Zeitung Heute : Wenn ich schon mal in Berlin bin - Der Fehltritt des Bundesbank-Chefs Welteke

Der Fehltritt des Bundesbank-Chefs Welteke

Rolf Obertreis[Frankfurt]

Wenn ich schon mal in Berlin bin Der Fehltritt des Bundesbank-Chefs Welteke

Am meisten schmerzt es ihn, dass er nun als arroganter und raffgieriger Spitzenbeamter gehandelt wird. Wo sich doch der gelernte Landmaschinenmechaniker Ernst Welteke immer viel darauf zugute hielt, dass er die Bodenhaftung nicht verloren hat. Ob Ferien mit dem Billigflieger oder der Wochenendeinkauf im Supermarkt: Bundesbankpräsident Welteke ist ohne Bodyguards unterwegs, schätzt die Heimat und ihre Leute. „Man muss ja nicht unbedingt in die Rocky Mountains fahren, die Kasseler Berge sind auch schön“, hat er einmal gesagt. Und das hat er auch so gemeint.

Umso aufgescheuchter reagiert seine Behörde nun auf den Fehltritt des Präsidenten: Über 7000 Euro schwer war die Hotelrechnung zur Euro-Begrüßungs-Silvesterparty am Brandenburger Tor, die sich der Amtsleiter von der Dresdner Bank bezahlen ließ. „Wenn ich schon einmal in Berlin bin, dann hänge ich noch ein paar Tage dran“, hatte er gesagt, als die Sache aufflog – die Backen gerötet, den Hals nach oben gereckt. Ohne jedes Schuldbewusstsein, das sei „auf Arbeitsebene entschieden“ worden. Jetzt leitet die Staatsanwaltschaft Frankfurt ein Ermittlungsverfahren gegen Welteke ein, es bestehe der Anfangsverdacht der Vorteilsannahme bei seinem Hotelaufenthalt.

Dass der 61-Jährige die angenehmen Seiten des Lebens zu schätzen weiß, das ist bekannt. Welteke – in zweiter Ehe verheiratet und Vater von insgesamt vier Kindern – gilt als jovial und lebenslustig, mitunter auch als ein bisschen flapsig und unbedacht. Dass Welteke deshalb aber käuflich sein könnte, halten nicht nur enge Vertraute für absurd. Selbst politische Gegner des langjährigen SPD-Mitglieds schätzen seine Unabhängigkeit, seine Präzision und seinen klaren und knappen Stil. Und: Mit 350000 Euro pro Jahr ist Welteke der bestbezahlte Beamte der Republik.

Feinde hat er sich allerdings auch genug gemacht – nicht zuletzt im eigenen Haus. Die rigorose Schrumpfung der Bundesbank, die den größten Teil ihrer Aufgaben längst an die Europäische Zentralbank verloren hat, brachte die Mitarbeiter gegen ihn auf. Unter Welteke wurde der Zentralbankrat ebenso kompromisslos abgeschafft wie die Landeszentralbanken – viele schöne Posten gingen dabei verloren, auf die sich schon viele altgediente Politiker und Spitzenbeamte in Bund und Ländern gefreut hatten. Zwei Drittel der Bundesbankfilialen wurden mitleidslos geschlossen und etwa 5000 der ehemals 16000 Arbeitsplätze abgebaut.

20 Jahre saß Welteke im hessischen Landtag, unter Ministerpräsident Hans Eichel war er hessischer Wirtschafts- und später Finanzminister. 1994 wechselte er an die Spitze der Landeszentralbank in Frankfurt, im Herbst 1999 schließlich an die Spitze der Bundesbank. Dass ihn die jetzige Bundesregierung auf den Chefsessel der Notenbank gehievt hat, erfüllt Welteke zwar mit Dankbarkeit – was ihn aber keineswegs daran hindert, in alter Bundesbanktradition auf Defizite in der Politik seines einstigen Chefs Eichel hinzuweisen. In Berlin jedenfalls könnte man sich einen bequemeren obersten Bundesbanker vorstellen – kein Wunder, dass die Rückendeckung für Welteke ziemlich lustlos ausfiel.

Was sich Welteke mit der Adlon-Affäre eingebrockt hat, wollten viele Bundesbankbeschäftigte auch am Dienstag noch nicht recht wahrhaben. Ihm selbst dämmert erst langsam, was er sich da eingehandelt hat. Er trifft die erste vernünftige und nachvollziehbare Entscheidung bei der Sitzung – und lässt die übrigen Vorstandsmitglieder der Bundesbank allein beraten, wenn es um seinen Silvester-Ausflug geht – und um seinen Posten. Einen Rücktritt schließe der Präsident nicht mehr aus, hieß es gestern Nachmittag erstmals.

Fünf Monate nach dem Adlon-Fehltritt unterschrieb Ernst Welteke im Mai 2002 als Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank den Verhaltenskodex des Gremiums. Dort steht ausdrücklich, dass Ratsmitglieder keine üppigen Vergünstigungen annehmen dürfen und sicherzustellen haben, dass dadurch ihre Verpflichtungen nicht beeinträchtigt werden können. Im Euro-Tower schüttelt man den Kopf über Weltekes Dummheit. Und wundert sich auch darüber, dass es in der Bundesbank einen solchen Kodex nicht gibt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben