Zeitung Heute : Wenn ich Tommy Franks wär’

Die Bilder aus diesem Irak-Krieg sind älter als sechs Tage – man kennt sie aus Computerspielen

Kai Kolwitz

„Panzer walzen Bäume nieder und schrotten geparkte Autos. Zivilisten fliehen vor anrückenden Militärs und suchen im nächsten Gebäude Schutz. Riesige Gebäude wie ein Staudamm lassen sich zerstören und stürzen (...) bombastisch animiert ein. Bedrohlich blinkende Atomraketen, grüne Giftgas-Nebel“, meldet der begeisterte Beobachter. Es ist Krieg – allerdings beschreibt der Rezensent der Computerzeitschrift „Gamestar“ nicht die Bilder von CNN oder Al Dschasira, sondern Animationen aus „Command & Conquer: Generals“, einem Strategie-Spiel des Herstellers Electronic Arts, mit dem der Computerspieler beweisen kann, dass er der bessere Tommy Franks wäre, der US-Oberkommandierende – oder der bessere bin Laden.

Eigene Atombombe

In einem in naher Zukunft angesiedelten Szenario versucht eine Organisation namens „Global Liberation Army“ (GLA) den Supermächten USA und China Paroli zu bieten. Mit konventioneller Kriegsführung ist wenig auszurichten. Aber dafür stehen dem Spieler alle Mittel zur Verfügung, die man aus den Abendnachrichten kennt: Selbstmord-Attentäter, Giftgas-Attacken, Milzbrand und, ein wenig spielerisches Geschick vorausgesetzt, irgendwann auch die erste eigene Atombombe. Auch Angriffe auf UN-Konvois gehören zum Repertoire. Zur schnellen Fortbewegung dient ein weit verzweigtes Tunnelsystem, die Operationsbasis der ersten Missionen liegt in der irakischen Wüste.

Die Grafik, die es erlaubt, im Gasnebel erstickende Soldaten per Großaufnahme in allen Details sterben zu sehen, wird allerorten gelobt. Was den Plot angeht, machen sich bei vielen Rezensenten allerdings Magenschmerzen breit. Mit „Geschmackssache“ umschreibt die Computerzeitschrift „Chip“ das Szenario des Spiels. Anderswo wird man deutlicher. Das Spiel „Generals“ unterstellt, das irakische Regime sei gleichzusetzen mit islamischen Terrororganisationen. Die GLA wird im Spiel offensichtlich zum Stellvertreter von Terrorgruppen wie Al Qaida. Ihre Einheiten sprechen mit deutlich arabischem Akzent und kleiden sich durchaus in arabischer Weise, die Gebäude sind in arabischem Stil gehalten. Auch die Waffen entsprechen denen islamistischer Terrororganisationen. Die Spielanleitung erwähnt darüber hinaus, dass die GLA „Schläfer“-Zellen in Europa unterstütze, um ihren Einfluss zu vergrößern, bemerkt die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften in ihrem Gutachten zum Spiel.

So viel Wirklichkeitsnähe ging den Jugendwächtern zu weit. Das Spiel landete auf dem Index, obwohl die freiwillige Selbstkontrolle der Spiele-Hersteller „Generals“ zuvor eine Freigabe ab 16 Jahren erteilt hatte.

Nun ist es nicht neu, dass Kriegszeiten ihre eigenen Spiele hervorbringen. Schon im Zweiten Weltkrieg konnte sich der Hitlerjunge im Luftschutzkeller mit dem „Adler-Luftverteidigungsspiel“ nah an der Front fühlen, während er auf die Entwarnung wartete. Auch „Generals“ ist nicht der einzige virtuelle Kriegsgewinnler der Gegenwart. „Wartainment“ nennt man so etwas. Was dabei ins Auge fällt, ist, dass die Berührungspunkte zwischen der Computer-Welt und realen Militäreinsätzen in den letzten Jahren immer größer werden. Mussten die US-Marines vor Jahren in Ermangelung speziell entwickelter Software noch mit dem Ego-Shooter „Doom“ den Einsatz trainieren, überraschte die US-Army 2002 mit „America’s Army“, dem ersten selbst entwickelten Beitrag zum Thema.

Dabei nutzen die G.I.s den Umstand, dass bei den Jugendlichen zwischen dem Höhepunkt der Spiele-Begeisterung und dem wehrfähigen Alter nicht viel Zeit vergeht. So werden die unbemannten Predator-Drohnen der Amerikaner längst im sicheren Kommandostand aus einer Art virtuellem Cockpit geflogen. Kameras und Sensoren sorgen für „echte“ Eindrücke aus dem Flugkörper. Realer kann ein Flugsimulator nicht werden.

Häuserkampf, virtuell

Wohin führt das? Es geistern Pläne für den technik-gestützten Bodensoldaten durch die Medien. Angetan mit Holo-Brille, unterstützt von Zusatzmuskeln in einer Art Außenskelett soll der militärische Semi-Cyborg in Sachen Leistungsfähigkeit und Ausdauer dem Normalmenschen überlegen sein – zumindest so lange, wie die Batterien halten.

Neuester Beitrag des Militärs zum Computerspiele-Markt sind die Titel „Full Spectrum Command“ und „Full Spectrum Warrior“, die vom Institute for Creative Technology an der University of South California mit Regierungsgeldern entwickelt wurden und sowohl Soldaten als auch Normal-Spielern zur Verfügung stehen. An der PC-Version „Command“ lobt das „National Defense Magazine“ unter anderem die Trainingsmöglichkeiten für unkonventionelle Strategien im Häuserkampf – nicht wirklich weit weg von möglichen Szenarien für den Irak-Krieg.

Man sollte nur nicht vergessen, dass in der wirklichen Welt niemand drei Leben hat.

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