Zeitung Heute : Wenn es dunkel wird

Sex im Kino ist auch nicht mehr das, was er mal war. Dabei hat es so gut angefangen – in den 70er Jahren / Von Michael Althen

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„Wie Pubertierende heutzutage mit der Dauerpräsenz sexuell aufgeladener Bilder fertig werden, ist mir schleierhaft. Damals war Sex jedenfalls noch etwas, was den Bildschirm nahezu explodieren ließ.“

Das Kino ist keine Wunschmaschine, sondern vor allem eine Folterbank. Solange man jung ist, lässt es uns von all jenen Wünschen träumen, die wir uns erfüllen können, wenn wir erst mal alt genug sind. Kaum ist man erwachsen, schürt es die Sehnsucht nach einer Jugend, die wir so leider nie erlebt haben. Im Kino ist man immer entweder zu alt oder zu jung, zu reich oder zu arm – oder zu deutsch, um etwa amerikanisch zu sein oder auch nur französisch. So richtig im Einklang ist man nie. Aus dieser Differenz speist sich ja womöglich auch der ganze Zauber.

Definitiv ein Film, mit dem man gerne vollständig im Einklang gewesen wäre, und deshalb der wichtigste Film der 70er Jahre, war „Her mit den kleinen Engländerinnen“, der so etwas wie die Mutter aller Teenie-Komödien ist – oder womöglich gar die Großmutter, wenn man sich ansieht, wie es heutzutage in „American Pie“ zur Sache geht. Darin werden jedenfalls zwei französische Jungs, die in Englisch durchzufallen drohen, zu Sprachferien nach England geschickt, was naturgemäß wenig an ihrer Haltung zur Sprache ändert, wohl aber zu deren Benutzerinnen. Den Rest kann man sich ausmalen. Wesentlich war daran für den Hausgebrauch, dass der Nachdenklichere der beiden zum einen Tennisschuhe mit grünen Streifen trug (im krassen Gegensatz zu den damals noch völlig kultfernen Adidas-Schuhen, mit denen wir Fußball spielten) und zum anderen einen dunkelblauen Pullover mit V-Ausschnitt. Das waren natürlich wichtige Anknüpfungspunkte für identifikationssüchtige Halbwüchsige: Wie soll man sich frisieren, was soll man anziehen und was sagen beim ersten Date? Die Accessoires des Franzosen schienen fortan unentbehrlich, wenn man schöne Mädchen kennen lernen wollte.

Der Kuss im Kino

Es ist ja nicht so, dass man im Kino gleich für die große Kunst empfänglich ist, sondern man hakt sich ein, wo man kann. Und weil man in der Pubertät für bestimmte Dinge eben empfänglicher ist als für andere, beginnt es mit unverhofften Einsichten in die anatomischen Besonderheiten von Frauen und noch aufregenderen Darstellungen dessen, was man anstellen kann, wenn man mit ihnen alleine ist – küssen zum Beispiel. Und so gesehen, waren das geraubte Küsse, die man den Filmen abgerungen hat.

Am Schluss des wunderbaren Films „Cinema Paradiso“ gibt es eine Szene, in der all jene Kinoküsse versammelt sind, die der alte Vorführer eines italienischen Dorfes einst aus Zensurgründen aus den Filmen hatte herausschneiden müssen. Eine Sinfonie von Lippenbekenntnissen, ein wahres Feuerwerk, in dem das Schönste am Kino zu seinem Recht kommt. Küsse im Film sind ja auch was Wunderbares. Vorausgesetzt, man sitzt nicht im hellblauen Frottee-Schlafanzug mit den eigenen Eltern vor dem Fernseher, während dort fremde Menschen sich küssen. Genau so war es aber. Man verschränkte krampfhaft die Arme, und es fehlte nicht viel, und man hätte angefangen, ein fröhliches Lied zu pfeifen, um zu demonstrieren, wie ungezwungen, ja geradezu unbeteiligt man der Sache gegenübersteht.

Irgendwann war man nur noch auf das eine scharf, und da war die Präsenz der Eltern eher lästig. Da saß man dann also gemeinsam vor dem deutschen Organspendenthriller „Fleisch“ von Rainer Erler, einer amerikanischen Geschichte mit deutschen Schauspielern, Herbert Herrmann und Jutta Speidel, die später zwar Karriere machten, aber natürlich nicht im deutschen Film, sondern in Fernsehserien und Boulevardtheatern. Abgesehen davon, dass der Film ungewöhnlich spannend war, gab es darin eine Szene in einem einsamen Motel, auf deren Freizügigkeit man völlig unvorbereitet war. Man sah da tatsächlich, wie die aufregend sommersprossige Jutta Speidel mit offenem Hemd und also gut sichtbaren Brüsten auf Herbert Herrmann saß und Sex hatte. Das schien mir etwas so nie Dagewesenes, dass ich mich davon wochenlang nicht mehr erholte. Auf solche hormonellen Erschütterungen war man von der „Bravo“ und dem Team um Dr. Sommer einfach nicht vorbereitet worden. Ich konnte ja nicht ahnen, was zur selben Zeit im Kino los war: was etwa Marlon Brando mit Maria Schneider im „Letzten Tango“ anstellte. Als Pubertierender wäre man bei der Szene, wo sie ihm im Café unterm Tisch einen runterholt, wahrscheinlich auf der Stelle einem Hirnschlag erlegen.

Der Gipfel erotischer Fantasien war damals noch „Bilitis“, in dem der Fotograf David Hamilton mit seinem Weichzeichner Minderjährigen zu Leibe rückte, die im Grunde den ganzen Tag nichts anderes taten, als unter leichter Bekleidung ihre Brüste knospen zu lassen, und einen Schock bekamen, wenn sie durch einen Türspalt Zeuge wurden, wie die mütterliche Freundin mit ihrem Geliebten echten Sex hat. Solche Filme waren das beliebteste Thema der Filmzeitschrift „Cinema“, die den Hunger nach Anschaulichkeit stillte, wenn man gerade nicht den Playboy zur Hand hatte. Natürlich gehörte auch Nastassja Kinski zu den Favoritinnen von „Cinema“ sowie Olivia Pascal und die Traumfrau Bo Derek, deren Silberblick und Zöpfe damals Mode machten – vielleicht waren sie aber auch nur meine Favoriten.

Damals besuchte man einen Freund, der einen Super-8-Projektor besaß sowie eine Kopie des obskuren Softpornos „Melody in Love“, in dem sich noch Sascha Hehn als Hengst die Sporen verdiente, ehe er aufs Traumschiff versetzt wurde. Aber diese Nachmittage im Keller waren nicht ganz unbelastet, weil jedesmal, wenn auf der Treppe die Eltern zu hören waren, schnell das Licht angeschaltet und so getan werden musste, als sei man mit etwas ganz anderem beschäftigt.

Es lässt sich nicht leugnen, dass man in einem bestimmten Alter vor dem Fernseher – selbstverständlich in Abwesenheit der Eltern – auf nichts anderes als solche Szenen wartet, wo man unruhig hin und her schaltet und zu erahnen versucht, welche Sendung am ehesten sexuelle Befriedigung verspricht. Man versucht, die Strickmuster zu durchdringen, den Fortgang zu erraten, mal auf diesem, mal auf jenem Sender, immer auf der Suche nach zwischengeschlechtlichem Kontakt – als würde dessen Aura auch schon in den vorangehenden Szenen zu erspüren sein. Wobei besonders atemberaubend jene Szenen waren, die sich eben nicht ankündigten, wenn in „Die amerikanische Nacht“ das unscheinbare Skriptgirl Nathalie Baye den Aufnahmeleiter kurzerhand ins Gebüsch zieht oder wenn in „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ Stéphane Audran und Jean-Pierre Cassel in einem Anfall jäher Erregung vom Klingeln ihrer Gäste gestört werden und einfach aus dem Schlafzimmerfenster in den Garten klettern, um ungestört zu beenden, was sie angefangen haben. Diese Art impulsiv ausgelebter Sexualität war auch deswegen so unerhört, weil Filme sonst immer ein riesiges Brimborium veranstalteten, wenn es darum ging, zwei Menschen einander näher zu bringen. Ohne ein Vorspiel mit anschwellender Musik und gedämpftem Licht war das eigentlich gar nicht denkbar. Im wirklichen Leben offenbar doch.

Wir waren läufige Hunde, und jene Zeiten zu Beginn des Privatfernsehens, als man dort noch auf deutsche Softpornos der 70er Jahre setzte, wären für uns damals wahrscheinlich das Paradies gewesen. Wie Pubertierende heutzutage mit der Dauerpräsenz sexuell aufgeladener Bilder – auf Plakatwänden, in 0190-Werbungen oder im Internet – fertig werden, ist mir schleierhaft. Damals war Sex jedenfalls noch etwas, was den Bildschirm nahezu explodieren ließ.

