Zeitung Heute : „Wenn ich solche Warnungen höre, bin ich sehr beruhigt“

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Nach neuen Terrordrohungen haben die USA die Alarmstufe erhöht. Wie ernst sind die Hinweise auf Anschläge zu nehmen, Herr Hirschmann?

Herr Hirschmann, wie ernst sind die Hinweise auf Terroranschläge in den USA?

Es hört sich paradox an, aber wenn ich solche Warnungen höre, bin ich sehr beruhigt. Denn die Erfahrung zeigt: Je konkreter ein Ziel in der Öffentlichkeit genannt wird, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass dort etwas passiert. Man weiß ja offensichtlich etwas über Pläne und Täter und kann gegen sie vorgehen.

Immerhin scheinen die Hinweise eines kürzlich festgenommenen Computerspezialisten von Al Qaida zu stammen.

Wenn Sicherheitskreise konkrete Hinweise haben, bearbeiten sie die hinter den Kulissen und versuchen, die Täter zu fassen, aber man kommuniziert nicht seine Geheimdiensterkenntnisse in der Öffentlichkeit. Wenn das eine heiße Kiste wäre, würde man doch alles mögliche versuchen, nur nicht nach Sendezeiten im Radio oder Fernsehen lechzen. Ich kann mir schon vorstellen, dass man bei dem Festgenommenen Pläne gefunden hat, lange Listen möglicher Ziele. Aber ich bezweifle, dass die in einem Stadium waren, das es erlauben würde, von konkreter Anschlagsvorbereitung zu sprechen.

Heißt das: Alles nicht so schlimm?

Grundsätzlich gilt: Die Bedrohung durch den islamistischen Terror ist real. Die genannten Ziele in den USA – die Börse und die Weltbank – sind auch tatsächlich denkbare Ziele für Al Qaida. Aber die öffentliche Ankündigung, die Heraufsetzung der Alarmstufe – das ist Show. Die Hinweise sind deshalb ähnlich zu bewerten wie die in der Vergangenheit: Da spielt viel politisches Kalkül eine Rolle. Man will das Bewusstsein für die Bedrohung wachhalten, um vom außenpolitischen Desaster im Irak abzulenken, wo man den Terror erst stark gemacht hat, und man schielt innenpolitisch auf die Wahl.

Sind die jetzt verschärften Sicherheitsmaßnahmen Teil dieser Show?

Ich würde unterscheiden zwischen gefühlter und tatsächlicher Sicherheit. Was jetzt geschieht, dient der gefühlten Sicherheit der Amerikaner. Mit der tatsächlichen Sicherheit aber hat das nichts zu tun. Da bin ich übrigens im Hinblick auf die USA ruhiger als mit Blick auf Europa.

Sie rechnen mit Anschlägen in Europa?

Wenn Al Qaida etwas Spektakuläres machen will, das die Amerikaner trifft, aber nicht gerade die Börse in den USA ist, dann könnten sie zum Beispiel Radio Free Europe in Prag in die Luft jagen, die Stimme Amerikas in Europa. Das würde viele Menschen in den Tod reißen. Es wäre etwas, womit niemand rechnet. Es wäre sehr symbolisch. Und mit der Tschechischen Republik würde auch noch ein Land getroffen, das sich an die Seite der USA gestellt hat. Das alles würde viel eher dem taktisch-operativ brillanten Denken Al Qaidas entsprechen. Kai Hirschmann ist stellvertretender Leiter des Instituts für Terrorimusforschung in Essen.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

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