Wenn Hessen kippt : Merkels Werk, Kochs Beitrag

Wenn Hessen kippt, das Wortspiel muss einmal noch erlaubt sein, dann ist Ministerpräsident Roland Koch "brutalstmöglich" gescheitert, nicht als Politiker in toto, wohl aber mit seinem Rückgriff auf einen Politikstil, der die gesamte Republik in den vergangenen Wochen in unnötige Wallungen versetzt hat. Man nennt diesen Stil: Populismus.

Axel Vornbäumen

Koch, wiewohl selbst nie populär, kann anscheinend nicht anders. Bedenklicher: Er will auch gar nicht erst. Nun aber hat es plötzlich den Anschein, als könnten Hessens Wähler ihrem Regierungschef exakt deswegen die Rote Karte zeigen, weil der sich geriert wie ein Herausforderer und nicht wie einer, der seit neun Jahren Verantwortung für das Bundesland trägt. Zumindest für Anhänger der politischen Kultur ist das keine schlechte Nachricht.

Noch ist es nur eine Momentaufnahme der Demoskopen. Doch die liegt schon gefährlich nah am Wahltermin, dem kommenden Sonntag: In Hessen sieht es nach Wechselstimmung aus, statt des erwarteten Amtsbonus dominiert der Überdruss. Selbst Helmut Kohl hat sich gegen dieses Phänomen am Ende nicht mehr wehren können, das allerdings nach fast doppelt so langer Regentschaft. Noch selten aber hat jemand einen derartigen Crashkurs in eigener Sache gefahren wie Hessens Ministerpräsident. Heißt das: Die lauten Töne sind vorbei?

Zumindest für Angela Merkel wäre das keine schlechte Nachricht. Mainabwärts gingen im Falle einer Wahlniederlage Roland Kochs vorderhand nicht nur dessen nie ad acta gelegte Ambitionen, die Kanzlerin irgendwann einmal zu beerben. Pulverisiert hätte sich fürs Erste auch der einzige real noch existierende Gegenentwurf, den die Union anzubieten hat – jener Konservatismus mit klarer Kante, dem alles Linke zutiefst suspekt ist.

Merkels Werk und Kochs Beitrag? Die Kanzlerin hat ein Klima geschaffen, das Typen vom Schlage Kochs fast schon als deplatziert erscheinen lässt. Wie ein Solitär wirkt der Hardliner aus Hessen mittlerweile im Strom der sich sozialdemokratisierenden Union, wie einer, der aus der Zeit gefallen ist, ohne es bemerkt zu haben. Wie einer, der noch an der Rollenprosa seines Ziehvaters Alfred Dregger festhält. Auch der wollte die Sozis zu Lande, zu Wasser und in der Luft bekämpfen. Kochs jüngster Appell, die Kommunisten zu stoppen, klingt doch arg danach, als käme der Russe demnächst durchs Fulda Gap. Ja, es könnte alles so einfach sein. Ist es aber nicht.

Wie schnell das manchmal geht in der Politik. Von der Riege der einstmals einflussreichen Unionsministerpräsidenten, die sich alle für den besseren Kanzler gehalten haben, muss Angela Merkel auf mittlere Sicht niemanden mehr in Schach halten – nicht mal den liebenswürdigen Christian Wulff aus Niedersachsen, der so lautlos wie kommod sein Ministerpräsidentenamt wird verteidigen können. Vom dortigen Wahlkampf wird im Wesentlichen der ärmliche Versuch in Erinnerung bleiben, den die Gattin des SPD-Herausforderers Wolfgang Jüttner via „Bunte“ gestartet hat, um an der moralischen Integrität Wulffs zu kratzen. Bundespolitisch ist Wulff derzeit schon deshalb keine Alternative zu Merkel, weil er keine Alternative zu Merkel wäre.

Sechs Tage noch. Und wieder einmal ist zu besichtigen, welch irrationalen Dominoeffekt ein paar Tausend Wählerstimmen in einem kleinen Bundesland haben können. Kippt Hessen, dann wird Kurt Beck sich in seinem Kurs bestätigt fühlen – und Oskar Lafontaine auch. Das mag für den Moment passen, langfristig aber muss es passend gemacht werden. Da gibt es noch viel zu tun, wie die merkwürdige Intervention vom ehemaligen Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) zeigt, der indirekt dazu aufruft, seine Partei in Hessen besser nicht an die Macht zu lassen. Wechselstimmung heißt zuvorderst eben nur, dass die Mehrheit der Ansicht ist, dass es so nicht weitergehen kann. Wie es aber weitergehen soll, das ist eine ganz andere Frage.

Kippt Hessen, was wird dann aus Roland Koch? Am plausibelsten wäre, er würde in Berlin Franz-Josef Jung ersetzen, den Mann, den er als Merkel-Aufpasser im Kabinett platziert hat. Dann gäbe es ja doch mal was Richtiges im Falschen.

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