Zeitung Heute : Wenn er schläft, werden wir wieder normal

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Ich erinnere mich gut: Mein Bauch war schon ziemlich dick, ich passte so eben hinters Lenkrad, kam aber nicht mehr aus dem Auto raus, wenn einer neben mir parkte. Es war die Zeit der guten Vorsätze: 100 Mal am Tag fing ich einen Satz an mit „Ich werde…“

Ich hatte gerade geheiratet, die Formulierung „mein Mann“ ging mir noch schwer über die Lippen; ich war zugleich stolz darauf und wusste, das unverbindliche Großstadtleben, das jeden Tag eine neue Richtung einschlagen konnte, die Zeit des „mein Freund“, war vorbei. Mit meinem Mann drehte ich im Park Runde um Runde, und wir sprachen darüber, wie wir als Eltern sein würden. Vor allem wollten wir locker sein. Ich höre mich noch rufen: „Schrecklich, diese Paare, bei denen sich alles ums Kind dreht!“ Wir fanden, man müsse Kinder eben mitnehmen zu Partys und ins Restaurant, so machen sie’s in Italien auch. Wir glaubten fest an unser Projekt: Wir wollten unser Leben weiterleben, nur dass in Zukunft ein Kind dazugehören würde. Ich wollte gleichzeitig Mutter werden und ich selbst bleiben. Wäre ich nicht so dick gewesen, ich hätte Werbung für Diät-Margarine machen können: Ich will so bleiben, wie ich bin. Es war die Zeit der Illusionen.

Den tödlichen Satz sprach ein Bekannter aus, als Noah vier Monate alt war. Wir hatten einen nervenaufreibenden Abend im Restaurant hinter uns. Noah war müde, aber er wollte nicht schlafen, also quengelte er. Der erfahrene Vater sagte dazu nur: „Wenn man Kinder hat, geht man eben nicht mehr so oft weg. Jedenfalls nicht mehr zusammen, als Paar.“ Rumms, die Tür zum alten Leben war zugefallen.

Natürlich dreht sich bei uns alles ums Kind. Noah ist unser neuer Chef. Er weiß nichts von modernem Personalmanagement, dass man mit den Kräften seiner Untergebenen haushalten muss, weil die Arbeitskraft sonst auf lange Sicht schwindet. Er lenkt sein Imperium nach dem alten Patriarchen-Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche“. Sein Zuckerbrot ist ein Baby-Lachen, das jede Pampers-Packung schmücken würde, die Peitsche ist ein herzzerreißendes Weinen oder ein tyrannisches Gebrüll, je nach Bedarf.

Unser Tag beginnt mit dem gemeinsamen Familienfrühstück. Es gibt zwei Gründe, warum wir dabei oft kaum zum Essen kommen: Entweder Noah ist schlecht drauf, oder Noah ist gut drauf. Ist er schlecht drauf, will er auf den Schoß, vom Schoß runter, er weint, weil er sich gestoßen hat, er will seinen Schnuller, er will keinen Schnuller, einen Keks, keinen Keks… Ist Noah gut drauf, muss mich mein Mann manchmal ermahnen: Jetzt guck nicht dauernd das Kind an, sondern iss mal was.

Abends, wenn Noah schläft, werden wir für ein paar Stunden zu normalen Menschen. Wir schauen einander an und reden, manchmal sogar über anderes als über unser Kind. Dann aber kommt die Nacht. Inzwischen werden wir nicht mehr von Babygeschrei geweckt, das scheint uns zu irritieren. Wir schrecken abwechselnd hoch, schwitzend, herzrasend, und wecken einander: „Wo ist Noah?“ Haben wir ihn nicht vorhin ins Bett geholt, lag er nicht zwischen uns? Krabbelt er irgendwo? Ist er die Treppe runtergefallen? Schlaftrunken muss dann einer von uns nachsehen, ob das Baby in seinem Bett schläft.

Die Krankheit, die wir haben, heißt „Eltern“. Wir haben beschlossen, sie zu bekämpfen. Für mich besteht die Therapie in einer Art Resozialisierungsprogramm. Heute fange ich damit an. Ich gehe mit einem Freund ins Kino. Ohne Kind und ohne Mann. Vielleicht ein bisschen wie in meinem alten Leben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben