Zeitung Heute : Wenn es lästig wird

Dagny Lüdemann

Im europaweiten Vergleich sehen sich besonders viele deutsche Frauen als Opfer von sexuellen Übergriffen. Warum fühlen sich Frauen hierzulande so oft belästigt?


Frauen in Deutschland fühlen sich häufiger als Opfer von sexuellen Übergriffen als die meisten anderen Europäerinnen. Das hat eine Studie des Max-Planck-Instituts ergeben, die am Montag in Brüssel vorgestellt wurde. 24 von 1000 befragten Bundesbürgerinnen gaben an, innerhalb eines Jahres Opfer von Vergewaltigung, sexuellem Missbrauch oder anstößigem Verhalten geworden zu sein. Damit lag Deutschland an dritter Stelle und weit über dem EU-Durchschnitt von 1,5 Prozent. In Italien beispielsweise fühlten sich nur 0,7 Prozent der Frauen belästigt.

„Das Ergebnis spiegelt aber keinesfalls die reale Situation in den verschiedenen Ländern wider“, sagt der Psychologe Helmut Kury, emeritierter Professor am Freiburger Max-Planck-Institut für Strafrecht. „Was als Belästigung empfunden wird, hängt ganz entscheidend von der Kultur des Landes, dem Grad der Emanzipation und dem Umgang mit dem Thema in der Öffentlichkeit ab.“ Der Koordinator der Studie, Robert Manchin, weist darauf hin, dass im Hinblick auf die Schwere der Fälle genau unterschieden werden müsse. So hätten 83 Prozent der Deutschen, die sich belästigt fühlten, „anstößiges Verhalten“ beklagt, zehn Prozent berichteten über einen handgreiflichen „sexuellen Angriff“. Lediglich sechs Prozent gaben eine versuchte Vergewaltigung zu Protokoll und ein Prozent eine Vergewaltigung.

Kury hat selbst an der groß angelegten Studie „European Crime and Safety Survey“ mitgearbeitet. Darin waren die Europäer auch nach Erfahrungen mit anderen Straftaten, wie Diebstahl oder Einbruch befragt worden. Heraus kam, dass die Deutschen ihr Land insgesamt als recht sicher einschätzen. Am meisten bedroht fühlen sich Iren, Briten und Esten.

„Der Vorteil dieser Studie im Vergleich zu Kriminalstatistiken der Polizei ist, dass wir auch Fälle erfassen konnten, die nicht zur Anzeige gebracht wurden“, sagte Kury dem Tagesspiegel. Darunter falle gerade ein Großteil der Sexualdelikte. Allerdings gebe die Befragungsmethode mit Telefoninterviews nur ansatzweise Aufschluss über die tatsächliche Anzahl von Fällen sexueller Belästigung bis hin zur Vergewaltigung. Man könne davon ausgehen, dass in Südeuropa einerseits manches als „normales Machogehabe“ angesehen werde, was in Deutschland oder Skandinavien bereits als strafbare Grenzüberschreitung gelte. Andererseits würden Themen wie sexuelle Gewalt in weniger emanzipierten Ländern stärker tabuisiert, weshalb die Opfer dort seltener darüber sprächen. Auch der Umgang mit Sexualstraftaten in den Medien habe starken Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung. „In Deutschland wurde in letzter Zeit häufig über Sexualdelikte berichtet – das hat die Bevölkerung sensibilisiert“, sagte Kury. Außerdem könne es gerade in Gesellschaften, in denen viele Kulturen zusammenleben, zu Missverständnissen kommen. In manchen Ländern sei es durchaus üblich, eine Frau längere Zeit anzusehen, ohne dabei sexuelle Absichten zu hegen. Das könne in Deutschland aber falsch ankommen.

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