Dennoch war mir unverständlich, wie man ins Kino gehen konnte, um in der letzten Reihe zu knutschen. Es war doch geradezu so, dass die Begleitung von Mädchen das ungestörte Erlebnis beeinträchtigte, dass es den unbeschwerten Genuss von etwaig anfallender Erotik nahezu unmöglich machte, weil es Implikationen mit sich brachte, denen man sich nur ungern aussetzte: Erwartet sie nun was von mir? Soll ich es wagen? Oder ist das zu offensichtlich? In diesem Fall waren das Fragen, mit denen man sich im Kino nicht beschäftigen wollte. Und als ich Jahre später die schwachsinnige Idee hatte, mit einer wunderbaren Frau am ersten Abend ausgerechnet in „9 1/2 Wochen“ zu gehen, wand ich mich einen Film lang unter Qualen: Was mag sie von mir denken, sie in so einen Film zu schleppen? Man kam sich vor wie Robert De Niro, der in „Taxi Driver“ die sichtlich auf gepflegte Annäherungsrituale bedachte Cybil Shepherd beim ersten Rendezvous ganz arglos in einen Schwedenporno mitnimmt und dann ganz erstaunt ist, als sie empört davonläuft. Während also Mickey Rourke den Inhalt eines Kühlschranks von Kim Basingers nacktem Körper schleckt, hatte ich einen Schweißausbruch nach dem anderen. Meiner Begleiterin ging es offenbar kaum anders. Hinterher beeilten wir uns einander zu versichern, wie plump der Film gewesen sei. Dabei ist er eigentlich gar nicht so schlecht. Später, als wir das Erlebnis überwunden hatten, erzählte die Frau, wie sie mal mit ihrer sittenstrengen Mutter in Aussicht auf gehobenen Filmgenuss ausgerechnet in Bertoluccis „Letzten Tango in Paris“ gelandet ist – die Hölle! Aber die Mutter blieb standhaft bis zum Ende. Danach wurde kein Wort über die Sache verloren. Es gibt eben Filme, die sollte man besser alleine sehen.

Wenn man mal von dem Skandal absieht, den solche Filme verursacht haben, dann ist man Jahrzehnte später immer wieder überrascht, welche Freiheit in den 70ern möglich war, wie viel Ausdrucksmöglichkeiten die sexuelle Revolution dem Kino damals eröffnet hatte – und wie weit wir in der Folge dahinter zurückgefallen sind. Was Brando und Maria Schneider in dem Pariser Apartment trieben, was Nagisa Oshima oder Pier Paolo Pasolini gezeigt haben, ist vielleicht nicht nach jedermanns Geschmack, aber die Selbstverständlichkeit, mit der die Schauspieler ihre gar nicht so perfekten Körper präsentieren, hat auch etwas zutiefst Berührendes.

Entblößte Körper

Das ist heute noch so verwirrend wie damals, obwohl wir mittlerweile viel früher und häufiger mit Sex konfrontiert werden. Wenn man so will, dann sind all die entblößten Körper, die auf Plakaten und Zeitschriften locken, womöglich nicht halb so nackt, wie sie tun: Ihre Perfektion verhüllt sie viel gründlicher, als es jeder Schleier vermag. Und das gilt auch für die Filme, in denen wir mit standardisierten Sexszenen abgespeist werden, die nichts von der Erregung transportieren, die damit einhergehen müsste.

Denn obwohl es im Kino immer nur um das eine geht, tut es sich doch reichlich schwer, das auch zu formulieren. Schon dass man bei bestimmten Filmen immer nur davon redet, die Sexszenen seien „explizit“, zeigt nur, dass wir dafür noch immer keine Sprache gefunden haben. Natürlich haben wir gelernt, die Zeichen zu deuten, und es gibt ja auch ein paar gute Gründe, nicht immer bis zum Äußersten zu gehen – ein paar der allerschönsten Filme kommen auch ganz gut ohne aus. Aber es gibt auch genauso gute Gründe, die Schamgrenze zu überwinden und überhaupt erst dort anzufangen, wo andere Filme aufhören. Als Paul Schrader Lauren Huttons Hand zeigte, die sich in „American Gigolo“ ins Laken krampft, um auf dem Höhepunkt loszulassen, war das ein wunderschöner Einfall, wie man das Eigentliche umgehen könnte. Mittlerweile ist das ein Standard des kinematographischen Vokabulars geworden. So wie der entschlossene Griff, mit dem der Mann den Frauenschenkel hochzieht, wenn sie es im Stehen treiben.

