Zeitung Heute : Wenn Kaffee nicht mehr hilft

Seit zehn Jahren berät die Psychologische Beratung Studierende, die Schwierigkeiten in der Uni haben

Georg Dufner

Wenn sich Bücher und Aufgaben bedrohlich auf dem Schreibtisch stapeln und langsam Panik angesichts des nahenden Klausurtermins aufkommt, finden Studierende oft keinen sinnvollen Ausweg. Situationsbeschreibungen, wie „Ich nehme mir Kaffee und Zigaretten an meinen Arbeitsplatz, mache es mir gemütlich und fange dann an zu arbeiten“, „nach zehn Minuten Lesen schweifen meine Gedanken ab“ oder „ich muss erst alles andere erledigt haben, bevor ich Ruhe zum Arbeiten finde“, hört Holger Walther oft.

Seit über zehn Jahren leitet der Diplom-Psychologe die Psychologische Beratung der Humboldt-Universität. Lernstörungen sind ein wichtiger Teil der psychischen Probleme, mit denen Walther in seinem Beruf konfrontiert wird. Auch bei Orientierungsschwierigkeiten, Prüfungsängsten, Motivations- und Selbstwertproblemen, Partnerschaftsproblemen und Therapiewünschen bietet er kostenfrei seinen Rat an.

Entscheidend für Walther ist, ob der Rat Suchende sich in einer einfach lösbaren „depressiven Stimmung“ oder in einer tatsächlichen „Depression“ befindet. Depressiv gestimmten Studierenden kann Walther meistens nach ein bis zwei Sitzungen oder mit einer telefonischen Beratung helfen. Zur Bewältigung von vielen Problemen bietet die Psychologische Beratungsstelle darüber hinaus Gruppenangebote an. Bei schweren psychologischen Problemen berät Walther und nennt niedergelassene Psychotherapeuten.

Oft sind die Probleme der Studenten aber relativ leicht zu lösen. „So habe ich noch nie darüber nachgedacht“, hört der Uni-Psychologe häufig. „Bei vielen der Studierenden können durch einen neuen Denkanstoß die Gleise noch mal neu gestellt werden“, sagt Walther. Da sich Studenten in einer Umbruchzeit auf Identitätssuche befinden, seien sie häufig neuen Denkansätzen gegenüber offen.

Lernstörungen sind zum Beispiel oft auf eine Fehleinschätzung des psychologischen Zusammenhangs zwischen Arbeit und Belohnung zurückzuführen. So stehen Zigaretten und Kaffee für Genuss und Muße und nicht für das Pauken des Prüfungsstoffs. Sie sollten also Arbeit und Anstrengung als Belohnung folgen. Sonst, so Walther, interpretiere das Unterbewusstsein falsch: „Wieso soll ich lernen, wenn ich das Angenehme ja ohnehin schon vorher bekomme?“

Ein kürzlich erschienener Tätigkeitsbericht der Psychologischen Beratung zeigt, dass starke Unterschiede zwischen den Abschlusszielen und der Besuchshäufigkeit in der Sprechstunde festzustellen sind: 36 Prozent studieren auf Magister, 29 Prozent wollen ihr Diplom machen, nur rund 12 Prozent der Hilfesuchenden sind fürs Lehramt eingeschrieben.

Sind es die Umstände des Magisterstudiengangs, die die Studenten verunsichern oder sucht sich der unsichere Abiturient einen solchen aus? Walther bestätigt die zweite Hypothese. Er erklärt dies mit der möglichen unterbewussten Entscheidung des Menschen, seine bisherige Unstrukturiertheit und Spontaneität fortführen zu wollen. Der Magisterstudiengang als besonders freier Studiengang kann so zu einem potenziellen Risiko für diejenigen werden, die von Wahlmöglichkeiten häufig überfordert sind. Für die Studierenden der Bachelor- und Masterstudiengänge erhofft sich der Berater daher ein früheres Erkennen von Phänomenen, wie Prüfungsangst und falscher Studienplanung. „Der an der Massenuniversität unbemerkte Langzeitstudent wird dann hoffentlich der Vergangenheit angehören.“

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