Zeitung Heute : Wenn Junge nicht auf Jobs anspringen

HEIK AFHELDT

Das klingt nicht schlecht.Mit dem Sofortprogramm der Bundesregierung "100 000 Jobs für Jugendliche" (Jump) ist die Zahl der jungen Stellensuchenden unter 25 Jahren deutlich zurückgegangen.Aber wir sollten uns davor hüten, diese Nürnberger Nachrichten nur zur Kenntnis zu nehmen und einfach zur Tagesordnung überzugehen.An die Horror-Zahlen von über vier Millionen Arbeitslosen haben die Bürger sich allmählich gewöhnt.Gegen die aufwühlenden Kriegsnachrichten aus dem Kosovo haben die Arbeitslosen kaum eine Chance auf breite Aufmerksamkeit.Selbst gegenüber der noch unakzeptabel hohen Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen stumpfen die Menschen ab.Ganz zu Unrecht.Wenn in diesem Lande 450 000 junge Leute unter 25 Jahren - eine Arbeitslosenquote von neun Prozent - vergeblich nach einer Arbeit suchen, dann ist etwas faul im Staate Deutschland.Da tröstet auch nicht, daß andere europäische Nachbarn mit dem Fluch der arbeitslosen jungen Generation noch stärker belastet sind.In Frankreich sind es fast 26 Prozent, in Spanien gar 33 Prozent.

Was macht dieses Phänomen "Junge ohne Jobs" so empörend? Wir mögen von der Überlegenheit der marktwirtschaftlichen Ordnung noch so überzeugt sein.Zu Recht, wenn es um die Produktion von Wohlstand geht.Wir mögen stolz sein auf das Beiwort "sozial", weil das soziale Netz noch für die meisten wirklichen Notfälle taugt.Aber was ist das für ein lausiges System, das so vielen jungen Menschen am Anfang ihres Berufslebens den Zugang zu einer Ausbildungs- oder Arbeitsstelle verweigert? Daran nehmen nicht nur die jungen Leute Schaden, die draußen vor der Tür bleiben, sondern das Modell der sozialen Marktwirtschaft insgesamt verliert seine Glaubwürdigkeit.

Warum ist bisher keine wirksame Arznei gegen die hartnäckig hohe Zahl junger Menschen ohne Arbeit gefunden worden? Sind die jungen Leute selber schuld oder verweigert sich die Wirtschaft? Verschiedene Wege führen nach Rom und zum Ziel.Die einen meinen, die meisten Jungen wollten ja gar nicht wirklich arbeiten.In ihren Kreisen sei Arbeitslosigkeit kein Übel mehr, sie sei enttabuisiert und eher schick.Mit den Leistungen der Arbeitslosenversicherung und der Sozialhilfe ließe es sich doch ganz gut und bequem leben.Es mag solche geben.Wieviele es sind, sagt uns die Statistik nicht.Mit solchen Drückebergern gehen Länder wie Dänemark oder Großbritannien sehr viel härter um.Wer sich einer angebotenen Ausbildung oder Arbeit verweigert, wem der Weg zu weit, die Arbeitszeiten zu streng oder die Tätigkeiten zu schmutzig sind, verliert die Ansprüche auf Unterstützung.Eine wirksame Arznei.

Bei vielen Jugendlichen fehlen aber die erwünschten Qualifikationen für eine Stelle.Aus- und Weiterbildungsprogramme - auch on the job - erweisen sich als wirksam.Die Unternehmen müssen ihren Teil dazu beitragen und auch weniger qualifizierten Jugendlichen eine Chance geben.Für die Jungen ist das immer die bessere Alternative zur Arbeitslosigkeit - und für die Gesellschaft auch.Die Wirtschaft insgesamt erweist sich einen Bärendienst, wenn sie sich um den Nachwuchs nicht schert.Die lauten Klagen von morgen über den Mangel an Fachkräften kann man heute schon vorausahnen - vor allem wenn die dünner besetzten Jahrgänge nachrücken.Solche zyklischen Verknappungen haben wir kürzlich bei den jungen Ingenieuren gesehen.Klar, die Unternehmen kann man nicht zur Einstellung beliebig vieler Arbeitsloser zwingen.Sie würden an den Kosten ersticken.Aber sie haben aus eigenem Interesse an Nachwuchs die Pflicht, jungen Menschen ihre Türen zu öffnen, sie auszubilden und zu beschäftigen.Jeder Jugendliche, der arbeiten will und keinen Job bekommt, ist ein Makel an unserer Wirtschaftsordnung.Soweit öffentliche Programme helfen, Stellen zu vermitteln und Jobs "anzufinanzieren", ist das gut.In Berlin/Brandenburg sind mit den Mitteln des "Jump-Programms" bisher schon rund 13 000 junge Menschen zu Ausbildung oder Arbeit gekommen.Aber 31 000 hatten ein konkretes Angebot.Es bleibt also noch viel zu tun.

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