Das Kino hat den sexualisierten Körper so zerstückelt, dass dabei irgendwie das große Ganze aus den Augen verloren wurde: Was passiert eigentlich, wenn sich zwei Körper vereinigen? Welche Gefühle lassen sich mit der Kamera einfangen? Worum geht es? Und wenn dann plötzlich in Patrice Chéreaus „Intimacy“ die beiden Schauspieler Mark Rylance und Kerry Fox auf eine Art und Weise übereinander herfallen, die sich völlig selbst genügt, wird darin sichtbar, wie wenig das Kino sonst in der Lage ist, mit der Erregungskurve beim Sex mitzuhalten. Wie unbefriedigend die Formeln sind, mit denen Sex sonst bebildert wird. Und dass der jähe Sprung über die Schamschwelle eben nicht einer Choreografie unterliegt, sondern mit Unbeholfenheit, Körperlichkeit, Entäußerung einhergeht.

Weswegen äußere Erscheinung und sexuelle Performance auch so schwer in Einklang zu bringen sind: Den besten Sex hat man nicht mit den schönsten Frauen – auch im Kino nicht. Und wenn Kerry Fox zum ersten Mal unvermutet das Gesicht ihres Partners berührt, dann scheint der Kamera richtiggehend der Atem zu stocken – so dass sich das Bild zur Zeitlupe verlangsamt. Danach ist alles Gier und Raserei. Das ist genau das Wunder, nach dem wir im Kino suchen: dass es diese Grenze überschreitet, welche den ganzen Unterschied ausmacht zwischen Lust und Liebe.

Kann schon sein, dass nichts so aufregend ist wie erste Liebe und Ehebruch – den schönsten Sex der Filmgeschichte hat trotzdem ein verheiratetes Paar. Wenn man Julie Christie und Donald Sutherland in „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ wieder sieht, dann ist man bis heute geradezu ergriffen von der Aufrichtigkeit, mit der das Paar gezeigt wird, die gerade dadurch, dass sie nichts beschönigt, die Sache so schön aussehen lässt wie nie. Das Geheimnis liegt wohl darin, dass Nicolas Roeg beides zugleich zeigt: die Atemlosigkeit der Begierde und die Melancholie danach, die maßlose Gemeinsamkeit und die Einsamkeit, die ihr folgt. In dieser Gleichzeitigkeit entsteht der Eindruck, dass dem Treiben im Bett schon eingeschrieben ist, wie hinterher im Badezimmer die Erregung ausklingt, wie die beiden sich wieder anziehen, zurückschlüpfen in den Alltag und wortlos ihren Gedanken nachhängen.

Ausbruch der Leidenschaft

Ein Echo dieser Inszenierung findet sich in Adrian Lynes „Untreu“ wieder, wo die außereheliche Leidenschaft gegengeschnitten ist mit der Erregung und Scham, die Diane Lane empfindet, als sie auf dem Heimweg in der Subway den ehebrecherischen Nachmittag vor ihrem geistigen Auge Revue passieren lässt. Die besondere Stimmung in „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ hat vielleicht auch mit der speziellen Atmosphäre des winterlichen Venedig zu tun oder damit, dass die Szene so besonders unvermittelt kommt, weil die beiden zuvor ihre Tochter verloren haben und man danach alles vermuten würde, nur nicht diesen Ausbruch von Leidenschaft.

Aber es ist noch etwas anderes, wofür wir noch keine rechte Sprache haben. Wir haben zwar gelernt, die Schönheit von Kamerafahrten zu besingen, aber für das, was hier passiert, lassen sich nur schwer die rechten Worte finden. Weil man dann von körperlichen Details reden müsste, die sonst diskret ausgeblendet werden: von der Art, wie er ihren Hintern umfasst, als wolle er das Fleisch noch weiter öffnen; wie sie fast ungelenk die Stellung wechseln, als könne der menschliche Körper mit den Gefühlen einfach nicht mithalten; wie plötzlich sein Speichel in ihrer Halsmulde aufschimmert, als wolle er die Entäußerung beglaubigen; wie seine Hände unter der Jacke, die sie anbehalten hat, ihre Brüste bloßlegen.

All das ist mit einem Sinn für die Gesten, die dem Sex vorausgehen und ihn begleiten, ausgeführt, dass man zu spüren glaubt, was da in die beiden fährt. Hinterher steht Julie Christie vor dem Spiegel, den Lippenstift versonnen an die Lippen gehalten, der Liebe hinterherschmeckend, und es ist so, als könne man ihr dabei zusehen, wie sie erfüllt ist von dem Gefühl, das alle Liebenden umfängt, nämlich für einen Moment die begehrteste Frau der Welt zu sein. Und was man vor allem sieht, ist, wie die Gewissheit mit jedem Atemzug ein Stück entweicht.

Wenn Sex gut ist, fühlt er sich immer so an, als wäre es das letzte Mal. In diesem Fall ist es auch so.

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