den laschen Umgang mit Verbrechern. Juan Carlos Blumberg traf sich mit dem Präsidenten, dem Justizminister, mit Abgeordneten, Rechtsanwälten, Entführungsopfern, Journalisten und Richtern. Axels Freunde erstellten eine Internetseite, um Unterschriften zu sammeln für eine Reform der Gesetze und gegen die korrupte Justiz und Polizei. In vier Wochen gingen mehr als 200000 E-Mails ein, mehr als vier Millionen Unterschriften kamen zusammen.

Jeden Mittwoch ging Axel, 23, mit seiner Freundin ins Kino. Auch am 17. März will er Steffi Garay, die auch in Martínez, einem Vorort von Buenos Aires, wohnt, mit dem Auto seiner Mutter abholen. Autodiebe fangen ihn auf dem Weg ab. Die Entführung scheint ihnen ein besseres Geschäft zu sein, als den Wagen zu behalten. Axel wird in eine „befreite Zone“ gebracht, in eine der vielen Gegenden in Buenos Aires, wo die Polizei Abkommen mit den Banden hat, sich zurückzieht, wenn die freie Hand brauchen, und erst dann wieder auftaucht, wenn alle Spuren beseitigt sind.

Um zehn Uhr abends ruft Steffi bei den Blumbergs an. Sie hat das leere Auto vor ihrem Haus gesehen. Ein paar Stunden später ruft Juan Carlos Blumberg die Polizei.

Blumberg und seine Frau sind eines von etlichen Elternpaaren in Argentinien, die ihre Kinder begraben müssen, nachdem eine Entführung schief gelaufen ist, weil die Polizei gerufen wurde. Fast immer stellt sich heraus, dass die Kriminellen mit Staatsanwälten und Polizisten zusammenarbeiten, die durch Bestechungsgeld ihr Gehalt aufbessern.

Seit der Wirtschaftskrise vor zwei Jahren gibt es immer mehr Verbrechen in Argentinien. Die Zahl der Entführungen nähert sich dem Niveau von Brasilien und Kolumbien an, das Sicherheitsministerium der Provinz Buenos Aires sagt, dass es in den letzten zwei Jahren sieben Mal mehr geworden sind. 2001 wurden 40 Menschen entführt, vergangenes Jahr 306. Und die meisten Entführungen werden gar nicht erst bei der Polizei angezeigt, die „Express-Entführungen“, bei denen die Geiseln nur einige Stunden gefangen sind und nach einer schnellen Geldübergabe freigelassen werden. Die Opfer werden bewusst ausgesucht, weil sie Geld haben.

Der Fall Blumberg war anders. Axel geriet durch Zufall in die Hände der Entführer. Sie warteten bis zum nächsten Morgen. Um acht Uhr rief der Chef der Bande bei Blumbergs an. Er wollte 50000 Pesos (13500 Euro). Blumberg sagte, so viel könne er nicht aufbringen und drückte das Lösegeld auf 4800 Euro. Zweieinhalb Tage später nahmen die Entführer wieder Kontakt auf und fragten, ob er das Geld schon habe. Blumberg verlangte ein Lebenszeichen seines Sohnes. Er bekam zur Antwort: „Wenn Sie wollen, können wir Ihnen drei Finger schicken.“

Die Polizei war inzwischen im Haus und gab den Blumbergs Anweisungen, wie sie sich zu verhalten hätten. Schließlich wurde als Treffpunkt für die Lösegeldübergabe die Tankstelle gewählt, irgendwo am Stadtrand. Am Tag danach kam der Staatsanwalt ins Haus. „Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Sohn um halb zwei Uhr nachts getötet worden ist“, sagte er.

„Das Schlimmste“, sagt Blumberg, „war dann im Leichenschauhaus. Axels Kopf war mit Eis bedeckt, ich nahm es weg.“ Er wollte auch den Körper seines Sohnes sehen. Alles „ zerschlagen, voller Wunden. Sie hatten ihm die Nägel ausgerissen.“

Blumberg schreibt seine Forderungen auf. Am 19. April präsentiert die Regierung in seltener Einstimmigkeit einen Plan: Polizei, Strafgesetzbuch und Justiz sollen reformiert werden. Die Strafmündigkeit bei Jugendlichen soll auf 14 Jahre gesenkt werden – das ist ein Vorschlag von Blumberg. Mobiltelefone sollen künftig amtlich registriert werden, ihr Verkauf an Vorbestrafte wird verboten. Die Strafen für illegalen Waffenbesitz werden härter. Das sind Blumbergs große Erfolge.

Die kleinen: Die zwei Staatsanwälte, die für den Fall Axel Blumberg zuständig waren, wurden entlassen, nachdem herausgekommen war, dass sie sich von Entführern und Autodieben bestechen ließen. Dem Leiter der Polizeiabteilung für Entführungen wurde gekündigt, weil er Axels Kidnapper nicht hatte verhaften lassen, obwohl schon Monate vorher bekannt war, womit die Bande ihr Geld verdiente. Chef und Stellvertreter der Abteilung für organisiertes Verbrechen der Bundespolizei haben ihre Ämter niedergelegt. Fünf Verdächtigen wird wegen des Mordes an Axel der Prozess gemacht.

Zufrieden ist Blumberg nicht.

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